Somms Memo: Boris Johnson. Der Tragödie letzter Teil

image 7. Juni 2022, 10:00
Boris Johnson, Premierminister von Grossbritannien.
Boris Johnson, Premierminister von Grossbritannien.
Die Fakten: Der britische Premierminister Boris Johnson übersteht eine Misstrauensabstimmung seiner Fraktion. 211 stützten ihn, 148 wollten ihn loswerden.

Warum das wichtig ist: Auch wenn er gewonnen hat, dürfte Johnson als Regierungschef nicht überleben. Es ist eine Tragödie – die er verdient hat.


Als Boris Johnson noch einer der lustigsten und auch anregendsten Politiker war, die es im Westen gab, traf er sich mit Mary Beard, einer bekannten englischen Althistorikerin, zur öffentlichen Debatte. Was war grösser?
  • Rom oder
  • Griechenland?

Und mit einer Leidenschaft und einem Ernst, als ob es um das Überleben Grossbritanniens im 21. Jahrhundert ginge, stritten die beiden, während ihnen das Publikum an den Lippen hing.
Beard verteidigte Rom, Cicero und Augustus, die Republik und die Cäsaren – Johnson, der in Oxford ebenfalls in klassischer Altertumswissenschaft abgeschlossen hatte, parierte und erklärte, warum nie etwas Grandioseres bestanden hatte als Perikles und Aristoteles, die Venus von Milo oder die griechische Tragödie.
Inzwischen nimmt er selber teil an einer Tragödie, die er selber geschrieben hat – und an deren Ende er höchstpersönlich als tragischer Held sterben wird:
  • Partygate, jener selbst verschuldete Skandal, will nicht vergehen
  • Die Tatsache, dass er, der britische Corona-Diktator, die eigenen strengen Corona-Regeln gebrochen hat (und mit ihm seine Entourage), vermag Johnson nicht aus der Welt zu schaffen
  • Selbst wenn er sich alle zwei Tage dafür entschuldigt, zu Boden wirft, im Staub wälzt und Busse tut: Die Briten verzeihen es ihm nicht

Jedenfalls gehen immer mehr konservative Parlamentarier davon aus und rechnen mit dem Schlimmsten, falls es zu Wahlen kommt. Am Pfingstsonntag wurde bekannt, dass 54 Tories einen Misstrauensantrag gegen Johnson gestellt hatten.
  • 54 ist die Zahl, die es braucht, damit die Fraktion zwingend über die Zukunft des Parteichefs abstimmen muss – das Quorum liegt bei 15 Prozent aller konservativen Abgeordneten im Parlament
  • Johnson gewann am Montag die Vertrauensabstimmung mit 211 zu 148 Stimmen
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Was wie ein Sieg aussieht, ist ein in Tat und Wahrheit eine Katastrophe.
Denn gut 160 bis 170 Parlamentarier sind in irgendeiner Weise von der Regierung abhängig – sie beziehen Lohn, sie versehen ein Amt, sie sind Minister.
  • Mit anderen Worten, bloss 40 Hinterbänkler, also Leute, die nichts von der Regierung erwarten können, stimmten freiwillig für Johnson
  • Den anderen 170 blieb nichts anderes übrig, wollten sie Ende Monat noch imstande sein, ihre Rechnungen zu bezahlen

Johnson, allein zu Hause in Downing Street, wo er mit seiner jungen Frau Carrie lebt, die einen Ruf besitzt, der übler ist als jener von Kleopatra.
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Wenn man sich fragt, wie ein Politiker, der noch 2019 einen sagenhaften Wahltriumph errungen hat, so tief gefallen ist, dass er um das Vertrauen der eigenen Leute bangen muss, dann sind drei Phasen zu unterscheiden.
Sie wirken wie die klassischen Bestandteile einer griechischen Tragödie.
  1. Am Anfang war die Hybris – griechisch für Hochmut. Boris, so nannten ihn alle, als man ihn noch liebte, meinte, er sei unverwundbar. Als Partygate aufflog, stritt er zuerst alles ab, dann gab er zu, was nötig war. Nie erweckte er den Eindruck, er verstünde, warum die Bürger sich enttäuscht und hintergangen fühlten. Wenn er vor den Briten kniete und um Verzeihung bat, blickte er immer wie einer, der auf die Uhr schaute: Wie lange muss ich noch knien, bis sie endlich zufrieden sind?
  2. Nemesis – die Rache. Johnson hat sich viele Gegner gemacht, als er den Brexit vollzog, nein, nicht Gegner, sondern Todfeinde – auch in der eigenen Partei. Es war klar, dass diese auf Vergeltung sannen. Als Partygate aufflog, sahen sie ihre Stunde gekommen. Johnson war naiv, weil er arrogant war. Er hatte seine Gegner dermassen tief in den Staub gedrückt, dass er sich wohl nie vorstellen konnte, dass man auch im Staub gegen ihn wühlen konnte.
  3. Katharsis – die Läuterung. Wenn einer wie Johnson angesichts einer Welt von Feinden überleben will, dann muss er wenigstens seine Freunde pflegen. Das tat er nicht. Im Gegenteil, er brachte auch sie gegen sich auf. Johnson lieferte den Brexit ab – und dann machte er eine Politik, die geradesogut von Labour hätte stammen können: Keine Liberalisierungen und Deregulierungen, weit und breit Ein Corona-Regime, das sich kaum unterschied vom chinesischen Modell Steuererhöhungen statt Steuersenkungen
Noch steht die Läuterung bevor. Wahrscheinlich endet die Tragödie mit Johnsons politischem Tod, wie eigentlich jede Tragödie zu enden hat. Offen ist bloss der Todeszeitpunkt.
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Laokoon, trojanischer Priester, der sich bei der Göttin Athene unbeliebt gemacht hat.
Womöglich windet er sich noch ein paar Monate wie Laokoon, jener bedauernswerte Priester, der mit seinen Buben von Schlangen erwürgt wird, weil er die Wahrheit über das trojanische Pferd gesagt hatte.
Im Gegensatz zu Laokoon hat Johnson jedoch nicht die Wahrheit gesagt – und niemand bedauert ihn.
«Für jeden kommt in seinem Leben ein besonderer Moment, in dem ihm auf die Schulter geklopft wird und er die Möglichkeit erhält, etwas ganz Besonderes zu tun, was nur er kann»,
sagte Winston Churchill einst, über den Johnson eine Biografie geschrieben hat:
«Was für eine Tragödie, wenn dieser Moment ihn unvorbereitet trifft oder er sich als unfähig dafür erweist, was seine feinste Stunde hätte werden können.»

Ich wünsche Ihnen einen glänzenden Wochenbeginn Markus Somm

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