Somms Memo #41 –Als die Schweiz versagte: Der Generalstreik von 1918

Die Fakten: Der Generalstreik von 1918 ist eines der wichtigsten Ereignisse der Schweizer Geschichte. 250 000 Arbeiter legten die Arbeit nieder, die Armee kam zum Einsatz. Dass es nur ganz wenige Tote gab, war Zufall.

image 7. Februar 2022, 11:00
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Warum das wichtig ist: Lange behauptete die Linke, die Arbeiter hätten aus Not gestreikt, während die Bürgerlichen darin einen Revolutionsversuch nach dem Vorbild der russischen Kommunisten sahen. Ein neues Buch räumt mit diesen Mythen auf.
Bis 1968 schämte sich die Linke fast ein wenig über den Generalstreik.
  • Es war eine brutale Niederlage
  • Auch die SP verabscheute zu jener Zeit, mitten im Kalten Krieg, die Kommunisten. War der Generalstreik womöglich doch ein Werk der Russen gewesen, wie das die Bürgerlichen seit jeher kolportiert hatten?
  • Lieber betonte man die sozialen Entbehrungen der Arbeiter – und spielte die Politik herunter
Willy Bretscher, dem langjährigen Chefredaktor der NZZ, war dieses Unbehagen vertraut. Im Gespräch mit Leuten, die den Generalstreik erlebt hatten, so hielt er 1969 fest, sei ihm aufgefallen, wie keiner je offen darüber sprechen wollte:
«Stattdessen stösst man auf eine (…) Sprachregelung, in der das Landesstreikunternehmen einfach den Ausbruch einer während der Kriegsjahre angestauten Unzufriedenheit der notleidenden Lohnarbeiterschaft darstellt und sein Zusammenhang mit den ideologischen Wandlungen der Sozialdemokratie und den weltpolitischen Umwälzungen am Kriegsende höchstens nebenbei erwähnt wird.»
1968 änderte sich das. Die 68er-Bewegung entdeckte im Generalstreik eine Heldengeschichte: Wenn der Aufstand auch gescheitert war, so bewies er doch, dass selbst die Schweiz, das stockbürgerliche Land, eine revolutionäre Vergangenheit besass. Und dass Revolutionen Gutes bewirkten – selbst die niedergeschlagenen:
  • Der Generalstreik war kein Fiasko mehr, sondern ein Triumph
  • Die Arbeiter kämpften für eine gerechte Sache, weil sie zuvor vom bürgerlich dominierten Bundesrat und Parlament ungerecht behandelt worden waren
  • Die Schweiz verdankt dem Generalstreik und damit der SP, der treibenden Kraft, viel, nämlich:
  • Frauenstimmrecht, Proporz, AHV, etc.
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Landesstreik November 1918 in Bellinzona.
Diese neue Interpretation hat sich durchgesetzt. Inzwischen wird sie sogar in den Schulbüchern erzählt.
Vor wenigen Jahren bezeichnete Christian Levrat, seinerzeit Präsident der SP Schweiz, den Generalstreik folgerichtig als «einen Gründungsakt der modernen Schweiz».
«Grimm und seine Genossen vom Oltner Aktionskomitee, diese Widerstandskämpfer, Internationalisten und auch Revolutionäre haben mehr für die Schweiz gemacht als Generationen von selbsternannten Patrioten.»
Robert Grimm, später ein Berner Regierungsrat, hatte den Streik angeführt. Dafür kam er nachher sechs Monate ins Gefängnis. So schlimm war es nicht: Er sass seine Haft im Schloss Blankenburg im Obersimmental ab.
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Schloss Blankenburg
Jetzt bietet ein neues Buch von Martin Senn und Tobias Straumann, der eine Publizist, der andere Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich, eine völlig neue, überraschende Sicht:
  • Die prekäre Versorgungslage war nicht die Ursache für den Generalstreik
  • Der Generalstreik stellt aus europäischer Perspektive ein einzigartiges Phänomen dar
Was dieses Buch auszeichnet, ist der internationale Vergleich. Nur ein solcher Ansatz bewahrt vor dem nationalen Tunnelblick – wie er bisher in der schweizerischen Geschichtsschreibung auch beim Generalstreik vorgeherrscht hat.
