Somms Memo #60 - Die letzte Fahrt der Endurance. Lehren für unsere Zeit

image 11. März 2022, 11:11
Die Endurance.
Die Endurance.
Warum das wichtig ist: Mit dem Schiff ist eine der Heldensagen der modernen Polarforschung verbunden. Ernest Shackleton, ein Brite, verlor es, als er die Antarktis zu Fuss durchqueren wollte. Wie er und seine Crew überlebten, ist eine Geschichte für unsere finstere Zeit.

Es ist eine Sensation. Nachdem ein erster Versuch 2019 gescheitert war, hat eine international zusammengesetzte Expedition am 5. März 2022 die Endurance im Weddellmeer entdeckt, einem Meer im südlichen Ozean nahe Antarktika, der Landmasse in der Antarktis.
  • Das Schiff befand sich in einer Tiefe von gut 3000 m
  • Die Bilder, die der Tauchroboter nach oben schickte, verblüffen: Das Schiff sieht wie neu aus – nach mehr als hundert Jahren Tiefschlaf

Insgesamt kostete die Expedition rund 10 Millionen Dollar, was deutlich macht, was Menschen auszugeben bereit sind, um einem Mythos nachzuleben.
Tatsächlich war die letzte Fahrt der Endurance einer der grossen Mythen des 20. Jahrhunderts.
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Der Tauchroboter brachte diese klaren Bilder aus der Tiefe zurück: Schriftzug Endurance auf dem Wrack.
Der Erste Weltkrieg war gerade ausgebrochen, als Ernest Shackleton (1874-1922) zu seiner Expedition zum Südpol aufbrach.
  • Er setzte zwei Schiffe ein, das eine, die Endurance, sollte ihn zum Ausgangspunkt seiner Polarwanderung bringen, das andere fuhr an das Endziel, um dort mit Vorräten auf ihn zu warten
  • Er hatte 56 Leute dafür ausgewählt. 28 je Schiff
  • Ausserdem nahm er 70 Hunde mit
  • Und eine Katze, genannt Mrs Chippy (obwohl sie ein Kater war)

Schon die Auswahl der Crew war speziell – und zeigte, warum Shackleton, damals 40 Jahre alt, bereits zu Lebzeiten zum Star geworden war.
Kein Polarforscher zu jener Zeit war umstrittener, kein Polarforscher beliebter:
  • Die Leute rissen sich darum, an seiner Expedition teilzunehmen. 5000 Bewerbungen hatte er erhalten
  • Shackleton fragte im Job-Interview immer, was niemand erwartete: In der Meinung so den Charakter eines Menschen besser zu erkennen, fragte er Techniker nicht nach deren Kenntnissen, sondern forderte sie auf zu singen. Je nachdem, wie gut das Lied klang, wurde jemand angestellt oder übergangen
  • Manchmal gefiel ihm einfach das Gesicht eines Matrosen. Das reichte, um den Job zu erhalten

Trotz dieser eher erratischen Rekrutierungsmethoden ging Shackleton als einer der grössten Chefs aller Zeiten in die Geschichte ein. Die letzte Fahrt der Endurance bewies, warum.
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Nachdem die Endurance von Plymouth nach Buenos Aires gesegelt war, erreichte sie im späten Herbst 1914 Südgeorgien, eine britische Insel im Südatlantik. Von dort stach das Schiff am 5. Dezember in See, Richtung Weddellmeer, wo es in der Vahselbucht in Antarktika landen sollte.
Von hier aus wollte Shackleton und rund zwanzig Männer den ganzen, eisigen Kontinent via Südpol zu Fuss durchqueren, Hunde sollten auf Schlitten die Vorräte ziehen. Die Strecke mass 2900 km.
Hätte er es geschafft, er wäre unsterblich geworden. Doch er schaffte es nicht – und wurde trotzdem unsterblich.
  • Die Endurance stiess bald auf Treibeis, was die Fahrt beträchtlich erschwerte. Man wurde langsamer und langsamer
  • Schon nach ein paar Tagen sass das Schiff für 24 Stunden im Packeis fest, bis man wieder freikam
  • Im Februar war dennoch Schluss: Die Endurance steckte im Packeis fest
  • Shackleton schickte seine Leute aufs Eis, um das Schiff mit Pickeln, Hacken und Sägen freizuschaufeln. Vergeblich
  • die Temperaturen bewegten sich um die minus 30 Grad Celsius

