Solarstrom aus den Alpen: Ineffizient und teuer

Solarstrom aus den Alpen: Ineffizient und teuer

Als Meilenstein der Energiewende propagieren Axpo und Denner ihre neue Solaranlage an der Staumauer des Muttsees. Die Realität ist jedoch ernüchternd: Sonnenstrom aus den Bergen gibt es nur zu enorm hohen Kosten. Die Versorgungslücke im Winter lässt sich damit kaum stopfen.

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von Alex Reichmuth am 9.9.2021, 07:00 Uhr
Rund 10'000 Quadratmeter bedeckt die Solaranlage an der Staumauer des Muttsees. Visualisierung: Axpo
Rund 10'000 Quadratmeter bedeckt die Solaranlage an der Staumauer des Muttsees. Visualisierung: Axpo
Der Energiekonzern Axpo konnte den Journalisten anlässlich eines Medientermins Ende August im Kanton Glarus ein Projekt der Superlative auf 2500 Meter Höhe präsentieren: «AlpinSolar», die bisher grösste alpine Solaranlage der Schweiz. Die Anlage ist an der nach Süden ausgerichteten Staumauer des Muttsees angebracht, der zum Pumpspeicherwerk Linth-Limmern gehört. Demnächst soll sie ans Netz gehen.
Fast 5000 Solarpanels wurden an der ein Kilometer langen Staumauer installiert. Sie bedecken rund 10’000 Quadratmeter, was einer imposanten Fläche von hundert mal hundert Metern entspricht. «Am Muttsee wollen wir den Nachweis erbringen, dass es möglich ist, in den Bergen auch im Winter grosse Mengen an Solarstrom zu produzieren», sagte Christoph Sutter, Leiter Neue Energien bei Axpo, zu den versammelten Journalisten.

«Pionierprojekt in den Alpen»

An «AlpinSolar» ist neben der Axpo der Basler Versorgungsbetrieb IWB zu 49 Prozent beteiligt. Das Detailhandelsunternehmen Denner hat sich verpflichtet, den Strom der Anlage während der nächsten 20 Jahren abzukaufen. Als «Pionierprojekt in den Alpen» bezeichnen die Betreiber die Solaranlage im Internet. Es gelinge damit, «die Energiewende in der Schweiz vorwärts zu bringen», lässt sich Axpo-CEO Christoph Brand zitieren. Und gemäss Denner-Chef Mario Irminger setzt das Projekt «einen weiteren Meilenstein in unserer Nachhaltigkeitsstrategie».

Da die Sonne in der Höhe viel öfter und intensiver scheint, liefern alpine Anlagen vor allem im Winter mehr Energie als solche im nebligen Unterland.


Generell ist Solarstrom aus den Alpen in aller Munde. Dank Photovoltaik-Anlagen in den Bergen soll es gelingen, die Stromlücke zu füllen, die der Schweiz nach dem Abschalten der Atomkraftwerke droht. Da die Sonne in der Höhe viel öfter und intensiver scheint, liefern alpine Anlagen vor allem im Winter, wenn der Strom besonders fehlt, mehr Energie als solche im nebligen Unterland.

Angeblich bis zu 3,3 Terawattstunden Strom

Das Problem des fehlenden Winterstroms «liesse sich zumindest teilweise durch die vermehrte Installation von Photovoltaik in den Berggebieten lösen», verkündete letzte Woche das Schweizerische Kompetenzzentrum für Energieforschung im Bereich Strombereitstellung (siehe hier). Dieser Meinung ist man auch beim Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF). Die Versorgungslücke im Winter könne deutlich verringert werden, «wenn Photovoltaikanlagen im Hochgebirge installiert werden», schrieb das SLF 2019 mit Verweis auf eine gemeinsame Studie mit der ETH Lausanne (siehe hier).
Beim Photovolatik-Branchenverband Swissolar hält man die Produktion von jährlich 3,3 Terawattstunden Strom in alpinen Solaranlagen für kurzfristig machbar, was mehr als 5 Prozent des Schweizer Jahresverbrauchs wären. Jürg Rohrer, Dozent für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, will gar sagenhafte 15 Quadratkilometer an Photovoltaik-Anlagen in den Bergen installieren lassen.

Enormer Aufwand, horrende Kosten

Die Realität ist allerdings weit weniger berauschend. Der Aufwand, um die Solaranlagen zu errichten, ist enorm. Und die Kosten des so erzeugten Stroms sind horrend.
Die insgesamt 4872 Solarpanels von «AlpinSolar» mussten mit dem Helikopter zum Muttsee hochgeflogen werden – ebenso wie 170 Tonnen Stahl und 100 Tonnen Aluminium für das notwendige Installationsgerüst. Der CO2-Ausstoss dürfte entsprechend hoch gewesen sein. Die Anlage musste zudem aufwändig an der Staumauer zusammengeschraubt werden.

Der Strom von «AlpinSolar» reicht für gerade mal 700 Vierpersonenhaushalte.


«AlpinSolar» weist nun aber trotz 10’000 Quadratmeter Fläche eine Leistung von lediglich 2,2 Megawatt auf. Zum Vergleich: Das Wasserkraftwerk Linth-Limmern kann bis zu 1540 Megawatt erzeugen, was etwa der Leistung des AKW Leibstadt entspricht. Der Strom von «AlpinSolar» reicht dagegen für gerade mal 700 Vierpersonenhaushalte.