Die Autoren untersuchten:
  • Dänemark
  • die Niederlande
  • Norwegen
  • Schweden
  • die Schweiz
Dabei offenbarten sich Ähnlichkeiten und Unterschiede:
  • alle waren neutral, aber dennoch vom Krieg betroffen
  • in allen war die Ernährungssituation 1917 und 1918 katastrophal
  • das führte überall zu Unruhen, ausgelöst von Sozialdemokraten und Gewerkschaften
  • aber nur in Norwegen und in der Schweiz setzte sich der revolutionäre Flügel durch
  • und einzig in der Schweiz kam es zu einem Generalstreik
Warum? Den Autoren gelingt es, den Mythos zu entzaubern, wonach der Streik auf soziale Missstände zurückzuführen war. Allein das Timing stimmt nicht. Zwar trifft zu, dass es im Sommer 1918 manchen Familien in der Schweiz äusserst schwerfiel, Lebensmittel zu erhalten, doch im Herbst hatte sich diese schlimme Lage weitgehend entschärft. Der Generalstreik fand jedoch erst im November statt.
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Vielmehr legt der Vergleich nahe, dass politische Gegebenheiten entscheidend waren. Dabei kommt der Sozialdemokratie die tragende Rolle zu. In allen fünf Kleinstaaten dominierten vor dem Krieg die Liberalen Regierung und Parlament – allein oder in Koalition mit anderen Partnern.
In der Schweiz war das der Freisinn, der noch in den letzten Nationalratswahlen vor dem Krieg im Jahr 1911 einen phänomenalen Wähleranteil von fast 50 Prozent erzielt hatte.
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Als 1914 der Krieg ausbrach, vertieften sich naturgemäss die politischen Gegensätze in jedem Land, selbst in den neutralen Kleinstaaten, die gar nicht am Krieg teilnahmen. Die Not war ungleich verteilt. Oft zählte das Bürgertum zu den Gewinnern, während viele Arbeiter verarmten.
Nun kam es auf die Politik an. Wie gingen die einzelnen Regierungen, oder auch: die Liberalen, mit diesen Spannungen um? Hier erkennen wir bedeutsame Nuancen.
  • Wo es die Bürgerlichen fertigbrachten, die Arbeiterpartei rechtzeitig in die Regierung aufzunehmen, kam es zu keinen ernsthaften Aufständen: das war der Fall in Schweden, Dänemark und den Niederlanden
  • Wo die Bürgerlichen zu lange warteten, erhielten sie 1918 die Quittung: so in Norwegen, so in der Schweiz
Dass die Arbeiterpartei in Norwegen bloss den Generalstreik zur Diskussion stellte, während er in der Schweiz tatsächlich durchgezogen wurde, lag an den internen Kämpfen in der SP Schweiz.
Grimm, ein hochtalentierter, aber ruchloser, vor allem opportunistischer Politiker liess sich vom linken Zürcher Flügel der SP in die Eskalation treiben. Ihm entglitt das Geschehen, und die jungen Revolutionäre, Träumer, Fantasten und Militante, obsiegten. Gewiss feierte in ihren Köpfen das Vorbild der russischen Revolution Urständ, aber allzu viele Russen wurden in unserem Land zu jenem Zeitpunkt nicht mehr gesichtet. Die Bürgerlichen litten unter Paranoia – wenn auch einer nachvollziehbaren.
Wenn Senn und Straumann etwas klarmachen, dann dies: auf die demokratische Integration von politischen Minderheiten kam es an, – und ausgerechnet die Schweiz, der dies schon so oft gut gelungen war, versagte in dieser Hinsicht in jenen schwierigen Jahren des Ersten Weltkrieges.
Senn/Straumann schreiben:
«Erst im Sommer 1918 versuchte der Bundesrat die Sozialdemokraten in die Landesversorgung einzubeziehen, aber es war bereits zu spät».
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Markus Somm


Martin A. Senn, Tobias Straumann, Unruhe im Kleinstaat. Der schweizerische Generalstreik von 1918 im internationalen Vergleich, Schwabe Verlag Basel 2022, 222 Seiten.

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