Somms Memo #7: Notre-Dame als Disneyland?

Somms Memo #7: Notre-Dame als Disneyland?

Die Fakten: Die Kathedrale Notre-Dame de Paris, die 2019 durch einen Brand zerstört worden war, soll auch im Innern renoviert werden. Geplant ist eine Art religiöses Disneyland. Man will damit Touristen (und Franzosen) das Christentum näherbringen.

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von Markus Somm am 7.12.2021, 11:00 Uhr
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Warum das wichtig ist: Notre-Dame ist die bedeutendste Kirche des französischen Katholizismus. Aber immer weniger Franzosen glauben an Gott. Die Entweihung im Zeichen der Didaktik ist Symptom dafür.
Als im April 2019 die Kathedrale Notre-Dame in Flammen stand, erstarrte die halbe Welt. Nicht allein Christen, sondern selbst Leute, die von Jesus Christus nichts mehr wissen wollten. Ich lebte damals in Amerika. Unvergessen bleibt mir der Schock, den dieser Brand hier auslöste, einem ungleich religiöseren Land. Millionen gingen als Spenden in Paris ein, um den Wiederaufbau zu ermöglichen, insgesamt wurden 833 Millionen Euro gesammelt.
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Brennende Kathedrale von Notre-Dame
Angesichts dieses klaren, monetarisierten Volkswillens wollten Politiker und Kleriker nicht zurückstehen, weder Präsident Emmanuel Macron noch Michel Aupetit, der Erzbischof von Paris, und sie versprachen auf der Stelle, sich darum zu kümmern. Womöglich um hervorzuheben, wie modern das moderne Frankreich trotz seiner alten Bausubstanz denn ist, sprach man zuerst von einem neuen Dach und anderem Schnickschnack, der «zeitgemäss» aussehen sollte. Nachdem die Reaktionen in der Öffentlichkeit jedoch ungnädig ausfielen, sahen die Verantwortlichen davon ab, stattdessen verlegten sie sich auf den Innenraum. Lange blieben diese Pläne geheim.
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Wie die britische Zeitung Telegraph vor wenigen Tagen enthüllt hat, ist nun ein religiöses Disneyland vorgesehen: Die Besucher sollen in Notre-Dame nicht mehr in erster Linie beten und die Messe feiern, sondern einen Parcours des Christentums absolvieren, wo mit Ton– und Lichteffekten die gute Nachricht verkündet wird, ohne dass man vor Langeweile stirbt. Dafür sind 14 Stationen vorgesehen, die sich je einem Thema widmen: so der Genesis, Abraham, dem Exodus und den Propheten, aber auch den fünf Kontinenten, wobei das halb christliche Afrika und das kaum christliche Asien einen gut sichtbaren Ehrenplatz erhalten, während die einst durchweg christlichen Erdteile Europa und Amerika im Hintergrund der Apsis verstaut bleiben. Das ebenso christliche Australien wird ganz ignoriert.
Das Ende des Parcours stellt eine Kapelle dar, wo die «Schöpfung» aus der Perspektive neuer umweltpolitischer Sensibilitäten beleuchtet werden soll. Ein besonderes Anliegen des Papstes, wie man weiss.
«Das ist politische Korrektheit, die im Wahnsinn endet», kritisiert ein Insider, der offenbar den Telegraph mit Informationen versorgt hat: «Man will Notre-Dame in einen experimentellen liturgischen Showroom verwandeln.»
Tatsächlich sollen Bibelstellen als Leuchtschriften auf die Wände projiziert werden, auf Englisch und Französisch, aber auch auf Mandarin, um den chinesischen Touristen einen Crash-Kurs in Sachen Gott, Jesus & Co. zu offerieren. In China wird das Christentum von Staates wegen unterdrückt.
Um Platz für dieses Gottes-Museum zu schaffen, will man Beichtstühle, Altäre und andere als überflüssig angesehene Skulpturen entfernen, ein Teil der Bänke soll im Untergrund verschwinden, – was allerdings noch offen ist, da auch der überaus alte Boden denkmalgeschützt ist.
Was ist in die Franzosen gefahren? Warum ist dieses Land, dessen Könige einst Wert darauf gelegt hatten, sich als «allerchristlichste Majestäten» feiern zu lassen, so weit gekommen, dass es sein Allerheiligstes nur mehr als touristisches Profitcenter betrachtet? 12 Millionen Besucher besichtigen Jahr für Jahr Notre-Dame, wie ein Sprecher dem Telegraph sagte, denen müsse man mehr bieten als den «Katechismus im strengen Sinne». Gewiss. Wie wäre es aber mit etwas Christentum? Wenn nicht in der Kirche, wo dann?
Was als Renovation von Notre-Dame vorgegeben wird, ist tatsächlich ein moderner Bildersturm – mit dem Unterschied, dass die Protestanten die Kirchen einst von jedem Schmuck befreiten, weil sie Gott näherkommen wollten, während die heutigen Bilderstürmer Gott eher für immer in die Milchstrasse schiessen möchten.
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Zwei Ursachen liegen auf der Hand:
  • Frankreich ist ein Land, das sich Jahr für Jahr mehr vom Christentum löst. Immer weniger Leute gehen in die Kirche. Im Jahr 2050 dürften die Atheisten in der Mehrheit sein.
  • Gleichzeitig will man partout politisch korrekt sein. Afrika statt Amerika. Lasershow statt Weihrauch. Rettung des Klimas statt Rettung der Seele. Xi Jinping statt Jesus Christus.
Das Resultat ist eine Schande.
Am vergangenen Donnerstag trat übrigens einer der Promotoren des neo-heidnischen Umbaus von Notre-Dame zurück: Erzbischof Michel Aupetit wurde vom Papst entlassen.
Allerdings nicht wegen der Renovationspläne, sondern im Zeichen des #MeToo. Aupetit, ein autoritärer Befürworter des Zölibats, so kam heraus, hatte offenbar eine sexuelle Beziehung zu einer Frau unterhalten. Der Papst bedauerte den Rücktritt. Schliesslich habe der Erzbischof die Frau nur «etwas gestreichelt und massiert».


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