Somms Memo #77 - Butscha oder die Inflation der Empörung

image 5. April 2022, 10:00
Eine Strasse in Butscha bei Kiew, April 2022.
Eine Strasse in Butscha bei Kiew, April 2022.
Warum das wichtig ist: Wenn es um die rhetorische Verurteilung Russlands geht, ist sich der Westen einig, wenn es sich aber darum handelt, die härteste Sanktion zu ergreifen, einen Energie-Boykott, endet die Harmonie der Entrüstung. Nach wie vor finanzieren wir Putins Krieg.

Irgendwann müssen auf die Worte Taten folgen. Je mehr sich die westlichen Politiker dabei überbieten, Russland zu verdammen, desto mehr wird von ihnen erwartet, auch etwas Handfesteres zu tun.
Damit keine Missverständnisse aufkommen:
  • Über vierhundert Tote wurden inzwischen in Butscha, einem Vorort von Kiew, gefunden. Es sind alles Zivilisten, niemand trug eine Uniform. Es sind Kinder, Frauen, alte Leute
  • Massengräber wurden entdeckt
  • Vielen der Opfer hatte man die Hände auf den Rücken gebunden. Dann wurden sie mit einem Schuss in den Kopf getötet und achtlos wie Gegenstände, mit denen man nichts mehr anzufangen wusste, auf der Strasse liegen gelassen

Menschen, die Butscha fluchtartig verlassen wollten, versuchten sich zu schützen, indem sie auf der Fensterscheibe ihres Autos einen handgeschriebenen Zettel anbrachten: «Kind». Das berichtet der britische Telegraph. Es half ihnen nichts. Polster, Teppiche, Armaturenbrett: alles voller Blut. Genauso wie die wenigen Habseligkeiten, die diese Menschen wohl hektisch im Auto verstaut hatten: Frauenkleider, Einkaufstaschen, ein Kissen mit einer lachenden Katze drauf.
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Noch ist nichts bewiesen, noch fehlt es an einer unabhängigen Untersuchung, die es wohl auch nie geben wird, doch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Massaker von russischen Soldaten verübt worden sind, ist sehr hoch. Alles andere scheint kaum plausibel.
Wenn die russische Führung angibt, diese Menschen seien alle noch am Leben gewesen, als die russischen Truppen Butscha besetzt hielten, dann deuten nun Satellitenbilder darauf hin, dass dem nicht so ist. Diese Aufnahmen, die die New York Times publiziert hat, zeigen
  • Wie am 28. Februar eine Strasse in Butscha noch leer ist
  • Am 11. März aber acht Leichen herumliegen
  • Zu diesem Zeitpunkt herrschten die Russen in Butscha

Gewiss, man kann alles fälschen, selbst Satellitenbilder, und man kann glauben, was der russische Uno-Botschafter behauptet, wonach die Ukrainer selbst dieses Massaker «inszeniert» haben, – mit etwa gleich gutem Grund kann man auch meinen,
  • die Polen hätten am 1. September 1939 einen deutschen Sender attackiert – wie das Adolf Hitler beteuert hatte, bevor er Polen überfiel
  • oder die Marsmenschen hätten die Ukraine am 24. Februar angegriffen

Fakten sind, mit anderen Worten, nicht Geschmackssache. Oder wie es der grosse britische Konservative, Edmund Burke, einmal ausgedrückt hat:
«Fakten sind für den Geist, was Nahrung für den Körper ist. Von der Verdauung des Ersteren hängen die Stärke und Weisheit des einen ab, so wie Kraft und Gesundheit vom anderen abhängen. Der Weiseste im Rat, der Fähigste in der Debatte und der angenehmste Begleiter in sämtlichen Angelegenheiten des menschlichen Lebens ist der Mann, der seine Einsichten auf die grösste Anzahl von Fakten abstützt.»
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Edmund Burke (1729-1797), Schriftsteller, Philosoph, Politiker.
Bei allem Verständnis für die Entrüstung, die nun die westlichen Politiker und die meisten Journalisten ergriffen hat:
  • es wirkt wie eine Art neue Inflation. Die Inflation der Empörung
  • und man wird den Verdacht nicht los, dass umso empörter die Worte sind, umso schlaffer die Taten, die nicht folgen

Leider ist auch die schweizerische Aussenpolitik von dieser Inflation betroffen. Das Muster ist dabei stets das gleiche:
  • zuerst staubtrockene, aber korrekte Töne aus dem EDA
  • dann wird Ignazio Cassis, der Vorsteher des EDA, deswegen in den Medien verrissen
  • schliesslich sagt Cassis, was die Medien schon gestern hören wollten. Auch er zeigt sich jetzt empört

Die Reaktion auf Butscha verlief exakt nach diesem Muster.
Am Sonntag liess sich das EDA via Twitter zu Butscha verlauten:
«Diese Geschehnisse sowie alle anderen mutmasslichen Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht bedürfen dringlich einer unabhängigen internationalen Untersuchung.»
Ohne Frage, das war etwas unterkühlt. Aber wollen wir Poeten im EDA oder Diplomaten?
«Die Schweiz ruft alle Seiten auf, das humanitäre Völkerrecht strikt einzuhalten und die Zivilbevölkerung zu schützen.»
Eine überflüssige Aussage – so wie der ganze Tweet eigentlich überflüssig war.
Die Kritik an Cassis, der vermutlich keine Ahnung hatte, was sein EDA am Sonntag in die Welt hinaus getweetet hatte, kam so sicher wie das Amen in der Kirche.
In den Social Media, also jenem Universum, wo Empörung den Dollar als Leitwährung abgelöst hat, brodelte es, wütete es, krachte es. Niemand muss das lesen, niemand muss das ernst nehmen – auch Cassis nicht.
Trotzdem – so will es offenbar das neue Krisenreglement des EDA – gab er am Montag nach und sagte, wonach das Universum verlangte:
«Ich bin zutiefst betroffen von diesen Gräueltaten», sagte er im Tages-Anzeiger. «Es gibt kaum Worte, die stark genug wären, um eine solche Barbarei zu verurteilen.»
Wie soll das nun weitergehen?
Wenn jedes Massaker in diesem Krieg, das noch bekannt wird, unseren Politikern jedes Mal ein Bekenntnis abverlangt, wonach sie sich zutiefst betroffen fühlen, dann wird am Ende niemand mehr irgendetwas fühlen.
Inflation entwertet. Auch die Anteilnahme.

Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Tag Markus Somm

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