Doppelt so teuer wie im Unterland

Entsprechend hoch sind die Kosten des erzeugten Stroms. «AlpinSolar» kommt insgesamt auf rund 8 Millionen Franken zu stehen. Der Strom der Anlage ist etwa doppelt so teuer wie bei vergleichbar grossen Solaranlagen im Tal. Dabei ist bereits «normaler» Solarstrom hochsubventioniert.
Weil die hohen Kosten absehbar waren, stand das Projekt «AlpinSolar» in den letzten Jahren mehrmals vor dem Abbruch. Der Bund stellte zwar einen Investitionsbeitrag von 640’000 Franken bereit, verweigerte aber zusätzliche Fördergelder aus dem Topf für besonders innovative Projekte. Der Innovationsgehalt der Muttsee-Photovoltaikanlage sei tief, weil die nötigen Technologien bekannt und erprobt seien, schreibt der Bund.
Letztlich kam «AlpinSolar» nur zustande, weil Denner sich bereit erklärte, die hohen Preise während 20 Jahren zu tragen. Der Detailhändler nimmt dies bewusst in Kauf, um sich mit dem Prestigeprojekt profilieren zu können.

Hoher Ausstoss an Klimagasen

Schon seit letztem September ist die Solaranlage des Zürcher Energiewerks EWZ an der Staumauer des Albigna-Sees im bündnerischen Bergell in Betrieb. Diese Anlage umfasst 1280 Panels und erstreckt sich über 2176 Quadratmeter. Sie produziert jährlich 500’000 Kilowattstunden Strom, was für 210 Zürcher Haushalte reicht.

Das EWZ hatte wegen den Helikopter-Transporten offenbar ein schlechtes Gewissen, weshalb es den entsprechenden Ausstoss an Klimagasen kompensieren liess.


Obwohl es zum Albigna-See eine Seilbahn gibt, mussten viele Bestandteile per Helikopter hochgeflogen werden. Das EWZ hatte offenbar ein schlechtes Gewissen, weshalb es den entsprechenden Ausstoss an Klimagasen kompensieren liess. Die Installationsarbeiten vor Ort waren kompliziert: Das EWZ berichtete von «spektakulären Bauarbeiten».
Für die Finanzierung lancierte das EWZ eine sogenannte Bürgerbeteiligung: Solarenergie-Fans konnten sich an der Anlage beteiligen – für 560 Franken pro Quadratmeter. Das EWZ entschloss sich für den Bau der Anlage, bevor das Geld zusammen war.

Solaranlage an Lawinenverbauungen noch teurer

«Die Photovoltaik-Panels sind in hochalpiner Lage hocheffizient», schrieb das EWZ im letzten März. Was kostet nun also der Strom von der Albigna-Solaranlage? Das Unternehmen gibt dazu keine Antwort, auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht. Beim angeblichen «Leuchtturmprojekt» (EWZ im August 2020) ist also Intransparenz angesagt. Vermutlich sind die entsprechenden Kennzahlen unvorteilhaft für das Sonnenprojekt.
Dabei muss man wissen, dass Solaranlagen an Staumauern vergleichsweise günstige Voraussetzungen haben: Das Gelände ist bereits erschlossen, und ein Stromanschluss ist vorhanden. Bei anderen möglichen Standorten alpiner Anlagen, etwa an Lawinenverbauungen, liegen die Kosten nochmals höher.
Das bestätigen die bisherigen Erfahrungen. 2012 nahm in Bellwald im Wallis die erste Solaranlage an einer Lawinenverbauung den Betrieb auf. Nach anderthalb Jahren Betrieb zeigte sich Erbauer Ruedi Lehmann ernüchtert. Dabei hatte er vergleichsweise gute Bedingungen: Dank eines Skilifts in der Nähe gab es bereits einen Stromanschluss, und die Panels waren von Greenpeace-Mitgliedern gratis den Berg hochgetragen worden. Wegen der hohen Kosten hätten Solarpanels an Lawinenverbauungen kaum eine Zukunft, sagte Lehmann damals zur «Weltwoche».

«Ein Zeichen setzen»

Später scheiterte ein geplantes Projekt im bündnerischen St. Antönien spektakulär. Geplant war ebenfalls eine Solaranlage an einer Lawinenverbauung, mit 3000 Panels. Doch der Bau der notwendigen Tragkonstruktion über den Verbauungen erwies sich als doppelt so teuer wie budgetiert. Schliesslich fehlte ein Millionenbetrag für die Finanzierung. 2017 wurde das Projekt begraben.

«Leider sind solche Anlagen aufgrund der fehlenden Rahmenbedingungen heute noch kaum wirtschaftlich realisierbar.»

Axpo-CEO Christoph Brand

Zurück zur Anlage «AlpinSolar» von Axpo: «Leider sind solche Anlagen aufgrund der fehlenden Rahmenbedingungen heute noch kaum wirtschaftlich realisierbar», legte Axpo-Chef Christoph Brand im letzten Januar gegenüber den CH-Media-Zeitungen offen. Man realisiere das Projekt an der Muttsee-Staumauer einzig, um ein Zeichen zu setzen und Erfahrungen zu sammeln. Es brauche die richtigen Fördermassnahmen für solche Anlagen, folgerte Brand.
Die «richtigen Fördermassnahmen» – das bedeutet im Klartext: mehr Geld. Damit gilt auch für den hochgepriesenen Alpen-Solarstrom, was für die meisten Ökostrom-Projekte gilt: Ohne hohe Subventionen geht nichts. Das Problem der Winterstrom-Lücke bleibt weiterhin ungelöst.

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