Somms Memo #58 - Ist Putin verrückt? Eine Diagnose

Die Fakten: Im Westen wird über den neurologischen Zustand von Wladimir Putin spekuliert. Hat ihn Corona aus der Bahn geworfen? Belege fehlen.

image 9. März 2022, 11:00
Wladimir Putin.
Wladimir Putin.
Warum das wichtig ist: Es klingt paradox, aber manchem westlichen Politiker käme ein geisteskranker Putin zupass. Das lenkt von den eigenen Fehlern ab. Das lässt eine militärische Intervention als brandgefährlich erscheinen.


Inzwischen herrscht auch ein Propagandakrieg – und zwar auf allen Seiten. So schwer es mir fällt das einzuräumen:
  • selbst westliche Medien sind heute mit Vorsicht zu geniessen
  • oft stellen sie sich ebenfalls in den Dienst einer Kriegspartei – ob bewusst oder ohne Absicht, ist dabei von wenig Belang

Zu viele Hinweise, Übertreibungen und Fehlinformationen dürften von Geheimdiensten gestreut werden, insbesondere Social Media machen es interessierten Kreisen wesentlich leichter, ihre Sicht der Dinge oder manchmal pure Propaganda und Fake News zu verbreiten.
Diese Kunst beherrschen nicht nur die Russen – sondern auch die Amerikaner und die Westeuropäer.
Um Fake News dürfte es sich auch bei der Meldung handeln, wonach Wladimir Putin, der russische Präsident und Kriegstreiber, an einer psychischen Erkrankung leide. Da und dort hiess es:
  • Putin ist «verrückt» – und man meinte das im klinischen Sinne
  • Putin habe die Corona-Isolation nicht gut überstanden. Der Mann sehe jetzt Gespenster und fühle sich von allen verlassen

Nice try. Wer wie die westlichen Politiker einen Gegner wie Putin jahrelang falsch eingeschätzt hat, kann sich entlastet fühlen, wenn sich jetzt herausstellt, dass dieser Gegner beim besten Willen gar nicht zu lesen war.
Denn er war ja krank, sprich: unberechenbar, irrational, suizidal.
Selbstverständlich dürfte derzeit niemand Zugang zu Putins persönlichem Arzt erhalten, so dass diese Spekulationen unmöglich zu überprüfen sind. Wenn Ferndiagnostiker dann in Putins Gesten vor der Fernsehkamera nach Indizien forschen, die dessen angeschlagenen Geisteszustand belegen sollen, dann möchte man diesen Experten zurufen:
Und wie geht es denn Joe Biden?
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Joe Biden.
Tatsache ist, dass es gar nicht so schwer ist, Putin zu erfassen. Psychiatrische Kenntnisse sind überflüssig. Man muss nur lesen und hören wollen.
Gewiss, der Mann führt jetzt Krieg, was ihn in den Augen vieler zu einem Unmenschen macht, was er ohne Frage ist. Dennoch handelt er rational. Seine Auffassung von Krieg teilten noch bis vor kurzem die klügsten Köpfe Europas oder wie es einer von ihnen, der grosse deutsche Militärtheoretiker Carl von Clausewitz vor knapp zweihundert Jahren formuliert hatte:
«Der Krieg ist eine blosse Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.»
Putin machte in dieser Hinsicht aus seinem Herzen nie eine Mördergrube. Er stellte keine Rätsel, sondern sagte früh, was ihm an der neuen europäischen Friedensordnung nach dem Kalten Krieg missfiel:
  • Schon 2007, also vor 15 Jahren, bezeichnete Putin an der Münchner Sicherheitskonferenz die Erweiterung der Nato nach Osten als eine «ernsthafte Provokation», die eine Reaktion der Russischen Föderation rechtfertigen würde
  • 2008 sagte er US-Präsident George W. Bush, er halte die Ukraine für kein «richtiges Land»
  • 2021 verfasste er einen ausführlichen, historischen Essay, worin er nachzuweisen versuchte, dass die Ukraine und Russland ein- und dasselbe sind: «Es gibt keine ukrainische Nation»

Wie konnte man diesen Politiker missverstehen? Er sprach russisch, zugegeben, aber gab es keine Dolmetscher?
Ein Zweites kommt hinzu.
Wer die jüngste Vergangenheit Russlands studiert, stellt fest, dass kaum etwas dessen Aussenpolitik mehr bestimmt als der Ölpreis. Ich habe in einem früheren Memo bereits darauf hingewiesen.
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Wann immer der Ölpreis hoch lag, entschloss sich Putin militärisch loszuschlagen.
  • 2008, als die Finanzkrise den Ölpreis in die Höhe katapultierte, intervenierte er in Georgien
  • 2014, als das Öl erneut sehr teuer war, griff er nach der Krim und drang in die östliche Ukraine ein

Die Erklärung liegt auf der Hand. Russland lebt vorwiegend vom Öl- und Gasexport. Wann immer die Preise aus seiner Sicht stimmten, konnte Putin sich einen Krieg finanziell leisten. Seine Kriegskasse war dank den Erlösen aus dem Ölverkauf prall gefüllt.
Umgekehrt gilt: Wenn die Ölpreise zerfallen, gerät Russland in Schwierigkeiten. Sicher führt es dann keinen Krieg.
Mit anderen Worten, kaum jemand ist berechenbarer als Putin. Kurz vor seinem Angriff auf die Ukraine war der Ölpreis von neuem in die Höhe geklettert.
Was Putin recht ist, war schon seinen Vorgängern in der Sowjetunion billig. Dieses «Gesetz der russischen Aggressionsbereitschaft», wie ich es nennen würde, lässt sich auch in den 1970er und 1980er Jahren beobachten.
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  • Im Dezember 1979 begann die Sowjetunion ihre Invasion von Afghanistan. Der Ölpreis war auf Rekordhöhen geschnellt, nachdem vor kurzem im Iran die Revolution ausgebrochen war
  • Offensichtlich kannte Ronald Reagan das «Gesetz der russischen Aggressionsbereitschaft». Um das neue Reich des Bösen (Reagan) in die Knie zu zwingen, sorgte er dafür, dass mehr Öl produziert wurde, insbesondere durch Saudi-Arabien. Der Preis sank und sank – die Sowjetunion taumelte

1989 fiel die Berliner Mauer, 1991 brach die Sowjetunion zusammen. Es war ihr das Geld ausgegangen. Sie sah sich ausserstande, im Wettrüsten, das Reagan intensiviert hatte, noch mitzuhalten.
Am Öl hängt Russland, am Öl hängt die Welt.
Oder wie es Golda Meir, die einstige Premierministerin von Israel, einmal ausgedrückt hat:
«Lassen Sie mich Ihnen erklären, was wir Israelis gegen Moses haben. Er hat uns 40 Jahre durch die Wüste geführt, um uns an den einzigen Ort im Nahen Osten zu bringen, wo es kein Öl hat


Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Tag Markus Somm

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