Solarstrom in der Schweiz heisst mehr CO2

Solarstrom in der Schweiz heisst mehr CO2

Schaut man auf die CO2-Belastung, schneidet die Photovoltaik schlechter ab als Kernenergie. Wenn wir unsere Kernkraftwerke also durch Solarzellen ersetzen, resultiert daraus eine Erhöhung der CO2-Emissionen. Die Klimaaktivisten scheinen dieses Problem völlig zu ignorieren.

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von Martin Schlumpf am 28.6.2021, 13:00 Uhr
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Alle rufen nach Klimaschutz und deshalb im Strombereich nach dem Ausbau grüner Quellen, was in der Schweiz praktisch nur mit Photovoltaik möglich ist. Kaum jemand aber kümmert sich um die Frage, ob diese Strategie auch tatsächlich zu einer Verminderung des CO2 führt. Die Antwort darauf findet sich in der gleichen Empa-Studie, die ich bereits in meinem letzten Beitrag vom 21. Juni «Schweizer Winterstromlücke wird grösser» verwendet habe.

CO2-Intensität entscheidend

Um die einzelnen Energieträger bezüglich CO2-Emissionen miteinander vergleichen zu können, verwendet man die sogenannte CO2-Intensität. Diese gibt an, wie viele Gramm CO2 pro Kilowattstunde ausgestossen werden. Dabei verwenden die Empa-Forscher Zahlen aus der ecoinvent-Datenbasis – dem Goldstandard in dieser Frage, wo der gesamte Lebenszyklus der entsprechenden Energieträger mitberücksichtigt wird.
Die folgende Grafik aus der 2019 in «energies» erschienen Studie zeigt die kumulierten CO2-Emissionen aus dem gesamten Energiebereich der Schweiz:

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Quelle: „Impacts of an Increased Substitution of Fossil Energy Carriers with Electricity-Based Technologies on the Swiss Electricity System“


  • Schlumpf Grafik 4 - 28.6.21.png

Im Kasten ganz links ist die Zusammensetzung der Emissionen im heutigen Status quo abgebildet: Von unten nach oben die Anteile aus dem Verkehr (blau), den Gebäudeheizungen (dunkelrot), dem Warmwasserbereich (orange) und der Stromversorgung (grün). Insgesamt sind das 41,1 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr.

CO2-Steigerung um 160 Prozent

Im zweiten Kasten sind die CO2-Reduktionen im Gebäudesektor (dunkelrot) dargestellt, die aus den notwendigen Sanierungen derjenigen Häuser resultieren, die mit Wärmepumpen ausgestattet werden.
Im dritten Kasten dann geht es um die hier relevante Frage: Was passiert bei der Substitution des bisherigen Atomstroms durch dieselbe Menge Solarstrom? Nach ecoinvent beträgt die CO2-Intensität in den oben beschriebenen Einheiten bei den Kernkraftwerken 12 Gramm pro Kilowattstunde, und bei heutigen Solarzellen etwa 90 Gramm pro Kilowattstunde. Da in den kommenden Jahrzehnten mit einer deutlichen Verbesserung bei der Photovoltaik zu rechnen ist, verwendet die Empa-Studie einen Schätzwert von 50 Gramm pro Kilowattstunde. Daraus ergibt sich eine Zunahme im Elektrizitätssektor (grün) um 5,7 Millionen Tonnen CO2: Das ist eine Steigerung um 160 Prozent.

Kein Wort über den Vergleich mit Kernkraftwerken

Wenn ich eingangs geschrieben habe, Klimaaktivisten kümmerten sich nicht um diese Problematik, so meine ich zum Beispiel Roger Nordmann mit seinem Buch «Sonne für den Klimaschutz». Obwohl er die hier für die Photovoltaik angegebenen Emissionszahlen in denselben Grössenordnungen erwähnt, verliert er kein Wort über einen direkten Vergleich mit den Kernkraftwerken. Dafür bringt er die Werte von fossilen Kraftwerken (von denen wir keine haben) ins Spiel, was natürlich zu einer positiven Bilanz für die Solarenergie führt.
Aufschlussreich sind schliesslich noch die Informationen aus dem letzten Kasten ganz rechts. Er stellt die geschätzten Emissionen dar, wenn nicht nur der Atom- durch Solarstrom ersetzt ist, sondern auch 50 Prozent des motorisierten Privatverkehrs auf Elektroautos und 75 Prozent der Gebäude auf Wärmepumpen umgestiegen sind. Verglichen mit dem Status quo sinken die CO2-Emissionen im Verkehrsbereich um 20 und im Gebäudewärmebereich um 69 Prozent, dafür steigen sie im Strombereich um 214 Prozent. Summa summarum ergibt sich eine Reduktion des CO2-Fussabdrucks von 41,1 auf 31,3 Millionen Tonnen CO2 - das sind 24 Prozent weniger.

Ziele des Pariser Klimaabkommens verfehlt

Wann könnte dieses Elektrifizierungs-Szenario der Empa-Studie Realität werden? Wahrscheinlich irgendwann zwischen 2035 und 2050. Mit einer Reduktion von 24 Prozent würden wir aber die vom Bundesrat gesetzten Ziele im Pariser Klimaabkommen deutlich verfehlen: Dort wurde versprochen, bis 2035 um 50 Prozent und bis 2050 um 100 Prozent zurückzufahren.
Aber sogar in diesem Szenario ist es fraglich, ob Einsparungen von 24 Prozent möglich sind. Wie in meinem letzten Beitrag gezeigt, entsteht durch die Elektrifizierung in diesem Szenario ein massives Stromdefizit, vor allem im Winter. Nach heutigem Stand der Technik müsste der grösste Teil davon durch Importstrom gedeckt werden.

Energiestrategie auf tönernen Füssen

Die CO2-Intensität dieses Importstromes ist aber äusserst schwierig abzuschätzen. Der Schweizer Importstrommix lag 2017 bei einem Wert von 560 Gramm pro Kilowattstunde. Die Empa-Forscher haben aber auch hier den zu erwartenden technischen Verbesserungen Rechnung getragen, indem sie den besten fossilen Wert eines modernen Gaskombikraftwerkes von 443 Gramm pro Kilowattstunde eingesetzt haben. Trotzdem warnen sie in ihrer Zusammenfassung ausdrücklich davor, dass bei ungünstiger Entwicklung die im Szenario ausgewiesenen Reduktionen zunichte gemacht oder sogar ins Gegenteil verkehrt werden könnten.
Die Schweizer Energiestrategie steht auf tönernen Füssen: Der Umstieg von Kernkraftwerken zu Solarpanels verschlechtert die Klimabilanz, und der Mehrstromverbrauch durch die angepeilte Elektrifizierung vergrössert unsere Auslandsabhängigkeit in unverantwortbarem Ausmass – und auch das Totschweigen dieser Probleme schafft sie nicht aus der Welt.
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