Somms Memo #29 - Bundesrat verzögert Corona-Ausstieg

image 20. Januar 2022, 11:00
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Warum das wichtig ist: Omikron, die neue Corona-Mutation, ist offensichtlich weniger gefährlich. Fallzahlen und Hospitalisierungen haben sich definitiv entkoppelt. Die Krise neigt sich ihrem Ende zu. Schafft die Regierung den Einstieg in den Ausstieg?
Wenn Huldrych Günthard, leitender Arzt am Universitätsspital Zürich (USZ), mit Blick auf die Corona-Lage sagt:
«Ich werde mit jeder weiteren Woche zuversichtlicher, dass es nicht mehr zu einer weiteren Überlastung des Gesundheitswesens kommt»,
dann dürfen auch wir Hoffnung schöpfen. Denn Günthard, regelmässiger Gast in den Medien, fiel in der jüngsten Vergangenheit eher als Warner, wenn nicht als Katastrophen-Prophet und ungeliebte Kassandra auf, wenn es um die Situation an den Spitälern ging. Stets schien es fünf vor zwölf, oft lag er nicht ganz falsch, manchmal erwies er sich auch als zu pessimistisch.
Heute berichtet der stellvertretende Direktor der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene in der NZZ:
«In der zweiten Novemberhälfte begannen wir nach Omikron-Fällen zu suchen, wir haben jedoch kaum schwere Verläufe entdeckt.»
Aus diesem Grund, so hält er fest, seien vielleicht höchstens ein, bis zwei Patienten auf der Intensivstation des USZ untergebracht worden. Wenn jemand heute noch wegen Corona dort liegt, dann nur, weil er von der «alten» Delta-Variante angesteckt worden ist. Entwarnung allenthalben:
«Jene Patienten, die sich mit Omikron infiziert haben, sind meistens nicht wegen Covid bei uns, sondern mit Covid
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Trotz dieser Entspannung an manchen Fronten zögert der Bundesrat. Er wirkt unentschlossen, vorsichtig, ihm ist bange:
  • Es wird zwar keine Massnahme verschärft
  • Aber auch keine wirklich gelockert
Stattdessen wurden am Mittwoch die meisten Schutzvorkehrungen verlängert, insbesondere:
  • Quarantäne und Homeoffice-Pflicht gelten neu bis Ende Februar
  • die 2G-(plus-)Regeln bis Ende März – vorerst
  • die Gültigkeitsdauer der Zertifikate für Geimpfte und Genesene wird ab 31. Januar verkürzt – von heute 365 auf 270 Tage (9 Monate)
Auf den ersten Blick spricht vieles für dieses Vorgehen. Warum soll der Bundesrat schon beim ersten, schwachen Lichtblick so tun, als ob die Sonne wieder schiene? Oft genug wurde der Regierung und dem Bundesamt für Gesundheit vorgeworfen – auch von mir – zu schlecht vorbereitet, zu naiv oder zu überstürzt gelockert bzw. verschärft zu haben. Der Bundesrat zog es vor, auf der sicheren Seite zu bleiben.
Doch man kann auch zu lange auf absolute Sicherheit setzen. Sicher ist am Ende nur der Tod. Wenn der Bundesrat seine Politik weiter so betreibt, als wäre nichts geschehen, dürfte er die Bedeutung von Omikron unterschätzt haben.
Omikron ist ein Game Changer. Alles, was wir bisher über Corona zu wissen meinten, ist ins Wanken geraten. Alles, was unsere Corona-Politik fundiert hat, wirkt neuerdings wie auf Sand gebaut.
  • Omikron ist hoch ansteckend, aber viel weniger gefährlich. Das zeigen inzwischen Studien aus Südafrika, Grossbritannien und den USA. In der Schweiz weisen die Daten ebenfalls darauf hin. Auch Ärzte wie Günthard stellen es fest
  • Eine «Durchseuchung» der Bevölkerung – ein Konzept, das bis vor kurzem wie ein Tabu behandelt wurde – findet jetzt statt, ob wir das wollen oder nicht
  • Denn die Impfung schützt anscheinend nicht vor einer Ansteckung. Omikron für alle: es erkranken Ungeimpfte, es trifft zweifach Geimpfte, ja selbst Geboosterte
  • immerhin scheint die Impfung nach wie vor einen milden Verlauf zu garantieren
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Tabula Rasa. Vor diesem Hintergrund wäre es dringend nötig, Regierung und Verwaltung wagten den mentalen Befreiungsschlag. Ein Brain Storming in Bern – wo das Undenkbare gedacht werden darf und das vermeintlich Dumme plötzlich als das Kluge erscheint – würde wohl Sinn machen, mit dem Ziel sich klar zu werden, was überhaupt noch Sinn macht:
  • Brauchen wir eigentlich Zertifikate (ausser für das Ausland)?
  • Ist die Maskenpflicht nach wie vor nötig?
  • Warum testen wir immer noch wie wild?
  • 2G, 3G, plus und so weiter: Wann werfen wir diesen Buchstabensalat in den Kompost?
  • Und vor allem: Wie schaffen wir den Einstieg in den Ausstieg?
Gerade das Letztere darf keineswegs unterschätzt werden. Wie es nach einem Krieg gar nicht so trivial ist, die Truppen zu demobilisieren, sehen sich jetzt Bund und Kantone vor einer ähnlichen Herausforderung. Dabei kann das Eigeninteresse der Verwaltung eben auch eine Rolle spielen. Dass das unerwünscht ist, darüber besteht Konsens, dass es vorkommt, weiss jeder, der Parkinsons Gesetz kennt.
Gemäss diesem Gesetz, benannt nach Cyril Northcote Parkinson, wächst die Bürokratie ohne Unterlass – ganz gleich, ob sich deren Aufgaben vermehren oder zurückbilden:
«Arbeit dehnt sich exakt in dem Mass aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.»
Zu diesem Befund kam der britische Soziologe, als er seinerzeit die Royal Navy untersuchte, wie sie sich nach dem Ersten Weltkrieg entwickelt hatte. Obwohl man jetzt naturgemäss viel weniger Schiffe bauen liess und die Zahl der Matrosen, Kapitäne und Offiziere brutal herunterfuhr, nahm die Zahl der Beamten in der Admiralität zu – und zwar in geradezu unverschämtem Ausmass:
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Corona löste in der schweizerischen Bürokratie einen ähnlichen Boom aus wie früher ein Krieg.
«Never waste a good crisis», soll der britische Kriegspremier Winston Churchill gesagt haben.
Und sicher hat man diesen Grundsatz auch in Bern beherzigt – zum Teil mit gutem Grund, zum Teil vielleicht auch nicht.
Überall wurden neue Stellen geschaffen, Leute (befristet, heisst es natürlich) eingestellt, Software eingekauft, Wissenschaftler in die Task Force berufen, Testzentren und Impfanlagen eingerichtet: Das alles innert nützlicher Frist abzuwickeln, ist nun Aufgabe des Bundesrates.
Je früher er sich damit beschäftigt, desto besser. Jede Krise geht zu Ende – auch wenn das die Krisenmanager bedauern mögen.

Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Tag Markus Somm

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