Somms Memo

Soziale Ungleichheit in der Schweiz. Wird es immer schlimmer? Mumpitz

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Bild aus dem marxistischen Lehrbuch. Reiche unter sich.
Bild aus dem marxistischen Lehrbuch. Reiche unter sich.
Die Fakten: Der Unterschied zwischen Arm und Reich blieb in der Schweiz seit dem Ersten Weltkrieg weitgehend stabil. Das zeigen Daten des IWP der Universität Luzern. Warum das wichtig ist: Die meisten Schweizer stehen unter dem Eindruck, die Reichen würden immer reicher. Das stimmt – aber die übrigen eben auch. Gegen Ende des Jahres erscheint jeweils die Spezialausgabe des Wirtschaftsmagazins BILANZ: «Die 300 Reichsten der Schweiz», und seit Jahrzehnten stürzen sich jene, die nicht darin vorkommen, auf die Zeitschrift und studieren mit einer Mischung von Voyeurismus und gespieltem Gruseln die fortschreitende Kapitalakkumulation im Land:
  • 2022 kamen die 300 Reichsten auf rund 821 Milliarden Franken Vermögen
  • Dabei ist dieser Wert gegenüber Vorjahr leicht «geschrumpft», wie die BILANZ mit einer gewissen Süffisanz hervorhebt (-0,1%)

Die BILANZ tut, was ihr ebenfalls Geld einbringt, und das will ich gar nicht kritisieren – das Wirtschaftsmagazin gehört unter anderem dem Ringier Verlag, dessen Besitzer, die Familie Ringier, geradeso zu den 300 Reichsten zählt. Wer liebt nicht den Kapitalismus mit all seinen Widersprüchen? Wenn die Liste der BILANZ aber zu denken gibt, dann aus einem anderen Grund, sie ist symptomatisch für einen systematisch verbreiteten falschen Eindruck, der in unserem Land – wie überall im Westen – grassiert:
  • Dass es mit der sozialen Ungleichheit immer schlimmer wird
  • Weil die Reichen sich besinnungslos bereichern, während die Armen auf der Strasse erfrieren, und der Mittelstand sich kein drittes Auto mehr leisten kann

Das ist Unsinn. Wie die Swiss Inequality Database beweist, die das Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik der Universität Luzern (IWP) betreibt. Es handelt sich um ein wirksames Gegengift gegen Vorurteile und voreiligen Sozialismus.
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Ich habe es hier bereits einmal vorgestellt, und es lohnt sich, ein paar Stunden auf der Website zu verbringen, wobei ich bewusst von Stunden rede, denn die Daten, die man selber ausgraben darf, scheinen unerschöpflich. Alles ist interaktiv, alles selbsterklärend, alles präzis:
  • So kann man selbst überprüfen, in welchem Kanton sich die Einkommensverteilung über die Jahre hinweg in welche Richtung entwickelt hat. Ist die soziale Ungleichheit in Zug gestiegen, hat sie im Tessin abgenommen?
  • Weiter ist zu erfahren, wie es sich mit der Ungleichheit vor Steuern und nach der staatlichen Umverteilung verhält. Macht überhaupt Sinn, was der Staat versucht?
  • Und es wird ersichtlich, wie hoch die Steuerlast ist, die die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung schultern – im Lauf der Zeit, von Kanton zu Kanton

Inzwischen ist es auch möglich, den Anteil der Haushalte abzuschätzen, die gar keine Bundessteuer mehr zahlen, weil ihr Einkommen zu tief liegt. Darüber hinaus liegen nun Daten für alle Kantone vor, die zeigen, ab welcher Einkommenshöhe man zu den zehn Prozent der besten Verdiener gehört. Welche Erkenntnisse muss man sich merken?
  1. Seit 1917 hat sich der Anteil der Reichen am gesamten Einkommen der Bevölkerung zwar erhöht – aber insbesondere seit den 1930er Jahren sehr viel weniger ausgeprägt, als man das meinen könnte, wenn man die BILANZ vor Augen hat – natürlich liegt das auch daran, dass die BILANZ sich auf die Vermögen konzentriert. Wenn es um soziale Ungleichheit geht, sind aber die Einkommensdifferenzen sehr viel entscheidender.

Ein Beispiel: Im Aargau, einem gut-schweizerischen Durchschnittskanton, betrug dieser Anteil 1917
  • 22 %
  • 2019, das ist der neueste Wert: 28,6 %

Und für die Schweiz gilt insgesamt:
  • 1917: 23,5 %
  • 2019: 34,6 %

Eine Zunahme ohne Zweifel, aber doch im erträglichen Masse. Wenn man sich daran erinnert, was seither geschehen ist – Globalisierung, der Wettbewerb um die besten Talente, der Niedergang der Industrie – dann ist das doch ein erstaunlicher Befund.
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Es gibt einen Grund, warum in der Schweiz die Leute nicht mehr an den Klassenkampf glauben – es sei denn sie zählen zu den rund 200 Juso des Landes.
  1. Oft vernimmt man in liberalen Kreisen die Klage, wonach die Umverteilung das gesunde Mass längst überschritten habe. Ausgerechnet das liberale IWP relativiert das ein wenig. Die staatliche Umverteilung zwischen Arm und Reich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zwar ausgedehnt – aber ebenso in viel geringerem Ausmass, als man das in liberalen Durchhalteparolen hört:

  • 1945 betrug dieser Wert über die ganze Schweiz betrachtet im Schnitt 2,9 % (der Wert ergibt sich aus zwei Zahlen: Dem Anteil der zehn Prozent Reichen am Gesamteinkommen vor Steuern abzüglich ihrem Anteil nach Steuern)
  • 2019 lag er bei 3,7 %

Kurz, es wird viel weniger umverteilt in der Schweiz als manchmal befürchtet – was daran liegen mag, dass eben auch die soziale Ungleichheit vor Steuern nicht so drückend ist, wie man das meint, liest man die gängigen Zeitungen des Landes. Tatsächlich stellt die Schweiz einen Sonderfall dar. In kaum einem westlichen Land sind die Einkommen so gleichmässig verteilt – bevor der Staat mit seinen gutgemeinten, aber oft wirkungslosen Umverteilungsmitteln eingreift. Laut Christoph Schaltegger, Professor für Politische Ökonomie an der Universität Luzern und Direktor des IWP, hat das mit dem Arbeitsmarkt zu tun, der so gut wie alle aufnimmt: «Die beste Sozialpolitik ist es, wenn man die Leute in Brot und Arbeit bringt.» Wachstum macht die Schweiz zu einem glücklichen, da egalitären Land – nicht der Staat. Oder wie es Thomas Sowell, einer der berühmtesten liberalen Ökonomen Amerikas, sagt: «Ich habe nie verstanden, warum es als ‹Gier› gilt, wenn Sie das Geld, das Sie verdient haben, behalten wollen, – aber es nicht Gier ist, das Geld eines anderen wegnehmen zu wollen.» Ich wünsche Ihnen einen perfekten Tag Markus Somm P.S. Link zur Swiss Inequality Database (SID) des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik der Universität Luzern (IWP).

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