Somms Memo: Autos werden immer teurer. Sind sie bald unerschwinglich?

image 4. Mai 2022, 10:31
Freiheit und Wohlstand. Gute Fahrt.
Freiheit und Wohlstand. Gute Fahrt.
Die Fakten: General Motors will Autokäufer zu Abonnenten machen. Da Autos inzwischen grossen Smartphones gleichen, soll für Updates eine monatliche Gebühr fällig werden.
Warum das wichtig ist: Zurzeit steigen die Autopreise wie selten zuvor. Das liegt am Krieg und an Corona, aber auch an der Klimapolitik. Sollte die Idee von GM Schule machen, wird das Auto für immer weniger Leute erschwinglich.
Die Autobauer befinden sich in einem Dilemma. Der Kunde erwartet neuerdings nicht nur einen Motor mit Sitz, der ihn von A nach B bringt – die DNA des Automobils seit mehr als hundert Jahren –, sondern er verlangt viel mehr: Einen Computer auf Rädern, der ihn
  • durch das Dickicht der Städte navigiert, Stau riecht und Blitzgeräte wittert
  • der ihn bestens unterhält und mit Familie und Geschäft verbindet
  • der sich selbst überwacht, optimiert und repariert
  • der ihm das Fahren abnimmt
Kurz, das Ziel ist ein fahrendes Büro oder ein superschnelles Schlafzimmer. Irgendwann wird man sich im eigenen Auto auch den Blinddarm operieren lassen.
Diese immer leistungsfähigeren Computer bedürfen der permanenten Erneuerung. Und die Autohersteller sehen sich gezwungen, Updates zu machen, was sie etwas kostet, und zwar immer mehr. Wenn sie sich jetzt Gedanken machen, wie sie diese Kosten auf ihre Kunden überwälzen, dann entbehrt das nicht einer gewissen Logik.
General Motors (GM), einer der grössten Autohersteller der Welt, plant deshalb, seine Kunden zu Abonnenten zu machen, wie Axios berichtet, eine amerikanische Newsplattform.
  • Wer bei GM ein Auto kauft – also einen Chevrolet, Buick, GMC oder Cadillac – muss auch ein Abo lösen, um sich die digitalen Services zu sichern
  • Das Abo kostet durchschnittlich 135 Dollar im Monat

Natürlich geht es GM nicht bloss um eine Entschädigung für seine digitalen Updates. Vielmehr möchte das Management einen Paradigmenwechsel durchsetzen. Der Autobesitzer soll eine Art Automieter werden.
Man rechnet mit Milliarden von zusätzlichem Umsatz.
Dabei sind die Streamingdienste das Vorbild: Ob Netflix, Spotify oder Hulu – sie alle stützen sich auf ständig wiederkehrende Einnahmen, die ihnen die Abos einbringen.
  • Das macht sie konjunkturresistenter
  • das entspricht auch eher dem Konsumverhalten der jüngeren Generation: Diese will immer weniger Produkte besitzen, dafür immer mehr davon nutzen
GM steht nicht allein, auch das japanische Autounternehmen Toyota experimentiert in den USA mit diesem Ansatz. Wer etwa einen Toyota Tundra erwirbt, zahlt jeden Monat 32 Dollar für die digitale Sonderausstattung, wie unter anderem ein Cloud-basiertes Navigationssystem.
Noch, so scheint es, wird erst in den USA an dieser stillen Revolution gearbeitet. In der Schweiz ist davon nichts zu sehen. Allerdings gilt wie immer:
Was in Amerika sich durchsetzt, wird in zwei, drei Jahren auch in Europa zum letzten Schrei.
Dass die Autoindustrie sich gerne als Streamingdienst neu erfinden möchte, mag nachvollziehbar sein. Doch nimmt das der Kunde hin?
Wohl kaum.

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Autos sind nach wie vor die kostspieligsten Konsumgüter, die sich ein Mensch leistet.
  • In den USA kostet ein Auto im Schnitt 43 000 Dollar, das kommt 10 Monatslöhnen gleich (Wechselkurs Dollar-Franken 1:1)
  • In der Schweiz beläuft sich der Preis eines Neuwagens auf rund 58 000 Franken (Listenpreis), was 9 Monatslöhnen entspricht (Schweizer Durchschnittslohn 2021, brutto: 6500 Franken)
Hinzu kommt: Die Autos sind in den vergangenen Jahren immer teurer geworden. Und selten kosteten sie so viel wie heute. Das gilt für Neuwagen, das gilt aber auch für Occasionswagen. Der Markt ist ausser Rand und Band geraten.
Dafür gibt es mehrere Ursachen:
  • Zuerst hat Corona die Lieferketten zerrüttet. Halbleiter sind kaum mehr innert nützlicher Frist zu erhalten, ebenso etwa Kabelstränge. Das treibt die Preise
  • Jetzt lässt der Krieg in der Ukraine die Rohstoffpreise in beispiellose Höhen steigen: Eine Tonne Aluminium kostete im April 2021 2267 Dollar – heute wird 3443 Dollar dafür verlangt. Das ist eine Preissteigerung von mehr als 50 Prozent. Stahl kostet 42 Prozent mehr.
Das sind gleichsam naturgesetzliche Vorgänge, gegen die man sich kaum wehren kann. Doch genauso verantwortlich für die höheren Autopreise sind unsere Politiker:
  • Um ihre klimapolitischen Ziele zu erreichen, verlangen sie von den Autoimporteuren, dass sie möglichst viele Elektroautos ins Sortiment nehmen – selbst wenn der Kunde gar nicht so dringend danach verlangt
  • Elektroautos sind in der Regel teurer als herkömmliche Autos. Deshalb schnellen die Durchschnittspreise in die Höhe
  • Last but not least werden laufend Steuern und Abgaben auf Treibstoffe erhöht. Das macht das Autofahren zusätzlich teurer


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Es gehört vielleicht zu den wichtigsten und schönsten Symbolen des Wirtschaftswunders, das unsere Eltern und Grosseltern nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt haben: Das eigene Auto.
Es stand für Freiheit und Wohlstand.
Was früher ein ausgesprochenes Luxusprodukt war, wurde spätestens in den 1970er Jahren auch für den Büezer zum Standard.
Kein Politiker traute sich damals, den Bürgern das Auto zu verleiden. Und die Industrie bemühte sich – mit Erfolg – das Auto jedes Jahr besser, eleganter und billiger zu machen.
Was haben wir das Auto geliebt.
Heute gilt eher wieder, was Henry Ford (1863-1947) einmal gesagt hat. Ford, ein Auto-Genie, hat das Model T erfunden. Das erste Auto der Industriegeschichte, das vom Fliessband rollte, und deshalb für jedermann erschwinglich war.
Henry Ford war aber auch ein Genie der Standardisierung, oder besser ein Diktator. Er sagte seinen Kunden:
«Sie können Ihr Auto in jeder Farbe haben, solange es schwarz ist.»
Ich wünsche Ihnen einen wundervollen Tag.
Markus Somm

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