Somms Memo: Guy Parmelin versagt – oder wie er eine neue SECO-Chefin fand

image 6. Mai 2022, 10:15
Guy Parmelin (SVP). Wirtschaftsminister. Bild: Keystone-SDA
Guy Parmelin (SVP). Wirtschaftsminister. Bild: Keystone-SDA
Die Fakten: Der Bundesrat hat Helene Budliger zur Chefin des Seco ernannt. Die neue Staatssekretärin besetzt eine der wichtigsten Positionen in der Wirtschaftspolitik des Bundes. Warum das wichtig ist: Budliger war vorher eine Art Personalchefin im EDA und Botschafterin in unbedeutenden Ländern, was den schweizerischen Export anbelangt. Ihre Wahl ist kurios.
1999 hat der damalige Wirtschaftsminister Pascal Couchepin (FDP) zwei grosse Bundesämter zu einem noch grösseren Bundesamt fusioniert: Er nannte es etwas imposant das «Staatssekretariat für Wirtschaft» oder kurz: SECO und machte einen Militärkameraden zum ersten Staatssekretär (David Syz). Imposant blieb nur der Name. Die beiden Bundesämter, die man zum SECO zusammengelegt hatte, waren politisch viel einflussreicher gewesen als das Fusionsprodukt.
  • Das einstige Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit, BIGA, prägte in hohem Masse die Wirtschaftspolitik im Innern des Landes
  • Noch gewichtiger war das frühere Bundesamt für Aussenwirtschaft, das BAWI. Das Bundesamt aller Bundesämter. Es war mächtig, legendär, elitär. Mit einer Mischung von Neid und Bewunderung nannte man es in Bern das «Kronamt»
Das BAWI betrieb die gesamte Handelspolitik der Schweiz. Und weil für dieses Land nichts wichtiger war als der Export, kam dem BAWI eine hervorragende Stellung zu.
  • Alle grossen Exportunternehmen – Nestlé, die Basler Chemie, ABB oder Sulzer – pflegten engste Beziehungen zum BAWI. Wer auf dem Weltmarkt auf Schwierigkeiten stiess, wandte sich ans BAWI. Man kannte sich, man schätzte sich
  • Das BAWI strahlte Prestige aus. Wer intelligent und ehrgeizig war, sowie in die grosse Welt hinauswollte, der bemühte sich um eine Stelle im BAWI. Nur die Besten wurden genommen – und weil die Diplomaten des BAWI auch in den Augen der Wirtschaft zu den fähigsten Köpfen zählten, kam es häufig vor, dass sie ihre Karriere in den grossen Konzernen unseres Landes fortsetzten. Nirgendwo kamen Staat und Wirtschaft so gut miteinander aus wie im BAWI
  • Wenn es jemanden in der Bundesverwaltung gab, der über fast so viel Ansehen verfügte wie ein Bundesrat, dann war das der Direktor des BAWI, dem in der Regel der seinerzeit noch seltene Titel «Staatssekretär» verliehen wurde. Die BAWI-Direktoren galten als die mächtigsten Chefbeamten in Bern. Selbst Bundesräte nahmen sich in Acht. Oft waren sie Superstars, deren Namen berühmt wurden: Hans Schaffner, Paul Jolles, Franz Blankart
Heute wirkt das SECO wie eine Ruine, wenn man an das BAWI denkt, ein einstiger Palast, wo heute der Verputz von den Wänden blättert. Von altem Glanz und Geheimnis ist wenig übrig geblieben. Dennoch stellt der Staatssekretär des SECO nach wie vor eine Schlüsselfigur dar. Wenn es in Bern jemanden gibt, der über
  • wirtschaftspolitischen Sachverstand
  • ein ordnungspolitisches Gewissen
  • und Zugang zu den besten Managern und Unternehmern des Landes geniesst, weil er sie schon lange kennt,
dann müsste diese Frau oder Mann das SECO führen.

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Neue Staatssekretärin des SECO: Helene Budliger. Bild: Keystone-SDA
Die neue Chefin des SECO bringt das alles nicht mit. Helene Budliger Artieda hat zwar eine erstaunliche Karriere vorzuweisen – von der Sekretärin, die einem Botschafter den Kaffee serviert (so berichtet der Tages-Anzeiger) zur Spitzenbeamtin und Botschafterin im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), – doch mit Wirtschaftspolitik hatte sie bisher noch nie viel zu tun – noch kennt sie die Wirtschaft.
  • Sie hat nie in der Privatwirtschaft gearbeitet
  • Sie hat in der Schweiz ein Handelsdiplom erworben und an einer privaten Universität in Bogotá/Kolumbien einen MBA. Ich bin kein akademischer Snob: Aber das ist kein allzu umfangreicher Bildungsrucksack
  • Budliger war als Mitarbeiterin des EDA in Afrika und Südamerika tätig, sie war Botschafterin in Thailand und Südafrika, – aber das alles stellen Kontinente und Länder dar, die für unsere Exportwirtschaft kaum relevant sind
  • Im EDA war Budliger «Direktorin der Direktion für Ressourcen». Offenbar machte sie diesen Job gut. Sie steht im Ruf, eine wirksame Managerin zu sein. Doch inhaltlich hat sie kaum je gearbeitet
  • Ihr ist kein einziges wichtiges Exportland der Schweiz aus ihrer diplomatischen Erfahrung näher vertraut: weder die EU, Deutschland oder Frankreich, noch die USA, noch China oder Japan. Sie war nie in Brüssel, Washington oder Peking stationiert


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Im Anforderungsprofil, das dem Stelleninserat des SECO zu entnehmen ist, heisst es:
«Sie haben berufliche Erfahrungen und Netzwerke in Politik, Wirtschaft, Aussenwirtschaft, Verbänden und Institutionen».
Davon kann – wenn man es ernst meint – keine Rede sein.
Mit anderen Worten, Helene Budliger ist eine sehr, sehr überraschende Wahl. Was ist in ihren künftigen Chef, Bundesrat Guy Parmelin (SVP) gefahren?
Wir wissen es nicht. Selten hat ein Bundesrat so gedankenlos und schludrig eine der zentralen Führungspositionen in seinem Departement besetzt.
Franz Blankart, einer der glänzenden Vorgänger von Budliger, schrieb einst seine Dissertation beim deutschen Philosophen Karl Jaspers. Der Titel lautete:
«Zweiheit, Bezug und Vermittlung».
Gewiss, einen solchen Leistungsausweis haben wir nicht erwartet.
Ich wünsche Ihnen geruhsames Wochenende
Markus Somm

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