Somms Memo

Atomkraft? Nein danke? Vom Ende einer Obsession

image 20. Mai 2022, 10:00
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Die Fakten: Kernkraftwerke produzieren praktisch CO2-frei Strom. Selbst im Vergleich zu Fotovoltaik und Wind schneiden sie besser ab.

Warum das wichtig ist: Wer es mit der Klimapolitik ernst meint, kann nicht auf Kernenergie verzichten. Es ist höchste Zeit, ein überholtes, linkes Tabu zu brechen.


Diese Frau dürfte noch auf die Welt kommen: Frisch von der University of Michigan eingewechselt, ist Annalisa Manera, seit letztem Sommer Professorin für Nuclear Engineering an der ETH Zürich – und, als ob sie noch nie etwas von den schweizerischen Grünen und Linken gehört hätte, machte sie vor kurzem in der NZZ bemerkenswerte Aussagen:
  • «Die Kernenergie braucht es» – um «so viel CO2 wie möglich einzusparen»
  • Und wir werden immer mehr davon brauchen. Denn der Strombedarf «wird rasch zunehmen» – wenn wir die «Nutzung von fossiler Energie im Verkehr und fürs Heizen verringern» möchten
  • «Um diese Nachfrage zu decken, ist der Ausbau der erneuerbaren Energien nötig, aber auch die ebenfalls CO2-freie Atomenergie. Gleichzeitig brauchen wir aber auch verlässlichen, stetig verfügbaren Strom für die Industrie. Hier hat Nuklearstrom im Vergleich mit Wind- und Sonnenenergie, deren Angebot stark schwankt, einen entscheidenden Vorteil

Auf die Welt wird diese Frau kommen, weil sie natürlich von der Orthodoxie abweicht, wie sie selbst in akademischen Kreisen nun verbreitet ist.
Man wird sie tadeln, man wird sie unter Druck setzen, man liebt es nicht, wenn ausgerechnet eine ETH-Professorin und dann noch eine junge Frau, einfach so sagt, was sie denkt und besser weiss.
Zwei Dogmen gelten als unumstösslich:
  • Atomkraft ist viel zu gefährlich
  • Kernkraftwerke sind viel zu teuer, kein privater Investor würde da mitmachen wollen

Beide Dogmen sind empirisch etwa so gut abgestützt wie das Dogma der unbefleckten Empfängnis. Und manch ein gläubiger Katholik liegt vielleicht noch näher bei der Wahrheit als jeder Atomskeptiker.
Heute geht es um das erste Dogma, in einem weiteren Memo werde ich mich um das Zweite kümmern.
Was sagt die Ketzerin?
Manera, eine 48jährige Italienerin, die so munter und klug aussieht, wie sie spricht, stellt richtig:
  • Die neuen Kernkraftwerke der dritten Generation sind sehr viel sicherer. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Kernschmelze kommt, liegt bei 1:1 000 000. In Worten: Eins zu einer Million
  • Das ist noch einmal hundert Mal sicherer als bei herkömmlichen Reaktoren der zweiten Generation, wie sie etwa Beznau, Gösgen und Leibstadt aufweisen. Hier liegt die Wahrscheinlichkeit bei 1:10 000. Was immer noch sehr sicher ist
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Das Atomkraftwerk Leibstadt ist eines von vier Kernkraftwerken in der Schweiz.
Würden wir solche Massstäbe an andere Technologien anlegen, dann würden wir schon lange nicht mehr fliegen, Auto fahren oder mit einem elektrischen Kochherd kochen. Gewiss, auch in der Steinzeit war es gemütlich
Selbst das Problem der radioaktiven Abfälle ist aus Sicht von Manera bewältigbar:
  • «Technologisch ist die Abfallentsorgung gelöst, Finnland eröffnet gerade das erste Endlager. Es ist die Politik, die für Verzögerungen sorgt»
  • Nukleare Abfälle fallen mengenmässig kaum ins Gewicht – im Vergleich etwa zu giftigen Chemieabfällen
  • In der Schweiz machen «die Brennstoffabfälle über die gesamte Betriebsdauer der vier Kernkraftwerke 1500 Kubikmeter aus, was vom Volumen her lediglich zwei Einfamilienhäusern entspricht»

Es gehört vielleicht zu den grössten und fatalsten Erfolgen der grünen Bewegung. Dass es ihnen gelungen ist, so viele Menschen zu verunsichern, was Atomenergie betrifft.
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Berühmtester Aufkleber aller Zeiten, 1975.
  • «Atomkraft? Nein danke» stand auf einem der berühmtesten Aufkleber aller Zeiten, den Grüne mit Vorliebe auf ihr Auto klebten – in der Regel einem Deux cheveaux oder einem VW-Bus. Damals schien ein Auto weniger schlimm als ein Atomkraftwerk
  • Der Aufkleber sprach deutsch. Nirgendwo sonst traf der Widerstand gegen Atomkraft auf so offene Ohren wie in den deutschsprachigen Ländern
  • Lag es an der deutschen Romantik oder am Zweiten Weltkrieg? Jedenfalls sind auch heute Deutschland und die Schweiz fast die einzigen Länder dieses Planeten, die aus der Atomkraft aussteigen wollen (Österreich hatte ein AKW gebaut, nahm es aber nie in Betrieb)

Ein grosser Erfolg, ein fataler Erfolg. Für uns – aber auch für die Grünen.
Denn heute stecken wir alle in der Klemme – und ehrliche Grüne wissen das.
  • Die Erneuerbaren sind nie und nimmer in der Lage, ausreichend Strom zu produzieren, insbesondere im Winter, wenn die Sonne nicht so oft scheint
  • Speicher sind kaum vorhanden. Es fehlt an der Technologie, es fehlt an Anlagen, und das auf absehbare Zeit: «In Europa sind heute Batteriespeicher verfügbar, die gerade einmal so viel Strom aufnehmen können, wie in anderthalb Minuten produziert wird», sagt Manera
  • Um eine wirksame Klimapolitik zu betreiben, kommen wir deshalb nicht an der Kernenergie vorbei
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«Atomkraft? Nein danke?»
  • Die Grünen wollen keine fossilen Brennstoffe
  • Die Grünen wollen keine Kernenergie
  • Und die Grünen wollen Erneuerbare – solange man sie nicht baut. Wenn es um Windräder geht, grosse Solaranlagen oder eine höhere Staumauer: Es sind ihre Organisationen und ihre Leute, die den Protest dagegen organisieren

Was wollen die Grünen? Vielleicht ist es an der Zeit, einen neuen Kleber zu entwerfen.
«Grüne? Nein danke.»
Er macht sich auch gut auf einem Tesla.


Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende Markus Somm

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