Somms Memo #18 - EU will wieder AKWs

image 5. Januar 2022, 11:00
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Warum das wichtig ist: Das ist eine Wende. Investitionen in Nuklearenergie sind wieder chic. In Europa dürften schon bald neue AKWs gebaut werden. Die Schweiz kommt unter Zugzwang.

Es war ein Donnerschlag zu Silvester, als ob es der EU-Kommission darum gegangen wäre, das Ende des Jahres besonders hervorzuheben: Atomenergie (und Erdgas) sollen unter bestimmten Bedingungen ein grünes Label erhalten, um Investoren dazu zu bewegen, entsprechende Anlagen zu finanzieren.
Das ist aus Sicht Brüssels auch dringend nötig. Will die EU ihren ehrgeizigen Plan erreichen, im Jahr 2050 eine Co2-freie Wirtschaft zu besitzen, dann sind gewaltige Investitionen erforderlich:
  • Man rechnet mit zusätzlichen 175 bis 250 Milliarden Euro pro Jahr
  • Der grösste Teil davon muss aus dem privaten Sektor kommen – und der überwiegende Teil dürfte in Nuklearenergie und Erdgas geleitet werden
Denn nur grüne Träumer verweigern sich noch dieser Einsicht: Mit Sonne und Wind, zwei Energieproduzenten, die höchst launenhaft Strom liefern, lässt sich in Europa das Klima nicht retten. Es mangelt uns bald an Strom. Heute würde Karl Marx schreiben:
Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Blackouts.
Selbst in der soliden Schweiz droht dieses Szenario, einem Pionier der Elektrifizierung in Europa, einem Land, wo der «Blackout» bis vor kurzem stets ein Fremdwort geblieben ist, wo sich der Bürger nie, aber auch gar nie Gedanken darüber machen musste, ob er am Morgen noch seine Kaffeemaschine einschalten konnte oder das Licht in der Toilette brannte.
Werden unsere Enkel uns einmal ungläubig ausfragen, wie dass denn so war – damals, vor dem üblichen Blackout? Der guten alten Zeit?
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Natürlich geht es auch um Geopolitik:
  • Wer ist der Sieger?
  • Wer ist der Verlierer?
Die Antwort ist simpel:
  • Russland und Frankreich obsiegen
  • Deutschland hat verloren
Niemand betreibt in Europa so viele AKWs wie Frankreich. Die angeschlagene Grande Nation hat erkannt: Hier kann es seinen ewigen Rivalen Deutschland, der wirtschaftlich längst davongezogen ist, einholen. Fieberhaft plant das Land neue Kraftwerke.
Frankreich hat die EU-Kommission in diesem Sinne beeinflusst, Frankreich hat unter den Mitgliedstaaten eine Mehrheit für das grüne Nuklearlabel zusammengetrommelt, Frankreich, das seit Anfang 2022 die Ratspräsidentschaft innehat, wird auch im EU-Parlament nichts anbrennen lassen.
Bald dürfte Deutschland von französischem Strom genauso abhängig sein – wie vom russischen Erdgas.
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Ist dies schon Wahnsinn, sagte William Shakespeare, so hat es doch Methode:
Die grösste Volkswirtschaft Europas hat sich freiwillig arm gemacht und seinen politischen und wirtschaftlichen Konkurrenten ausgeliefert.
Ende 2022 will Deutschland seine letzten AKWs abstellen, 2038 aus der Kohle aussteigen. Weil Sonne und Wind nie genügend Strom liefern werden, dürfte Deutschland schon in wenigen Jahren zu einem der grössten Stromimporteure der Welt aufsteigen. Der Exportweltmeister ist auch ein Importweltmeister.
Ironischerweise überwiegt in Deutschland noch die Realitätsverweigerung. Man vermag nicht einzusehen, wie isoliert das eigene Land nun steht, besonders den sich sonst so europafreundlich gebenden Grünen fällt das schwer.
Deutschland sind in der EU nur noch wenige Geistesverwandte verblieben – so zum Beispiel Österreich. Vor kurzem haben sogar die Niederlande die Atomkraft rehabilitiert. Weltweit hat sich ein bemerkenswerter Stimmungsumschwung zugetragen – wie diverse Umfragen belegen.
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Auch die Schweiz könnte zu den Verlierern zählen – wenn wir nicht rasch umdenken. Die Energiewende ist gescheitert.
Doris Leuthards Traum ist ein Alptraum geworden.
Statt von grünem Strom reden wir in Bern zunehmend von Strommangellagen. Eine solche gilt mittlerweile gemäss VBS als eine der schlimmsten und wahrscheinlichsten Katastrophen überhaupt, die unser Land heimsuchen könnte.
War es nicht von Anfang ein surrealer Gedanke? Die Schweiz hatte schon immer eine Co2-freie Stromproduktion:
  • Rund 60 Prozent stammte aus der Wasserkraft
  • 40 Prozent aus AKWs
Wenn es ein Land gab, das sich keine Gedanken hätte machen müssen, dann die Schweiz.
Hinzu kommt: Sowohl Wind- wie Solaranlagen verbrauchen gigantische Flächen. Warum soll eine solche Energieproduktion in einem der am dichtesten besiedelten Ländern der Welt mit den umfangreichsten, kleinlichsten Einsprachemöglichkeiten der Weltgeschichte Sinn ergeben? Dream on.
Sonne und Wind werden nie ausreichen, um die AKWs zu ersetzen. Und die Hoffnungen, die offensichtlich auch Leuthard gehegt hat, eine misslungene Politik mit dem Import von Strom ungeschehen zu machen, dürften sich zerschlagen. Überall in Europa fehlt es an Strom.
Deshalb führt kein Weg daran vorbei: Die Schweiz muss so rasch als möglich den Bau von neuen Kernkraftwerken an die Hand nehmen. Wenn wir heute entscheiden, wird es noch lange genug dauern, bis ein neues AKW ans Netz geht.
Aufruf an die Bürgerlichen: Vorwärtsmachen! Aufruf an die vernünftigen Kräfte bei den Grünliberalen: Umdenken! It’s your call of duty. Es läuft uns die Zeit davon.

Ich wünsche Ihnen einen energiereichen Tag. Markus Somm

P.S. 1 Ein Leser hat mich zu Recht darauf aufmerksam gemacht: Die «Tschechoslowakei» gibt es seit 1992 nicht mehr. In meinem Memo vom Montag muss es deshalb heissen:
«Die USA verlegen Raketenstellungen nach Polen und nach Tschechien»
P.S. 2 Auf Wunsch zahlreicher Leser, hier der Link zum Protokoll der Bundesratssitzung vom 17. April 1991, von dem das Memo vom 4. Januar 2022 handelte:
https://dodis.ch/57331

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