Somms Memo: Die Queen. Garantin der britischen Demokratie

image 3. Juni 2022, 10:29
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Die Fakten: Die britische Königin Elisabeth II. sitzt seit 70 Jahren auf dem Thron. Kaum ein Monarch der Weltgeschichte hielt sich länger an der Macht.

Warum das wichtig ist: Die englischen Könige waren einst normale Könige, also Despoten, heute schützen sie das Volk vor allzu ehrgeizigen Politikern.


Als Elizabeth Alexandra Mary aus dem Hause Windsor, vormals Sachsen-Coburg und Gotha, im Februar 1952 den Thron bestieg, umfasste ihre Herrschaft noch immer die halbe Welt. Elisabeth II. war unter anderem Königin von
  • Grossbritannien und Nordirland
  • Kanada, Australien, Neuseeland
  • Südafrika
  • Pakistan
  • Britisch-Ceylon (heute Sri Lanka)
  • Sowie rund einem Dutzend weiterer «Commonwealth Realms», mehr oder weniger unabhängigen Ländern des ehemaligen British Empire
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Ja, selbst das Empire, das grösste Weltreich aller Zeiten, bestand noch in weiten Teilen, zwar war Britisch-Indien 1947 in die Unabhängigkeit entlassen worden, das einstige Kronjuwel, und die Gebiete im Nahen Osten hatten sich verselbständigt, doch in Afrika und in Asien herrschten die Briten 1952 nach wie vor über bedeutende Kolonien. In sämtlichen Weltmeeren besassen sie Inseln und Stützpunkte.
70 Jahre später ist davon nicht mehr viel übriggeblieben, insgesamt verfügt Grossbritannien aktuell über 15 überseeische Territorien. Die letzte wirklich wichtige Kolonie war Hong Kong gewesen, das 1997 an die Chinesen zurückgegeben wurde.
End of Empire, aber nicht End of the Queen:
Je mehr das Empire schrumpfte, desto mächtiger wuchs das virtuelle Reich der Queen, der britischen Königin, die weltweit nur Queen genannt wird, und dabei weiss jeder, wer damit gemeint ist.
  • Ausser dem Papst, so heisst es, verfüge niemand über so viel Soft Power, also kulturelle, emotionale Macht wie die Queen
  • Als sie 1953 in London zur Königin gekrönt wurde, verfolgten das weltweit 277 Millionen am Fernsehen. Manche hatten sich für den Anlass das erste Fernsehgerät erworben

Wenn sie dieses Wochenende ihr Platinum Jubiläum begeht (die Feierlichkeiten begannen am Donnerstag), dürften sich Milliarden von Menschen zuschalten, ob am Fernsehen und Radio, auf Social Media oder im Internet
  • das British Empire ist tot
  • es lebe das Global Empire der Queen
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Am Sonntag werden in ganz Grossbritannien «Big Jubilee Lunches» veranstaltet. Eine sehr britische Art, die eigene Königin hochleben zu lassen:
  • Roastbeef zu Ehren der Queen
  • Yorkshire Pudding für ein Königreich

Zehn Millionen sollen daran teilnehmen, mehr als 600 Lunches sind es weltweit, von Kanada bis Australien, von Brasilien bis Japan, ja selbst in der Schweiz.
  • Keine Frau, ja, kein Mensch ist bekannter
  • Niemand beliebter als die Queen

Als sie 1947 Prinz Philip von Griechenland und Dänemark heiratete, waren in England noch die meisten Waren rationiert, wie das während des Weltkrieges gegolten hatte. Das heisst, man brauchte Rationierungsmarken, um etwas zu kaufen, was sicherstellen sollte, dass sich niemand zu viele Vorteile verschaffte. Arm und Reich gab es nicht mehr – so immerhin in der Theorie.
Also kaufte sich auch die junge Prinzessin Elisabeth ihr Hochzeitskleid mit Rationierungsmarken.
Im Zweiten Weltkrieg war sie auch die erste Frau der königlichen Familie, die je Militärdienst geleistet hatte. Wie alle Briten erfüllte die Prinzessin ihre Pflicht. Sie fuhr Militärlastwagen.
Es ist diese einzigartige Fusion von Bescheidenheit und königlicher Würde, die die Queen auszeichnet, und wohl dafür sorgt, dass man sie so liebt.
  • Dabei tat sie nie «demokratisch», sie biederte sich nie dem «Volk» an, indem sie so redete, wie dem Volk der «Schnabel» gewachsen war. Wenn jemand weiss, wie Queen’s English klingen muss, dann die Queen
  • Und doch ist sie zum Garanten der britischen Demokratie geworden

