Somms Memo #19 - Marc Walders Weisung an seine Journalisten

image 6. Januar 2022, 11:00
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Warum das wichtig ist: Damit verabschiedet sich einer der grössten Medienverlage der Schweiz vom kritischen, staatsunabhängigen Journalismus. Ringier integriert sich freiwillig in die Kommunikationsabteilungen der Bundesverwaltung.
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Ringier-Chef Marc Walder im Gespräch mit Bundesrat Alain Berset (SP).
Marc Walder, CEO und Mitinhaber der privaten Ringier AG, verriet sich gleich selbst:
«Wir hatten in allen Ländern, wo wir tätig sind – und da wäre ich froh, wenn das in diesem Kreis bleibt – auf meine Initiative hin gesagt: Wir wollen die Regierung unterstützen durch unsere mediale Berichterstattung, …»
Als er sich im Februar 2021 an einem geschlossenen Anlass der Schweizerischen Management Gesellschaft so äusserte, war es ihm, einem ehemaligen Journalisten, offensichtlich selber bewusst, wie problematischseine Aussage war. Ansonsten hätte er nicht darum gebeten, dass «das in diesem Kreis bleibt». Er wusste, was er tat.
Seit unser Autor Philipp Gut diese Aussagen im Nebelspalter publik gemacht hat, ist Feuer im Dach.
Nicht nur bei Ringier, wo sich die Entschuldigungsinterviews von Walderüberschlagen, als hätte er sonst nichts Besseres mehr zu tun, wo die Chefredaktion beteuert, man habe nie auf Walder gehört, oder selten, manchmal, oft, und wo selbst Gentleman-Verleger Michael Ringier sich zu Wort meldete. Wer ihn genau las, musste sich um die Zukunft von Marc Walder Sorgen machen:
Walder, so Ringier, wisse selbst am besten, «dass seine Formulierungen (…) nicht zu den Sternstunden einer sonst unglaublich erfolgreichen Karriere gehören».
Man kann das auch als einen wohltemperierten Abschied von einem einst verdienten Mitarbeiter lesen. Eine Distanzierung erster Klasse.
Tatsächlich brennt es in der ganzen Branche. Niemand will verstehen, was in Walder gefahren ist, kein Kommentator, der ihn nicht kritisiert hätte, – und dass dem so ist, liegt an zwei Ursachen:
  • Man fühlt sich selbst ertappt
  • Man zittert um die Mediensubventionen
Zum Ersten:
Die meisten Journalisten sind in den vergangenen zwei Jahren nicht durch überharte Kritik am Bundesrat und seiner Corona-Politik aufgefallen.
Insbesondere mangelte es am Ehrgeiz, kritisch zu recherchieren, die Massnahmen der Behörden zu hinterfragen oder heterodoxen Perspektiven von ausgewiesenen, aber nicht mit der Task Force verbundenen Experten Beachtung zu schenken.
Stattdessen herrschte ein wohliges Einvernehmen mit der Macht: Zuerst schlossen die Journalisten im Zeichen des nationalen Notstandes die Reihen, dann wachten sie zwar auf: doch man verharrte vorzugsweise im Halbschlaf.
Man blinzelteAlain Berset, den Gesundheitsminister, freundlich an, man gähnte, wenn unangenehme Tatsachen zutage traten, die dem widersprachen, was das Bundesamt für Gesundheit behauptete, man drehte sich im Bett auf die andere Seite, wenn die Zahlen darauf hinwiesen, dass sich die Task Force von neuem verschätzt hatte. Wie Schüler, die verschlafen hatten, schaffte man es fast nicht mehr aus dem Bett. So schön warm war es da. Und der Staat zog einem fürsorglich die Decke über den Kopf.
In den meisten Redaktionen stellte sich ein Berset-Konsens ein, ohne dass dies ein Chef hätte anordnen müssen. Wer es anders sah, wurde zermürbt, bis er schwieg.
Redaktionen sind unduldsame Organismen, die nichts besser können, als das eigene Immunsystem zu schützen, indem sie Fremdkörper entschlossen fernhalten oder ausscheiden. Unerwünschte Fakten, andere Ansätze, falsche Meinungen. Auf dass sie immer immun bleiben – gegen unangenehme Wahrheiten.
Marc Walder war nur naiv oder übermütig genug, das auch noch auszudrücken, – was seine Untergebenen freiwillig ohnehin getan hätten. So wie in vielen anderen Redaktionen. Darum kommt er jetzt unter die Räder.

Ein Zweites kommt hinzu, was Walder nun zum Paria der Branche macht:
Die Medien blicken einer Volksabstimmung entgegen, die sie sehr nervös macht. Am 13. Februar werden wir über das Referendum gegen das Mediengesetz entscheiden. Die Medien sind nervös, denn:
  • Es geht um sehr viel Geld: Der Bund will die Medien mit 178 Millionen Franken unterstützen
  • Zum ersten Mal wird über die privaten Medienverlage abgestimmt. Sind wir beliebt – oder eben doch nicht? Man fürchtet sich vor diesem Verdikt. Es droht ein SRG-Trauma.
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Die Journalisten der SRG, so mein Eindruck, haben sich nie mehr richtig davon erholt, dass die No-Billag-Initiative ihre Tätigkeit und Existenzberechtigung fundamental in Frage gestellt hatte. Eine Art Trauma blieb.
Sich einer Volksabstimmung zu stellen, ist kein Sonntagsspaziergang.
Was die Journalisten den Politikern oft vorhalten – dass sie nicht freudig verlieren –, erleben sie nun am eigenen Leib.
Deshalb hat Walder seiner Branche einen Bärendienst erwiesen. Er bestätigte mit seiner Aussage, was sehr viele Bürger und Bürgerinnen dieses Landes schon lange dunkel ahnen:
  • Die Medien begleiten die Corona-Politik zu unkritisch
  • Die Medien nehmen Partei, obwohl sie so tun, als ob sie über den Parteien stünden
  • Die Medien berichten zu staatsnah. Sie verhalten sich heute schon so, als ob die Behörden sie für ihre Berichterstattung bezahlten
Der Nebelspalter lehnt das Mediengesetz aus Überzeugung ab. Es kann nicht sein, dass die vierte Gewalt, die den Staat zu überwachen hat, vom gleichen Staat Geld nimmt. Niemand beisst die Hand, die ihn füttert. Eine freie Presse muss frei sein – oder wie es Albert Camus formulierte:
«Eine freie Presse kann gut oder schlecht sein, aber ohne Freiheit ist sie nur schlecht.»

Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Tag. Markus Somm

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