Somms Memo: Trump, Trump, Trump

image 5. Mai 2022, 10:21
Er ist zurück. Donald J. Trump. Bild: Keystone-SDA
Er ist zurück. Donald J. Trump. Bild: Keystone-SDA
Die Fakten: In Amerika haben Vorwahlen stattgefunden. Trumps Kandidaten gewinnen.
Warum das wichtig ist: Trump ist für die Republikaner Fluch und Segen. Niemand mobilisiert so viele Konservative. Niemand bringt so viele Linke gegen sich auf.
Am Dienstag wurden in Ohio und Indiana, zwei amerikanischen Bundesstaaten im Mittleren Westen, Vorwahlen vorgenommen. Beide Parteien bestimmen mit diesem Verfahren die Kandidaten für die Zwischenwahlen im November – und in beiden Staaten können alle Wähler teilnehmen, ob sie nun Demokraten oder Republikaner sind. An Vorwahlen fallen immer wichtige Vorentscheidungen – doch dieses Jahr war es ganz speziell.
  • Alles drehte sich um Donald J. Trump
  • Obwohl er nirgendwo Kandidat war

Und er war es eben doch. Denn Trump ist zurück – womit am 7. Januar 2020 wohl niemand gerechnet hatte, dem Tag nach dem Sturm aufs Capitol, einer Schande, für die Trump zum Teil oder ganz verantwortlich gewesen war. Der Einzige auf der Welt, der damals noch mit ihm rechnete, war er selbst.
Inzwischen scheint es, als wäre die Erde plötzlich doch flach
  • Trump gewährte 22 Kandidaten in Ohio und Indiana sein Endorsement, wie das die Amerikaner nennen. Er empfahl sie zur Wahl
  • Alle 22 Kandidaten siegten – oft sehr deutlich

Es ist ein Erdbeben, es ist eine Katastrophe, es ist ein Triumph.
Erdbeben, weil am Dienstagabend für viele Journalisten, Experten und Politiker in Washington D.C. von neuem eine Welt zusammenstürzte.
  • Sie waren sich im Frühling 2016 so sicher, dass Trump niemals zum Kandidaten der Republikanischen Partei erkoren würde. Bis er es war
  • Sie haben im November 2016 nie erwartet, dass Trump die Präsidentschaft erringen würde. Bis er gewann
  • Sie waren überzeugt, dass er nach der Abwahl in die Hölle fahren würde – und dort bliebe. Trump war weg, Trump schien politisch für immer erledigt. Und er kehrte aus dem Reich der Toten zurück

Wenn es jemanden gibt, der die Eliten ständig demütigen kann, dann ist das Trump. Nicht zuletzt deshalb lieben ihn jene, die nicht zu den Eliten gehören. Er ist ihr Robin Hood, der dem Sheriff von Nottingham eine lange Nase dreht.
Robin Trump, Rächer der Enterbten und Beschützer der Witwen und Waisen.

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Es ist aber auch eine Katastrophe. Denn die Republikaner werden Trump nicht los.
  • zwar bewundern viele sein politisches Geschick, seinen Instinkt, seine Unverschämtheit und seinen unbändigen Widerwillen, politisch je zu sterben
  • sie ahnen aber, dass Trump nur die Republikaner so gut mobilisiert, wogegen er die Unabhängigen, die Zentristen, die Leute in der Mitte abschreckt
  • sie befürchten deshalb, dass er nie mehr eine Mehrheit für sich gewinnt. Tritt er 2024 als Präsidentschaftskandidat an, verliert er

Vor allen Dingen hatten sie ihn satt. Wer in der Partei etwas zu sagen hatte, war nach der Abwahl froh, dass Trump nun endlich nichts mehr zu sagen hatte.
Sie glichen Lehrern, die in ihrer Klasse einen Schüler haben, der unter ADHS leidet. Die Abkürzung steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung:
  • Manchmal war er ja lustig, dieser ADHS-Schüler, der immer so gute Einfälle hatte
  • Öfter aber ruinierte er den Unterricht
  • So dass jeder Lehrer sich erleichtert fühlte, als der Plagegeist dann endlich in die Sonderklasse versetzt wurde

Es gibt deshalb zwei Theorien zu einem möglichen Comeback von Trump.
1. Die Demokraten sind überzeugt, dass ihnen das hilft.
Dafür spricht einiges. Nicht zuletzt das Beispiel von Joe Biden. Der Nachfolger von Trump war ja eigentlich nie populär – selbst in der eigenen Demokratischen Partei nicht. Wenn er früher als Präsidentschaftskandidat antrat, fiel er schon bald aus Abschied und Traktanden. Er überstand kaum eine Vorwahl.
Weil die Demokraten aber Trump wie den Teufel hassen, erschien ihnen Biden wie ein Engel.
Er schaffte die Sensation und zog ins Weisse Haus. Halleluja, sangen die Demokraten und zündeten die Kerzen an.
Sollte Trump von neuem als Kandidat auftauchen, würde dasselbe geschehen, meinen die Demokraten. Wenn Trump zur Wahl steht, reicht ein Kartoffelsack als Gegenkandidat, um ihn zu schlagen – um ein Bild aus der Schweiz zu benutzen.
2. Andere – natürlich Republikaner, aber längst nicht alle – glauben dagegen, dass Trump eine reelle Chance besitzt, das Weisse Haus nach einer Zwangspause wieder zu besetzen. Er wäre der erste Politiker in der amerikanischen Geschichte, dem das gelingt
Ob das Wunschdenken ist, weil die Realität so schwer zu ertragen ist, bleibt offen. Denn die Realität ist:
  • Die Republikaner hassen Trump
  • Die Wähler der Republikaner lieben Trump

Oder mit anderen Worten: Während Trump aus der Hölle zurückgekehrt ist, halten sich die meisten einflussreichen Republikaner (oder solche, die es noch werden möchten) nach wie vor im Fegefeuer auf.
Ein typisches Exemplar dieser bedauernswerten Bewohner des Fegefeuers ist J.D. Vance.
Der glänzende Jurist, der an der Yale Law School promoviert hat, will sich in Ohio für die Republikaner zum Senator wählen lassen. Vance ist seinerzeit berühmt geworden mit einem Buch, das die Bestsellerlisten innert Kürze erobert hatte: Hillbilly Elegy, wo er beschrieb, wie er selbst in armen, verheerenden Verhältnissen in Ohio aufgewachsen war.
Das Buch drückte aus, was viele im Mittleren Westen empfinden:
  • Wir leben in der Dritten Welt
  • Für die Eliten in Washington, New York und San Francisco sind wir Luft, die zudem stinkt

Zu Anfang versuchte es Vance ohne Trump. Seine Popularität verharrte im Millimeter-Bereich. Dann glückte es ihm, Trumps Endorsement zu erhalten. Das war nicht selbstverständlich.

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Gewinner: Vance und Trump. Bild: Keystone-SDA

Denn vor Jahren hatte Vance Trump noch als «Amerikas Hitler» bezeichnet. Und wenn man von jemandem weiss, dass er solche Charakterisierungen nicht so schätzt, dann ist das Trump.
Erstaunlicherweise verzieh ihm Trump.
Am Dienstag entschied J.D. Vance die Vorwahl in Ohio klar für sich.
Es war ein Triumph.
Für Trump.
Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag
Markus Somm

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