Somms Memo #51 - Warum boykottiert der Westen das russische Gas nicht?

image 28. Februar 2022, 11:34
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Warum das wichtig ist: Solange der Westen das wichtigste Exportgut Russlands nicht boykottiert, bewirken die Sanktionen zu wenig – und untergraben die Glaubwürdigkeit des Westens. Noch finanzieren wir alle Putins Krieg.

Harvard-Ökonom Jason Furman beschrieb Russland einmal als «eine gigantische Tankstelle», was er nicht als Kompliment meinte.
Tatsächlich ist das Land neben Saudi-Arabien und den USA einer der grössten Erdöl– und Erdgasproduzenten der Welt. Doch im Gegensatz etwa zu den USA lebt es zu einem wesentlichen Teil vom Export dieser beiden Rohstoffe:
  • 2019 machten Öl und Gas 60 Prozent aller Exporte Russlands aus
  • Über 30 Prozent seines Bruttoinlandproduktes verdankt Russland dem Öl- und Gasgeschäft.
Steigen die entsprechenden Preise – wie etwa 2021 der Ölpreis –, dann nimmt dieser Anteil am BIP noch drastischer zu.
Russland hängt von seinem Öl und Erdgas ab – doch die Welt ist nicht weniger auf Russland angewiesen.
Es gibt daher einen Zusammenhang zwischen Putins Politik und dem Ölpreis. Wann immer der Ölpreis hoch liegt und Russlands Konten mit Petro-Dollars und Gas-Euros geschwemmt werden, neigt Putin zu militärischen Interventionen in seiner Nachbarschaft.
  • Er kann sich dann Kriege finanziell leisten
  • Er weiss, dass es dem Westen schwerer fällt, ihn zu boykottieren, weil die Nachfrage nach Öl und Gas grösser ist als das Angebot. Die Rohstoffe sind auf dem Weltmarkt knapp
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Hinzu kommt, dass besonders Europa, aber auch die USA sich in der jüngsten Vergangenheit immer mehr den Russen ausgeliefert haben
  • Deutschlands Energiewende war im Wesentlichen eine Wende zum russischen Gas. Man schaltete AKWs und Kohlekraftwerke ab – und ersetzte sie mehr schlecht als recht mit Wind- und Solaranlagen. Denn den Löwenanteil der fehlenden Energie sicherte man sich mit Gasimporten. Inzwischen bezieht Deutschland über 50 Prozent seines Erdgases und 34 Prozent seines Öls aus Russland
  • US-Präsident Joe Biden zwang die amerikanische Erdöl- und Gasindustrie ihre Produktion zu drosseln. Noch unter Vorgänger Donald Trump waren die USA vor allem dank Fracking und neuer Pipelines zum grössten Öl- und Gasexporteur der Welt aufgestiegen. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Amerika hat sich damit gegenüber den Russen mutwillig schwächer gemacht. Es kann seinen Verbündeten in Europa nicht mehr so leicht mit Öl und Gas beispringen
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Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Joe Biden zwar seine Rhetorik ständig verhärtet, den robusten Worten aber nur bedingt die entsprechenden Taten folgen.
Gewiss, der Westen hat seine Sanktionen in den vergangenen Tagen deutlich ausgeweitet:
  • Am Samstag wurden einige russische Banken aus dem internationalen Zahlungssystem Swift ausgeschlossen.
  • Ebenso wird inzwischen die russische Zentralbank boykottiert, das dürfte Putin noch stärker treffen
Doch vor dem letzten Schritt weicht der Westen zurück. Während russische Truppen die Ukraine massakrieren, und fast die ganze Welt dies verurteilt, strömt nach wie vor, als wäre nichts geschehen, russisches Gas nach Europa und russisches Öl wird in die Welt verschifft.
  • Deutschland, das jetzt aufrüstet, kauft zur Stunde russisches Erdgas
  • Polen, das so vorbildlich ukrainische Flüchtlinge empfängt und versorgt, kauft russisches Erdgas
  • Die Schweiz, die sich schwer tut mit Sanktionen, kauft russisches Erdgas, und die Rechnungen für manche dieser Geschäfte laufen über Zug, wo die russische Gazprom ihren internationalen Sitz unterhält
Auch Heuchler müssen sterben. Zwar geben sich die westlichen Politiker nun allesamt sehr entschlossen und moralisch angewidert von Russlands Krieg, was auch richtig ist; sie kündigen im Stundentakt neue, angeblich noch brutalere Sanktionen an, doch wer das Kleingedruckte liest, merkt, wie kleinlaut die gleichen Politiker werden, wenn es um die Energieversorgung ihrer Bürger geht:
  • Die USA haben die beiden grössten russischen Banken zwar mit schweren Sanktionen belegt – aber gleichzeitig Ausnahmen gewährt, wenn es um Zahlungen für Rohöl, Gas, Treibstoffe und andere Petroleum-Produkte geht
  • Die EU boykottiert die beiden Banken nicht. Zwar wurden einige bereits sanktionierte Banken aus dem Swift-System geworfen, aber andere, bisher unbehelligte Institute dürfen bleiben – damit Europa seine Gasrechnungen begleichen kann
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«Präsident Biden hat sich darum bemüht, mit den Sanktionen Präsident Putin maximal zu treffen und gleichzeitig die Folgen für das amerikanische Volk und die Weltgemeinschaft zu minimieren», sagte Jen Psaki, die Pressesprecherin des Weissen Hauses am Sonntag auf ABC News:
«Energiesanktionen sind nach wie vor ein Thema. Wir schliessen sie nicht aus. Aber wenn wir sie ergreifen, müssen wir sicherstellen, dass wir die Auswirkungen auf die Weltmärkte möglichst geringhalten können.»
Noch haben die USA offensichtlich keinen Weg gefunden, wie sie das zustande bringen. Noch fliesst das russische Gas. Noch finanzieren wir alle Putins Krieg.
Die Energie bildet übrigens nicht die einzige Ausnahme. Auch andere Dinge wurden von den Sanktionen ausgenommen.
So hat Belgien erreicht, dass sein bedeutender Diamantenhandel mit Russland nicht unterbunden wird. Ebenso hat Italien durchgesetzt, dass seine Industrie nach wie vor Luxusgüter nach Russland liefern darf.
Lex Gucci schlägt Lex Putin.

Ich wünsche Ihnen einen wundervollen Tag. Markus Somm

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