Somms Memo #23 - Steigende Jugendgewalt

Die Fakten: Die Jugendgewalt hat in der Schweiz wieder zugenommen. Besonders im Ausgang. Es geht um Kleinigkeiten, trotzdem wird das Messer rasch gezogen.

image 12. Januar 2022, 11:00
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Warum das wichtig ist: Wenn der Staat nicht mehr sicherstellt, dass ein Jugendlicher unbeschwert in den Ausgang kann, dann verliert eine ganze Generation Vertrauen und das Gefühl für Freiheit.
Als ich in Baden, einer kleinen Industriestadt, in den 1980er Jahren aufwuchs, war es undenkbar, dass ich mir Sorgen machen musste, wenn ich am Abend Freunde und Freundinnen traf. Körperliche Unversehrtheit, physische Sicherheit? Was war das überhaupt? Es war zu selbstverständlich. Die Polizei suchte Katzen, wenn die sich verlaufen hatten.
Es gab ein paar einschlägige Beizen, die man schätzte, ein Jugendhaus, wo man tanzte oder zuschaute, wie andere das besser konnten; der letzte Bus fuhr um Mitternacht. Wer ihn verpasste, ging eine Stunde zu Fuss nach Hause. Nie kam es vor, dass jemand das Messer zückte, nie gab es Verletzte, nie wurde man auf offener Strasse von irgendwelchen Idioten angegriffen: «Gib mir Deine Airpods, sonst steche ich zu!»
Heute, so berichtet die SonntagsZeitung, ist das Alltag: Wegen ein paar Airpods, einem Handy oder speziell prestigereichen Turnschuhen liefern sich Jugendliche Messerstechereien, «machen sich an», pflegen eine Art von Ehrbegriff, wie er in Westeuropa im 13. Jahrhundert unter Jugendlichen üblich war, eine Ehre, die dazu da ist, dass sie verletzt wird, damit man sich dann richtig verletzen kann.
Ein Polizist aus Basel erzählt:
«Wenn sie sich gegenseitig aufbauschen und jeder der Coolere sein will als der andere, dann fällt die Hemmschwelle, Dinge zu tun, die sie allein nicht tun würden.»
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Auch wenn die Kriminalitätsstatistik zu den am meisten politisierten Statistiken gehört, sind die Zahlen unmissverständlich. Seit 2015 legten sogenannte Gewaltdelikte unter jungen Menschen von neuem stark zu, nachdem sie einige Jahre lang immer weniger vorgekommen waren. Endemisch scheint der «Raufhandel», wo sich die Urteile von 2019 bis 2020 fast verdoppelt haben. Unter einem Raufhandel versteht man in der Schweiz:
  • eine Schlägerei, eine gewalttätige Auseinandersetzung von mindestens drei Personen
  • wer dazu stösst und die Streitenden anfeuert oder ihnen Rat gibt («schlag ihn ins Gesicht!»), macht sich ebenfalls strafbar
  • wer dagegen zu schlichten versucht, erhält keine Strafe
Was klingt, als handelte es sich um eine Szene aus den «Räubern» von Friedrich Schiller, ist keineswegs ein Kavaliersdelikt. Im Strafgesetzbuch heisst es (Art. 133): «Wer sich an einem Raufhandel beteiligt, der den Tod oder die Körperverletzung eines Menschen zur Folge hat, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.»
Genauso stieg die Zahl
  • der schweren Körperverletzungen: plus 35 Prozent
  • Angriffe: plus 36 Prozent
  • Raub: plus 58 Prozent
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Über die Ursachen zerbrechen sich die Experten den Kopf. Vermutlich kommt vieles zusammen:
  • Es ist ein Problem der Männer: So gut wie alle Täter sind männlich
  • Viele der Verurteilten stammen aus zerrütteten Familien
  • Sie sind arbeitslos oder haben Mühe in der Schule
  • Corona
  • Langeweile, Nihilismus
  • Es sind Einwanderer

Selbstverständlich ist die Nationalität stets ein Politikum. Und wer es anspricht, wird sogleich des Rassismus verdächtigt. Dennoch ist offensichtlich, dass kulturelle Faktoren auch eine Rolle spielen.
Zwar gibt es unter den Tätern genauso viele Schweizer – und darunter bestimmt solche, deren Vorfahren schon am Raufhandel in Sempach teilgenommen haben – doch von gewissen Konzepten, was ein Mann denn sei oder worin dessen Ehre bestehe, hat man in Westeuropa seit langem nicht mehr allzu viel gehört. Sie waren wie ausgestorben. Neuerdings grassieren sie wieder:
«Es ist ein Revival von antiquierten Männlichkeitsorientierungen zu beobachten»
(Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften)
Dass solche Vorstellungen hierzulande unter Jugendlichen auftauchen, liegt wohl daran, dass ihre Familien aus Gegenden kommen, wo diese Konzepte nach wie vor eine gewisse Geltung beanspruchen. Man denkt an den Balkan oder den Nahen Osten – und würde die Kriminalitätsstatistik die einzelnen Herkunftsregionen der Täter ausweisen, wüsste man es zweifellos besser.
Ein Teil der Probleme, mit denen sich unsere Justizbehörden jetzt herumschlagen, haben wir vermutlich importiert.
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Wie dem auch sei. Diese Jugendlichen sind hier aufgewachsen, sie leben hier, sie werden bald einmal Schweizer sein – und das sei ebenfalls betont: es handelt sich um eine Minderheit. Die ganz überwiegende Zahl der Jugendlichen – ob Schweizer, Secondos oder Einwanderer – haben mit Gewalt nichts zu tun. Aber sie fürchten sich zunehmend davor.
Was ist zu tun?
  • Die Eltern sind zur Verantwortung zu ziehen. Wer nicht erzieht, muss auch die (finanziellen) Folgen tragen, wenn sein Kind über die Stränge schlägt
  • Mehr Polizisten: allein deren Präsenz in den Parks, Strassen und am See vereitelt manche Straftaten
  • Auch die Schulen stehen in der Verantwortung: mehr Ordnung und mehr Sanktionen statt stundenlange Audienzen beim Sozialarbeiter und gut gemeinte Ermahnungen ohne Kraft und Saft
  • Zero Tolerance

Der Polizei in New York gelang es in den 1990er Jahren die Kriminalität in einem erstaunlichen Ausmass zurückzudrängen, indem sie jede, noch so kleine Übertretung sofort und ausnahmslos ahndete. Der Ansatz wurde als «Broken windows theory» bekannt:
  • Kein einziges Graffiti blieb stehen
  • Keine Schwarzfahrt in der U-Bahn blieb folgenlos
  • Keine eingeworfene Fensterscheibe ging vergessen
Gewiss, in der jüngsten Vergangenheit sind diese Methoden in den USA aus der Mode gekommen. Lieber streicht man der Polizei das Budget.
Die Folgen sind unerfreulich. Selten litten die amerikanischen Städte unter mehr Verbrechen als heute. Noch sind wir von solchen Missständen weit entfernt. Aber wehret den Anfängen! Von den Amerikanern kann man bekanntlich auch das Falsche lernen.
Ich wünsche Ihnen einen friedlichen Tag
Markus Somm

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