Somms Memo #25 - Bye bye, Boris

image 14. Januar 2022, 10:58
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Warum das wichtig ist: Der britische Premierminister dürfte diese Krise – Partygate genannt – kaum überleben. Seine Partei will ihn loswerden. Seine Wähler laufen ihm davon.
Am Abend vor der Beerdigung von Prince Philip, so berichtet heute der Telegraph, ging es fröhlich zu und her an der Downing Street, dem Sitz des Premierministers in London. Um zwei Kollegen zu verabschieden, traf man sich an zwei verschiedenen Farewell Parties: Es wurde gelacht, getratscht, es floss viel Alkohol. Laut Teilnehmern war der eine oder andere nachher auch betrunken.
Zur gleichen Zeit herrschte in Grossbritannien Corona, ein erster Lockdown war im Gange, was selbst die Trauerfeierlichkeiten für Prince Philip betraf:
  • den Trauernden war verboten worden, Blumen niederzulegen, damit sie sich nicht ansteckten
  • auch das übliche Kondolenzbuch, wo sich die Briten hätten eintragen können, wurde nicht aufgelegt, stattdessen führte man es online
  • ja selbst der Königin wurden die Social Distancing-Vorschriften aufgetragen. Bei der Beerdigung musste sie ganz allein in der Kirchenbank sitzen
Wenn es ein Bild gab, das fast jeden ergriff, der es sah, dann dieses: Wie die Königin von aller Welt verloren schien – und nur mehr eines war: eine einsame, tapfere Frau.
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Boris Johnson und seine Frau Carrie Johnson.
Zur Stunde deutet nichts darauf hin, dass Boris Johnson am Tag zuvor ebenfalls an den Parties seiner engsten Mitarbeiter teilgenommen hätte. Doch offensichtlich hat er seine Leute nicht im Griff.
Ist er doch ein Clown – wie ihm von seinen Gegnern immer vorgehalten worden war?
Selten hat ein politisches Jahrhunderttalent sich selber so besinnungslos in die Luft gesprengt wie Johnson. Ein glänzender Redner, ein charismatischer Chaot, ein Instinktpolitiker – und ein Mann, dem jedes noch so kleine Mass an Selbstdisziplin abzugehen scheint. Obwohl er so gut Altgriechisch gelernt hat, dass er griechische Gedichte aus dem Stegreif rezitieren kann.
Seine Regierung hat dem britischen Volk wohl eines der härtesten Corona-Regimes Europas auferlegt, unter anderem:
  • wiederholte Lockdowns
  • monatelange Schulschliessungen
  • ausgedehnte Maskenpflicht
  • Impfobligatorium für das Pflegepersonal
Trotzdem hat Grossbritannien eine der höchsten Zahlen an Corona-Toten in Europa zu beklagen.
Die zwei Parties vor der Beerdigung des Prinzgemahls waren keineswegs Einzelfälle. Im Gegenteil: Partygate – wie dieser Skandal in Anlehnung an die amerikanische Watergate-Affäre bezeichnet wird – hatte damit angefangen, dass Journalisten zugetragen worden war, dass die Entourage von Boris Johnson die damals gültigen Corona-Regeln missachtet hatte, als sie vor einem Jahr eine Weihnachtsparty in der Downing Street feierte.
Als die Medien das erste Mal davon berichteten, stritt Johnson noch so gut wie alles ab. Seither sind aber Informationen über so viele Parties in seiner Regierung aufgetaucht, dass die vermeintliche Ausnahme sich als Muster herausstellt.
Das Muster heisst:
Wir halten uns an keine Regeln. Denn die Regeln gelten für die Plebs – nicht für uns, die Elite
Wenn sich ein solches Muster erkennen lässt, dann gerät jede Regierung in Schwierigkeiten. Es ist tödlich – vor allem in Grossbritannien, einem merkwürdigen Land, das immer beides war:
  • eine fürchterliche Klassengesellschaft, wo aristokratischer, wenn auch höflicher Dünkel vorwiegt
  • einer der ältesten und freiheitlichsten Rechtsstaaten der Welt, wo selbstbewusste Bürger leben, die sich nicht alles bieten lassen
Insgesamt sind zur Stunde elf Parties bekannt geworden, die im Jahr 2020 in Regierungskreisen stattfanden und die allesamt in irgendeiner Weise die Corona-Regeln untergruben – je nach Regime, das sich oft änderte. In den britischen Medien kann man die Liste aller Regelbrüche studieren, eine Timeline wird zur Verfügung gestellt, verdächtige Fotos und kompromittierende Videos werden im Internet verbreitet: Es ist ein Desaster für die konservative Regierung.
