Somms Memo #76 - Massaker in Butscha. Was tut die Uno? Nichts.

image 4. April 2022, 10:00
Tote auf den Strassen von Butscha am 2. April 2022.
Tote auf den Strassen von Butscha am 2. April 2022.
Warum das wichtig ist: Die mutmasslichen Kriegsverbrechen Russlands werden dessen Ruf im Westen zerstören, falls sie zutreffen. Doch weltweit muss der Kreml wenig befürchten. Auch von der Uno nicht.

Wenn Uno-Generalsekretär António Guterres jetzt via Twitter eine «unabhängige Ermittlung» verlangt, dann tut er das, was von ihm erwartet wird, zumal im Westen, wo die Regierungen längst viel ungnädiger reagiert haben, obschon die Faktenlage noch unklar ist.
Nur eine solche Untersuchung, so Guterres, führe zu «effektiver Rechenschaftspflicht».
Muss Putin sich also in Acht nehmen? Wohl kaum.
Wer nämlich die Worte des einstigen portugiesischen Sozialisten oder allgemein die Statements der Uno genauer betrachtet, stösst auf viel Unverbindlichkeit:
  • Er sei zutiefst «schockiert über die Bilder von getöteten Zivilisten» – über die Bilder, nicht die Toten, womit Guterres subtil offenlässt, ob er die Bilder überhaupt für authentisch hält
  • eine andere Vertreterin der Uno schrieb, der «schreckliche Krieg» müsse enden, ohne irgendwelche Verantwortlichen zu nennen

Ich möchte damit nicht den Stab über die Funktionäre der Uno brechen, deren Tätigkeit oft in nichts anderem besteht, als Sätze von sich zu geben, die keinen der 193 Mitgliedstaaten behelligen, wovon die meisten brutale oder weniger brutale Diktaturen sind. Es sind Sätze
  • biegsam wie Gummi
  • leer wie schwarze Löcher
  • folgenlos wie Kinderbriefe an den Samichlaus

Tatsächlich kann Guterres verlangen, was er will, eine wirklich kritische und unabhängige Untersuchung der Massaker in Butscha wird es nie und nimmer geben, solange Russland im Sicherheitsrat sitzt, ausgestattet mit einem Vetorecht. Stalin hatte das seinerzeit in harten Verhandlungen einst den Amerikanern abgerungen, als die Uno nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden war.
Stalin, der Massenmörder, erhielt eine privilegierte Stimme als Richter in allfälligen Prozessen gegen ihn und andere Mörder.
Im Sicherheitsrat sitzt ausserdem China, ebenfalls eine Diktatur, die zwei Jahre lang mit Erfolg unterbunden hat, dass der Ursprung des Corona-Virus von der Uno «kritisch und unabhängig» erforscht werden kann. Es gibt starke Indizien, wonach das Virus aus einem chinesischen Forschungslabor entwichen ist. Wir werden die Wahrheit nie erfahren. Und die Uno sowieso nicht.
Die Uno, der Riese von New York, wird zum Zwerg in Butscha, wenn es um die grossen Fragen der Menschheit geht, die die Grossmächte betreffen.
«All animals are equal, but some animals are more equal than others»,
hielt der britische Autor George Orwell in seinem Klassiker Animal Farm fest, wo er den Realsozialismus in der Tierwelt beschrieb, eine Situation, die Russen wie auch Chinesen nicht unvertraut sein dürfte.
Doch es geht um mehr als die Uno.
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Wenn wir im Westen – zu Zuschauern der Massaker in Kiew verdammt, weil wir uns nicht trauen, militärisch den Ukrainern gegen die Russen zu helfen – uns stattdessen damit trösten, dass die «ganze Weltgemeinschaft» sich gegen Putin gestellt habe, dann war das schon immer eine Selbsttäuschung:
  • 35 Regierungen haben der Uno-Resolution gegen Russlands Krieg nicht zugestimmt
  • Darunter befinden sich so gigantische Länder wie China, Indien und Pakistan
  • Diese 35 Regierungen vertreten über 4,052 Milliarden Menschen, das ist knapp die Mehrheit der Weltbevölkerung (2022: 7,95 Milliarden insgesamt)

Mit anderen Worten, Putin mag im Westen zum Paria geworden sein, doch weltweit betrachtet ist das gar nicht der Fall. Er hat mächtige Verbündete. Putin ist nicht isoliert.
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Und das ist vielleicht eine Erkenntnis, die wir im Westen noch nicht so richtig verarbeitet haben.
Das Ende der Illusionen.
In den vergangenen dreissig Jahren – nach 1989 – konnten wir uns mit gutem Grund einbilden, die Werte des Westens würden sich weltweit verbreiten, wie wir das im Fall des Kapitalismus ja tatsächlich erlebten
  • Die Wirtschaft globalisierte sich. Und das zu einem wesentlichen Teil, indem die ehemals sozialistischen (oder soft-sozialistischen) Länder wieder an den (kapitalistischen) Weltmarkt angeschlossen wurden
  • Die meisten dieser Länder zogen erheblichen Nutzen daraus. Sie wurden unendlich viel reicher, – aber auch mächtiger
  • so vor allem China und Indien, ja, selbst Russland
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Von den Werten des Westens – Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte – wollten sie allerdings weniger wissen. Kapitalismus war willkommen, Privateigentum von Fall zu Fall, Freiheit? Njet.
Wenn sich auch die Geschichte selten wiederholt, so überkommt mich gelegentlich ein Déjà-vu. Der Zweite Weltkrieg war seinerzeit ausgebrochen, weil eine anti-westliche Allianz den Status quo gewaltsam verändern wollte. Diese Achse des Bösen bestand aus
  • Deutschland, Italien und Japan (und von 1939 bis 1941 auch die Sowjetunion)
  • Man lehnte Demokratie ab, man stand dem Kapitalismus skeptisch gegenüber, auch wenn man von ihm profitierte
  • Alle drei Länder litten unter Minderwertigkeitskomplexen, sie hielten sich für gedemütigt – durch den Westen, vor allem durch die «Angelsachsen»
  • Sie betrachteten sich als Herausforderer einer alten, liberalen Weltordnung, die von Briten und Amerikanern beherrscht wurde
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Klingt das nicht vertraut? Man ersetze die Namen der Länder mit
  • China
  • Russland
  • Und deren Satelliten Iran, Irak, Venezuela, Nordkorea und Kuba

Vielleicht hat eben doch der Dritte Weltkrieg begonnen.
Orwell schrieb:
«Who controls the past controls the future. Who controls the present controls the past».

Ich wünsche Ihnen trotzdem einen gelungenen Wochenstart Markus Somm

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