Somms Memo

Arbeitskräfte verzweifelt gesucht. Trotz Rekord-Zuwanderung. Was ist zu tun?

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Servicepersonal bei der Arbeit.
Servicepersonal bei der Arbeit.
Die Fakten: Die Schweizer Unternehmen suchen dringend nach Arbeitskräften – und finden sie kaum mehr.

Warum das wichtig ist: Es ist ein Arbeitnehmermarkt. Wer heute eine Stelle sucht, wird umworben und gehätschelt wie nie zuvor.


Auf der Halbinsel Au am Zürichsee hat die Goldbach Group, eine Werbevermarktungsfirma, einen Teambildungsevent abgehalten – wie das so erfreulich heisst. Weil sich die gut 150 Angestellten wegen Corona zwei Jahre lang fast nicht mehr gesehen hatten, sollten sie mit einer besonderen Methode von neuem zusammengeschweisst werden. Buchstäblich.
In der Meinung, nichts verbinde die Menschen mehr als das kollektive Erlebnis von Gefahr, Schmerz und Todesangst,
  • wurde ein «Teppich» aus glühenden Holzkohlen gelegt
  • Und jeder, der zu Goldbachs Supertruppe gehören wollte, sollte barfuss über die Kohlen gehen
  • «zügig und in einem militärischen Schritt», empfahl der Veranstalter des «Feuerlaufs», eine Firma aus dem Aargau

Man hätte sich auch andere Rituale vorstellen können.
  • Zum Beispiel die Selbstgeisselung, wie sie die katholische Kirche im frühen Mittelalter zur Teambildung mit Gott empfahl
  • Man kniete nieder, machte den Rücken frei, und ein Priester schlug mit einer Geissel zu, bis man blutete. «Misereatur tui» sagte der Priester, «Gott erbarme sich Deiner»
  • Dann erteilte der Priester die Absolution

Den Leuten von Goldbach war Gott weniger gnädig gestimmt. Die Kohlen waren ziemlich heiss, vielleicht 500 Grad Celsius, willkommen in der Hölle:
  • Rund 30 Teilnehmer verletzten sich, 13 davon schwer, selbst der Chef von Goldbach bekam Blasen
  • Zahlreiche Ambulanzen fuhren auf, Ärzte im Noteinsatz, manche mussten sofort ins Spital gebracht werden
  • Immerhin weltweites Aufsehen für Goldbach: Selbst die britische BBC berichtete davon
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500 Grad heisse Kohle. Unsinn im Zeichen der Teambildung.
Gewiss, so hatte man sich das nicht vorgenommen. Und doch ist es symptomatisch für den Unsinn, dem sich Firmen ausliefern, um ihre Leute bei Laune zu halten.
  • Früher galt der Arbeitgeber als der Herr im Haus, der über die Existenz eines Arbeitnehmers entschied. «Bist Du nicht willig», hiess es in Abwandlung eines Gedichts von Goethe, «brauche ich Gewalt» – in der Form einer Kündigung
  • Heute bemühen sich die Arbeitgeber um einen inklusiveren Ansatz: «Was darf es denn noch sein, liebster Mitarbeiter, damit ich Dich bezahlen darf, dass Du möglicherweise, wenn es Dir passt, für mich tätig wirst

Es ist ein Arbeitnehmermarkt. Arbeitnehmer sind so rar wie seltene Tiere oder unbekannte Marsmenschen.
  • Denn trotz Lieferengpässen und Ukraine-Krieg brummt die Schweizer Wirtschaft. Früher nannte man das Überhitzung. Die Maschine läuft sich heiss
  • Die Unternehmen suchen dringend, nein, verzweifelt nach mehr Personal
  • Im Vergleich zum vierten Quartal 2021 sind in diesem Frühjahr 7 Prozent mehr Stellen ausgeschrieben worden. Im Vergleich zum ersten Quartal 2021 sind es gar 47 Prozent mehr. Das zeigt der Adecco Group Swiss Job Market Index
  • Selten lag die Arbeitslosenquote tiefer. Sie sinkt jeden Monat, inzwischen liegt sie bei 2,1 Prozent (Mai 2022), meldet das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO
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Das ist Vollbeschäftigung. Wenn man bedenkt, dass die Zuwanderung unvermindert anhält und dieses Jahr wohl einen neuen Rekord erreichen wird, dann kann man ermessen, wie prekär die Lage geworden ist:
  • Der Bund rechnet 2022 mit einer Netto-Einwanderung von 80 000 zusätzlichen Einwohnern
  • Hinzu kommen mehr als 50 000 Flüchtlinge aus der Ukraine

