Sprachjakobinismus

Sprachjakobinismus

Es geht ein neues Virus herum – das Autoritätsvirus. Fast widerstandslos haben wir in Corona-zeiten die Selbstentmündung des Souverän hingenommen. Fundamentale Grundrechte wurden eingeschränkt, und das mit früher für unmöglich gehaltenen Zustimmungsraten.

image
von Margit Osterloh am 17.5.2021, 07:00 Uhr
Boris Palmer
Boris Palmer
Wird mit dem Corona-Virus auch das Autoritätsvirus eingedämmt?
Leider nein. Zumindest in Deutschland wird durch Sprechverbote die Selbstaufklärung der Bürger weiter verhindert. Schlimmer noch: Es wird nicht mehr diskutiert, was einer tut und leistet, sondern was er sagt. Boris Palmer hat sich grosse Verdienste mit einem kreativen Umgang mit der Covid-Krise erworben. Er hat in Tübingen frühzeitig dafür gesorgt, dass umfassende Tests kostenfrei zur Verfügung gestellt wurden und dass deshalb die Einschränkungen der bürgerlichen Grundrechte geringer war als anderenorts. Das hat die staatsgläubigen Grünen und Linken irritiert – ausgerechnet die, deren Vorläufer die Parole ausgaben «Macht aus dem Staat Gurkensalat». Dieser Boris Palmer hat in den sozialen Medien gegen den «Sprachjakobinismus» polemisiert: Der ehemalige Nationaltormann Jens Lehmann hat den ehemaligen deutschen Fussball-Nationalspieler Dennis Aogo einen Quotenschwarzen genannt und Dennis Agogo hat das Wort «trainieren bis zum Vergasen» in den Mund genommen. Beide haben ihren Job verloren – ohne Ansehen ihrer Leistung im Fussball. Boris Palmer hat in ironischer Absicht Aogo als Rassisten bezeichnet und sexuelle Bezeichnungen gewählt, die ich nicht wiederhole, weil ich sie geschmacklos finde. Aber nicht nur gilt «de gustibus non est disputandum» (über Geschmack lässt sich nicht streiten) sondern auch über Geschmack muss gestritten werden – und das ohne Sprach- und Denkverbote. Es darf auch darüber gestritten werden, ob Politiker gut beraten sind, sich unter die Satiriker zu mischen und ihrer Lust an der Provokation ungebremst den Lauf zu lassen. Meinetwegen sollen auch die Grünen ein Ausschlussverfahren gegen Boris Palmer einleiten und damit dokumentieren, dass sie den Autoritätsvirus hegen und pflegen. In der Schweiz haben wir glücklicherweise weniger Sprachverbote. Warum? Die direkte Demokratie sorgt dafür, dass selbsternannte Eliten nicht ganz die Bodenhaftung verlieren. Auch erziehen unsere Vielsprachigkeit und die Vielfalt an Dialekten zu mehr sprachlicher Toleranz. Aber auch bei uns gibt es neuerdings das M-Wort und das historische Haus zum Mohrentanz wird wohl umbenannt. Wie das Cafe Mohrenkopf, das nun den typischen Schweizer Namen «Frisk Fisk» trägt. Selbstverständlich muss man berücksichtigen, dass Worte Geschichten haben. Darum haben sie Skandalisierungskraft, besonders wenn sie in verletzender Absicht ausgesprochen werden. Das war in den genannten Beispielen offensichtlich nicht der Fall. Worte und Begriffe haben aber auch eine De-Skandalisierungskraft. Erinnern Sie sich noch an die Worte des ehemaligen Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit «Ich bin schwul. Und das ist gut so»? Schwul ist heute weder ein S-Wort noch ein Schimpfwort. Die autoritäre Sprachpolizei ist um ein Überwachungsobjekt ärmer. Mein Vorschlag für alle Mohren: Initiiert selbstbewusst einen souveränen Bedeutungswandel des M-Worts mit «Ich bin ein Mohr und das ist gut so».
  • Kommentare
  • Gesellschaft
Ähnliche Themen
image

Bund geht auf Like-Jagd auf Instagram — und stellt dafür 10 Leute ein

image
Sandro Frei, Heute, 17:05