Somms Memo: Putin verliert Finnland und Schweden

image 18. Mai 2022, 10:00
Sanna Marin (Sozialdemokratin), die finnische Premierministerin die ihr Land in die NATO führen will.
Sanna Marin (Sozialdemokratin), die finnische Premierministerin die ihr Land in die NATO führen will.
Die Fakten: Finnland und Schweden haben heute in Brüssel ihr Beitrittsgesuch zur Nato eingereicht. Beide Länder geben damit ihre jahrzehntealte Neutralität auf.

Warum das wichtig ist: Was Wladimir Putin unterbinden wollte, hat er mit seinem Krieg in der Ukraine nun selbst vorangetrieben. Die Nato expandiert weiter nach Osten.


Finnland und Schweden sind zwei Länder, die es beide seit Jahrhunderten mit Russland zu tun haben. Meistens war der Kontakt unerfreulich:
  • Für Schweden galt Russland zur Zeit der Zaren als der Erzfeind schlechthin. Anfang des 18. Jahrhunderts noch eine europäische Grossmacht, verlor Schweden 1721 den «Grossen Nordischen Krieg» gegen Russland – und stieg für immer ab. Im Lauf der Jahre trat es gigantische Gebiete ans Zarenreich ab
  • Finnland gehörte einmal zu Schweden – bis es 1809 von den Russen erobert wurde. Ein Trauma für Finnen und Schweden zugleich. Erst 1917, infolge der Russischen Revolution, errang Finnland seine Unabhängigkeit. Im Zweiten Weltkrieg versuchte Stalin es zurückzubekommen, was ihm zwar nicht gelang, dennoch blieben die Finnen im Visier der Sowjets

Beide Länder hatten stets Grund, sich von Russland bedroht zu fühlen, also nahmen sie sich in Acht. Um unabhängig zu bleiben, taten sie alles, um den russischen Bären ja nicht zu reizen. Wenn sie es mit ihm zu tun hatten, dann strichen sie ihm Honig ums Maul und lobten sein schönes Fell.
Geschmeidigkeit des Kleinstaates – uns Schweizern nicht ganz unvertraut:
  • Schweden betrieb seit 1815 faktisch eine Neutralitätspolitik – die in mancher Hinsicht der schweizerischen glich
  • Finnland verpflichtete sich nach dem Zweiten Weltkrieg, «freiwillig» neutral zu bleiben. Es sicherte den Russen zu, nie der Nato beizutreten

Politik des Honigtopfes: Während sich Schweden noch eine gewisse Zurückhaltung auferlegte, zeigte Finnland wenig Hemmungen.
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Der finnische Präsident Kekkonen feiert mit dem sowietischen Parteichef Nikita Chruschtschow seinen 60. Geburtstag im Präsidentenpalast in Helsinki. 
Dessen legendärer Präsident Urho Kaleva Kekkonen (UKK genannt), der von 1956 bis 1982 im Amt war, pflegte geradezu freundschaftliche Beziehungen zu den jeweiligen sowjetischen Parteichefs, kommunistische Diktatoren allesamt. Finnland gehörte zwar nicht dem Warschauer Pakt an und war eine parlamentarische Demokratie, doch die Sowjets wussten dessen Loyalität umso mehr zu schätzen:
  • In Finnland wurden sowjet-kritische Werke verboten, wie etwa der amerikanische Film «The Manchurian Candidate» oder das Jahrhundertbuch: «Der Archipel Gulag» von Alexander Solschenizyn
  • Als die Sowjetunion (und weitere sozialistische «Bruderstaaten») 1968 in die Tschechoslowakei einmarschierten, um den Prager Frühling niederzuwerfen, äusserte Finnland offiziell Verständnis
  • Wenn Kekkonen mit den Sowjets sprach, wandte er sich nicht an deren Botschafter in Helsinki, sondern gleich an den KGB-Chef vor Ort

1980 erhielt Kekkonen den «Lenin-Friedenspreis», die kommunistische Version des Friedensnobelpreises, eine hohe Auszeichnung – aus Sicht der Sowjetunion.
Was man im Westen natürlich ungern sah. Finnland galt als wenig zuverlässig, ein Kauz unter den westlichen Staaten, ein Pudel der Russen. Britische Offiziere mutmassten gar, die Sowjets unterhielten Truppen in Finnland, was nicht stimmte, vielmehr traf das Gegenteil zu.
Die Sowjets hatten in Reval im Baltikum eine Spezialeinheit stationiert, die rund um die Uhr bereitstand, um sofort Helsinki zu besetzen, sollte der Dritte Weltkrieg ausbrechen.
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Trotz aller sowjetischen Schmonzetten – Kekkonen war bei den Finnen populär, sicher, weil er für den wirtschaftlichen Aufstieg des einstigen Armenhauses nach dem Zweiten Weltkrieg stand, aber genauso, weil die meisten Finnen Pragmatiker waren.
Sie wussten, wo die Russen lebten. Gleich hinter der Grenze. Also in Konstanz, Lörrach und Bregenz – um es schweizerisch auszudrücken.
Dass ein solches Land nun den Nato-Beitritt anstrebt, und zwar mit der Zustimmung der meisten Finnen, ist ein Debakel – vom russischen Standpunkt ausgesehen. Ja, dass sogar Schweden solches tut, ein Land, das seit 1815 sich neutral verhielt, um mit den Russen auszukommen, ist vollends ein Fiasko.

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Putin, der Super-Stratege, Putin, der Anfänger. Mit seinem Krieg in der Ukraine hat er in zwei Monaten mehr Freunde verloren, als Russland in zwei Jahrhunderten gewonnen hatte, – und das waren wenige genug.
Als Putin die Ukraine überfiel, begründete er dies damit, dass ihm praktisch nichts anderes übriggeblieben sei, um den Drang der Nato nach Osten – also an seine Grenzen zu stoppen. So jedenfalls ging die offizielle Rede. Ein Vorwand war das aus meiner Sicht allemal.
Umso verheerender die Schadensbilanz.
Putin hat das Gegenteil erreicht. Jetzt wird er Zeuge der grössten Erweiterung, die die Nato seit langem vorgenommen hat.
Unerwünschte Nebenwirkungen. Lesen Sie die Packungsbeilage! oder wie es Bertrand Russell, der britische Philosoph, ausgedrückt hat:
«Krieg entscheidet nicht, wer recht hat, – sondern nur, wer übrigbleibt

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag Markus Somm

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