Als am Montag dieser Woche herauskam, dass selbst Johnson an einer Party im Garten von Downing Street teilgenommen hatte, nämlich im Mai 2020, also mitten im ersten, äusserst einschneidenden Lockdown, war das Fass voll.
ITV, einem Fernsehsender, war ein E-Mail zugespielt worden, wo der Privatsekretär von Johnson rund 100 Leute zu einer Party einlud, 30 kamen:
«Hi all,
After what has been an incredibly busy period we thought it would be nice to make the most of the lovely weather and have some socially distanced drinks in the No10 garden this evening.
Please join us from 6pm and bring your own booze!»
(Hervorhebung mso)
Inzwischen befindet sich die konservative Partei gemäss Umfragen im freien Fall. Hatte Johnson in den Wahlen von 2019 noch eine überwältigende Mehrheit gewonnen, muss er heute befürchten, abgewählt zu werden, fände morgen eine General Election statt. Seine Partei ist in Aufruhr.
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Dass der Premierminister noch nicht zum Rücktritt gezwungen worden ist, liegt nur daran, dass die Tories keinen eindeutigen Nachfolger zur Hand haben. Wäre das der Fall, hätten sie Johnson längst aus dem Amt verjagt. Denn er hat sie alle enttäuscht:
  • natürlich die Konservativen
  • aber auch seine neuen Wähler im Norden, im «Red Wall», also Leute die früher jahrzehntelang Labour unterstützt hatten
Boris Johnson verdankte seinen Wahlsieg der Tatsache, dass er wie ein Held aussah, der sich in den Kampf gegen die Eliten stürzen würde – gegen die Mehrbesseren, gegen den neuen Adel aus linken Akademikern, globalisierten Managern und europhilen Politikern.
Boris, Robin Hood
Denn aus Sicht mancher Briten, besonders wenn sie in den wirtschaftlich verwüsteten Städten des Nordens lebten, hatten die Götter in der City of London und in Westminster jedes Gespür für die Sterblichen eingebüsst. Diese Eliten
  • galten als arrogant
  • verdienten Unmengen von Geld
  • verachteten das eigene Land
Doch Boris, selbst ein Abgänger der besten und teuersten Schulen des Landes (Eton, Oxford), stellte sich als ein Robin Hood heraus, der weder mit dem Pfeilbogen umzugehen verstand noch je den Wunsch zeigte, damit auch den einen oder anderen Vertreter des Establishments abzuschiessen.
Zwar hat er den Brexit durchgesetzt – und ohne ihn wäre es wohl gar nie dazu gekommen. Das wissen die Brexiteers. Nur mit Johnson an ihrer Seite, dem besten Wahlkämpfer der Gegenwart, war die Abstimmung zu gewinnen. Auf seinen Beitrag kam es an.
Wenn es Johnson darum gegangen wäre, das Establishment, dem er selbst angehörte, aufs Blut zu ärgern, dann gelang ihm das auf diese Weise maximal. Man hasste ihn in diesen aufgeklärten, angesehenen Cocktail-Kreisen dafür, man fürchtete um die eigene Macht.
Offensichtlich ohne Grund. Es blieb beim Brexit, es kam nichts an Zumutungen weiter hinzu. Die konservative Revolution fand bisher nicht statt. Vielmehr schwenkte Johnson auf eine Politik ein, die sich kaum vom westeuropäischen Mainstream unterschied.
Boris, an der Macht – aber wozu?
Seit er in Downing Street residiert, geniesst er nur eines:
  • sein Amt als Premier
  • das Glück seiner dritten Ehe
  • unzählige Parties
Das wird nicht reichen. Boris ist smart. Boris ist begabt. Boris liebt wohl zu sehr Boris. Oder wie es Oscar Wilde so unvergleichlich ausdrückte:
«Ich bin so intelligent, dass ich manchmal kein einziges Wort davon verstehe, was ich sage.»
Ich wünsche Ihnen ein fröhliches Wochenende
Markus Somm

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