Somms Memo #39 – Boris: The Winner Takes It All?

Die Fakten: Am Montag ist in London die amtliche Untersuchung über Partygate veröffentlicht worden. Zwar erfuhr man neue Details, doch Boris Johnson ist nach wie vor britischer Premierminister. Jetzt warten alle auf einen zweiten Bericht der Polizei.

image 3. Februar 2022, 11:00
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Warum das wichtig ist: Es ist nun offiziell erwiesen, wie unseriös, wenn nicht frivol an der Downing Street gearbeitet wird. Das schadet Johnson. Noch mehr schadet ihm, dass seine Politik sich zusehends nach links verschiebt.

Wenn Charles Moore, einer der einflussreichsten Kommentatoren in Grossbritannien, schreibt:
«Gosh, Boris Johnson is a lucky man»,
dann steht es nicht so schlecht um den angezählten, blonden Premierminister:
«Wären seine Gegner inner- und ausserhalb der eigenen Partei nur disziplinierter und weniger selbstgerecht, sie hätten ihn längst zur Strecke gebracht».
Elend der Super-Taktiker. Um Johnson mit Fakten zu erschlagen, haben seine Gegner gleich zwei offizielle Untersuchungen gegen ihn angestrengt:
  • Bericht Nummer 1 wurde von Sue Gray, einer Chefbeamtin, vorgenommen. Dieser ist Anfang Woche publiziert worden
  • Für Bericht Nummer 2 ist die Metropolitan Police zuständig – besser bekannt als Scotland Yard. Dieser Bericht steht noch aus
Das hat Johnson nun über die Zeit gerettet. Zwar hat Sue Gray alle sechzehn bisher aufgetauchten Parties untersucht, doch ein paar davon sollten zusätzlich von der Polizei angeschaut werden, weil man sie als besonders heikel einschätzte.
Heikel heisst:
  • Johnson war womöglich selber dabei.
  • War er auch betrunken?
Solange die Polizei mit ihren Nachforschungen beschäftigt ist, waren Gray die Hände gebunden. In ihrem Bericht äussert sie sich wortkarg über diese Parties – über die auch Johnson bisher nur kleinlaut Auskunft gegeben hat. Niemand glaubt, dass er die volle Wahrheit sagt. Boris, der Flunkerer.
Seit Wochen steht der Premierminister im Kreuzfeuer, seit bekannt geworden ist, dass seine Entourage an der Downing Street, dem Amtssitz des Premierministers, rauschende Feste gefeiert hat – zu Zeiten der Pandemie, während sich die übrigen, normalsterblichen Briten mit diversen Corona-Einschränkungen herumzuschlugen hatten.
Was für die Untertanen galt, darüber machte man sich in Regierungskreisen lustig – und nahm einen kräftigen Schluck.
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Hochzeit von Boris Johnson und seiner Ehefrau Carrie
Die Lektüre von Grays Bericht ist juicy, wie der Engländer sagen würde:
  • Als Johnson sich von seinem engsten Berater Dominic Cummings trennte, organisierte seine Frau Carrie Johnson eine «Abschieds-Party» an der Downing Street. Das war nicht gut gemeint. Carrie, so weiss halb London, war zu einem wesentlichen Teil dafür verantwortlich, dass Cummings gehen musste. Sie hasste ihn.
  • Jetzt wurde unter dem Motto «The Winner Takes It All» gefeiert. Carrie lud Freunde ein und gemeinsam wurden Abba-Lieder gesungen. Die Medien sprachen von einer «Victory Party». Bisher hat Boris Johnson stets abgestritten, dass eine solche Siegesfeier je stattgefunden hatte. Scotland Yard ermittelt.
  • Alkohol. Offenbar gehörte es am Regierungssitz zum üblichen Prozedere, dem Alkohol in rauen Mengen zuzusprechen – und zwar sowohl nach der Arbeit als auch während der Arbeit.
  • Gray, sicher trockener, hält fest: «The excessive consumption of alcohol is not appropriate in a professional workplace at any time.»
Mit anderen Worten: Downing Street gleicht eher einer WG als dem Sitz eines der mächtigsten Politiker in Europa:
Gymnasiasten und Kindsköpfe spielen Regieren.
Trotz dieser Vorkommnisse scheint Johnson die Sache ausgestanden zu haben – es sei denn, Scotland Yard fördert Neues, noch Skandalöseres zutage. Ihm hilft eine ungeschickte Opposition, dann die Aussicht, dass Corona bald vorbei sein dürfte – und nicht zuletzt die Tatsache, dass sich in seiner Partei nicht allzu viele Nachfolger aufdrängen.
Noch ist Boris, der Charismatiker, unersetzlich – selbst wenn er zu viel getrunken hat.
Wie lange Johnson Premier bleibt, ist dennoch unsicher. Die Umfragen bewegen sich weiterhin Richtung Hölle. Seine Konservativen sind abgestürzt. Und Labour, also jene Partei, die noch im Dezember 2019 eine ihrer schlimmsten Niederlagen erlitten hat, strahlt in der Wählergunst himmlisch, als wäre nichts geschehen.
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Noch härter urteilen die Wähler über Johnson persönlich. Für einen wohl eitlen Menschen wie Boris eine Abrechnung, wie er sie noch nie erfahren hat. Wenn seine Partei in der Hölle gelandet ist, dann ist er in den Augen seiner Wähler zum Teufel geworden.
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Es hilft ihm nicht, dass er offenbar weiterhin auf die falschen Berater hört – darunter seine Frau, der man inzwischen Lady Macbeth-Qualitäten nachsagt.
  • Gut möglich, dass diese Kritiker alles alte weisse, also sexistische Männer sind, die nicht ertragen, dass eine junge Frau eine politische Meinung hat
  • Vielleicht haben sie aber auch Recht
Nach wie vor mutet Boris Johnson seinen konservativen Anhängern vieles zu.
Als er Brexit vollendete, hatte er versprochen, in Grossbritannien ein «Bonfire», ein Lagerfeuer anzuzünden, um all diese vielen, aus Sicht der Konservativen überflüssigen, ja schädlichen Regulierungen der EU zu verbrennen.
Hot Britannia: Mit einem neoliberalen Erneuerungsprogramm sollte das Land für eine bessere Zukunft bereit gemacht werden. Davon ist bisher wenig zu sehen. Eben wurde bekannt, dass Boris mit Rücksicht aufs Klima manche EU-Regulierungen weiterführen möchte. Die Konservativen stehen Kopf.
Offensichtlich fehlt ihm Dominic Cummings, der inzwischen unbeliebteste Mann in Westminster. Unbeliebt, diabolisch, aber effektiv. Ohne ihn, so glauben viele, hätte Boris den Brexit nie fertiggebracht.
The Winner Takes It All?
Es erscheint immer unklarer, wer da der Winner, wer der Loser ist.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag. Markus Somm

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