Und trotzdem fehlen uns die Arbeitskräfte. Warum?
  1. Die Personenfreizügigkeit mit der EU hilft uns kaum – traditionelle Rekrutierungsgebiete, wo wir immer gute Leute fanden, sind genauso leergefegt, so vor allen Dingen Deutschland. Auch hier mangelt es an Personal. In Deutschland zählt man 1,7 Millionen offene Stellen
  2. Aus politischen Gründen verknappt der Bund das Angebot aus sogenannten Drittstaaten, das heisst Länder ausserhalb der EU. Wer einen Kanadier oder einen Inder einstellen will, kann sich geradesogut selbst geisseln oder auf Kohlen gehen: Es macht mehr Freude
  3. Erst jetzt hebt die Nationalbank den Leitzins an. Die tiefen Zinsen der vergangenen Jahre haben den Schweizer Unternehmen einen unnatürlichen Boom beschert
  4. Allerdings hat wohl nichts die Überhitzung stärker verursacht als Corona: Nach zwei Jahren Pandemie, wo die Menschen kaum mehr Geld ausgegeben haben, wollen sie jetzt nachholen. Es wird gekauft, gereist, konsumiert, und die Firmen liefern, investieren und dehnen sich aus

Wie geht es weiter? Viele Unternehmer und Manager beklagen nun den Mangel an «Fachkräften», wobei man oft den Eindruck erhält, dass inzwischen jeder Möbelpacker und jede Putzfrau als Fachkraft angesehen wird. Viele meinen auch, wir hätten es mit einem strukturellen Problem zu tun, das sich fast nicht mehr beheben lässt. Und vielleicht haben sie ja Recht:
  • Die Demographie, mithin die Alterung der Gesellschaft, hilft sicher nicht. Zu viele bewährte ältere Arbeitskräfte gehen in Pension, zu wenige Junge füllen ihre Lücke
  • Auch eine verfehlte Bildungspolitik hinterlässt Spuren: zu viele Akademiker, zu wenig Berufsleute; zu viel Teilzeitarbeit, zu wenig Leistungsbereitschaft

Und doch könnte sich das Ganze geradesogut als weitgehend konjunkturelles Phänomen herausstellen. Womöglich erleben wir eine tropische Überhitzung, die schon bald in der Kälte der Antarktis endet. Eine Rezession, die nicht unwahrscheinlich scheint angesichts der vielen weltweiten Verwerfungen, würde alles ändern.
Rund 130 000 mehr Einwohner. Politisch gesehen stecken wir im Dilemma. Mehr Zuwanderung dürfte eine Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr hinnehmen wollen, und wenige Politiker trauen sich, die Schleusen noch weiter öffnen – zumal nächstes Jahr die Nationalratswahlen anstehen.
Wirtschaftlich betrachtet, ist ebenso Vorsicht geboten. Wer jetzt fast besinnungslos Leute einstellt, könnte sich schon bald in der unangenehmen Lage wiederfinden, dass er sie alle entlassen muss.
Boom and Bust. Auf– und Abschwung. Feuer und Wasser.
Der Veranstalter des Feuerlaufs, Thomy Widmer, war sich nämlich bewusst, wie suboptimal nackte Füsse auf heisse Kohlen vorbereitet sind. Damit sich niemand wehtat, stellte er bei jedem «Kohle-Teppich» Wasserbäder hin. Leider taten die Goldbach-Angestellten nicht, wie ihnen geheissen, sagte Widmer dem Blick. Man habe sie mehrfach «korrigieren» müssen, dabei waren die Kohlen nicht einmal so richtig heiss, wie Widmer versichert. Die Temperatur sei gemessen worden.
«Normalerweise kann man schon bei 700 Grad drüber – wir warteten bis unter 500 Grad».
Und wer 500 Grad nicht erträgt, ist selber schuld.

Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Tag Markus Somm

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