Es ist ein Paradox. Die britische Monarchie geht auf Alfred den Grossen zurück, den König von Wessex, der sich 886 zum König der Angelsachsen erhob. Das ist 1136 Jahre her, so alt ist die britische Monarchie, wenn wir von den elf Jahren des Commonwealth of England absehen, als man sich unter Oliver Cromwell als Republik konstituierte (1649 bis 1660).
Doch den gleichen Königen, die sich so lange an der Macht hielten, gelang es, diese zu behalten, indem sie sie sukzessive abgaben. Meistens nicht freiwillig, gewiss, Bürgerkriege, Hinrichtung des Königs, Korruption und Rebellion gehören zur britischen Geschichte, und doch war es eine Geschichte, die weitgehend glücklich verlief – besonders im Vergleich mit fast allen Staaten dieser Welt. Warum?
Es ist ein Paradox, das vielleicht nur wir Schweizer verstehen. Bewohner eines ähnlich alten Landes. Die Engländer (und die Schweizer) sind nämlich stets beides:
  • Stockkonservativ, was ihre Institutionen anbelangt
  • beweglich, wenn es die Zeiten erfordern
  • Modern nicht aus Überzeugung oder ideologischer Erleuchtung, sondern, weil man muss

Indem die Engländer (die Schotten stiessen erst 1707 dazu) auf fast verschrobene Art und Weise am Alten festhielten – vor allen Dingen im Formalen – verhalfen sie dem Neuen zum Durchbruch, ohne dass die Menschen das als Verlust oder Zumutung empfanden.
Es ist das Geheimnis jeder wahren Revolution:
  • Wer in der Politik wirklich Neues schaffen will, das überdauert, muss so tun, als ob er den alten Zustand wiederherstellte. Back to the Future
  • Wer in die Moderne drängt, endet im Mittelalter – siehe Jakobiner, siehe Lenin
  • Keine Generation weiss alles besser als die tausend Generationen vor ihr. Deshalb scheitern die meisten Revolutionäre

Die Queen steht dafür. Als sie 1952 antrat, gab es noch das British Empire, ein Reich, das mit seltener Skrupellosigkeit, aber auch mit einzigartigem politischem Sachverstand zusammengeraubt worden war. Rassismus, Sklaverei, Unrecht und Willkürherrschaft prägten auch das British Empire.
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Und dennoch gibt es kaum ein Land, das mehr dafür getan hat, dass diese politischen Perversionen heute weitgehend überwunden worden sind, jedenfalls im Westen – als Grossbritannien.
Wenn die Queen heute feiert, dann feiern mit ihr Briten aus aller Welt stammen: ehemalige Inder, Pakistani, Afrikaner und Asiaten, Muslime, Juden und Christen oder Hindus, – freiwillig, mit Freude, und so gut wie alle fühlen sich als Demokraten – in einer Monarchie.
Das ist das zweite Paradox. Waren die alten Könige Englands einmal genauso Despoten wie ihre Kollegen auf dem Kontinent, so bewahrt heute die Queen die britische Demokratie.
Weil diese Institution der Monarchie so stark ist, weil die Queen sie so glänzend seit 70 Jahren verkörpert, bringt kein Politiker sie je weg.
Es ist undenkbar, dass Grossbritannien je kommunistisch oder faschistisch geworden wäre, es ist unvorstellbar, dass ein Premierminister meint, er könnte schalten und walten, wie es ihm passte, – weil jeder Politiker in Grossbritannien weiss, dass auch er bloss ein Untertan ihrer Majestät ist.
Elisabeth II. hat in den 70 Jahren ihrer Herrschaft rund 21 000 öffentliche Termine wahrgenommen. Sie hat 14 Premierminister ernannt und überlebt, und über 100 Länder besucht, darunter 23-mal Kanada und 22-mal Frankreich.
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Königin Elisabeth II. im Kreise ihrer königlichen Hunde.
Und sie liebt Hunde, insbesondere Corgis, eine britische Hunderasse. Über 30 soll sie besessen und erzogen haben. Dabei gilt sie als strenge, aber faire Herrin.
«Ihre Majestät die Königin ist ein fantastischer Hundetrainer»,
vertraute Roger Mugford, der ehemalige Corgi-Trainer der Königin, der britischen Zeitschrift Country Living an:
«Als ich sie besuchte, hatte sie neun Hunde und sie hatte sie unglaublich im Griff, sie waren gut geführt und gehorchten ihr aufs Wort

Ich wünsche Ihnen wundervolle Pfingsten Markus Somm


P.S. Das nächste Memo erscheint am Dienstag, 7. Juni 2022.

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