Shackleton brach die Fahrt ab. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu warten, bis der Frühling wiederkam und sich das Eis von selbst löste. Das konnte Monate dauern. Und das Schiff trieb jetzt mit dem Eis in Richtung Norden.
Wenn ein Schiff im Eis steckt, dann wird es ungeheuren Kräften ausgesetzt. Das Eis drückt gegen den Rumpf, es biegt und splittert das Holz, während von unten das Meerwasser schiebt, saugt und gurgelt
  • Das Schiff ist eingespannt wie eine Nuss in einem Nussknacker
  • So gesehen, war es bloss eine Frage der Zeit, bis Lecks in den Rumpf gebrochen wurden, und das eisige Wasser ins Schiff schoss
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Die Endurance wurde zum Opfer des ewigen Eises. Foto des Schiffsfotografen.
Am 27. Oktober 1915 war es so weit. Das Schiff schien kurz vor dem Untergang zu stehen, und Shackleton liess seine Crew evakuieren. Auf einer Eisscholle in der Nachbarschaft richtete er ein Biwak ein. Ein Monat später versank die Endurance für immer.
Wie lange würde man hier überleben können? 26 Mann, 70 Hunde im Eismeer, auf einer Scholle ins Nirwana treibend, dabei wusste niemand in der Heimat, wo man sich befand. Die Katze hatte man vorher erschossen, im Wissen, dass sie diese Prüfung kaum überstehen dürfte.
Musste man sich auf Monate, oder Jahre einstellen – bis man erfror oder verhungerte?
Wenn je Leadership Skills gefragt waren, dann jetzt: Shackleton blieb unverdrossen, zuversichtlich, klar und kameradschaftlich
  • Er organisierte eine feste Tagesstruktur
  • Man trieb Sport und veranstaltete Hunderennen
  • Shackleton empfahl seinen Leuten Spaziergänge im Mondlicht und am Abend spielte man Theater
  • Abwechslung brachte auch die Jagd: bald ernährte man sich vorwiegend von Robben und Pinguinen, die zu unvorsichtig auf dem Eis unterwegs waren
  • Ränge zwischen Offizieren, Matrosen und Technikern schaffte er ab

Was immer er tat, der Rettung kam man so nicht näher. Bereits war ein halbes Jahr verstrichen. Also entschloss sich Shackleton zum höchsten Risiko. Er gab das Lager auf und setzte sich und seine Crew in Boote, in der Hoffnung, irgendwo und irgendwie Land zu finden.
Tatsächlich stiess man nach gut einer Woche der Irrfahrt, durchnässt, ausgehungert und oft verletzt, auf eine unbewohnte und unwirtliche Insel, Elephant Island.
Da aber von hier erneut kein Fortkommen war, bestieg Shackleton mit ganz wenigen seiner noch gesunden Männer ein einziges Boot, das man besonders seetüchtig gemacht hatte, um sich nach Südgeorgien durchzuschlagen.
Hier wollte er Hilfe holen, um die übrigen Männer auf der Insel zu befreien.
  • Dabei nahm er nur für vier Wochen Proviant mit
  • Denn er wusste: Wenn wir länger brauchen, dann gehen wir ohnehin unter

Natürlich schaffte er das Wunder – ansonsten niemand sich die Mühe gegeben hätte, hundert Jahre später nach der Endurance zu forschen.
Shackleton rettete alle 28 Männer.
Die meisten kamen nach England zurück und meldeten sich sofort zum Kriegsdienst. Zwei fielen.
Shackleton starb wenige Jahre später, 1922, an einer Herzattacke. Er war erst 47.


Ich wünsche Ihnen ein nachdenkliches Wochenende Markus Somm

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