So gelingt das FDP-Grounding

So gelingt das FDP-Grounding

Wählt die FDP die richtige Strategie und den richtigen Präsidenten, kann sie ihre Basis weiter vergraulen und bei den Wahlen 2023 in die Bedeutungslosigkeit abtauchen. Hier der geniale Plan zum sicheren Misserfolg.

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von Ronnie Grob am 25.6.2021, 10:00 Uhr
Marina Lutz
Marina Lutz
Nach dem Abgang von FDP-Präsidentin Petra Gössi öffnet sich eine beängstigende Leere im Kandidatenfeld ihrer möglichen Nachfolger. Kaum ein Kandidat, der nicht schon präventiv abgesagt hat. Kein Wunder: Der Job des Parteipräsidiums verlangt dauernde Verfügbarkeit und bringt viel Arbeit mit sich, was im Gegenzug mit wenig Lohn und viel Kritik und Häme vergütet wird. Kurz: Das Amt eignet sich nur für die härtesten Nüsse. Nüsse, die auch dann heil bleiben, wenn eine Elefantenherde darüber hinweggetrampelt ist.
Jetzt aber wird es noch schwieriger: Wer das Präsidium der Freisinnig-demokratischen Partei führen will, sollte wissen, wie man einen Sack von Flöhen hütet – und das nicht für fünf Minuten, sondern jeden Tag des Jahres. Liberalen sagen zu müssen, was sie zu tun haben – also freiheitlich gesinnte und auf Unabhängigkeit und Eigenständigkeit bedachte Menschen zu führen – gehört zu den schwierigsten und unmöglichsten Jobs, die es gibt auf der Welt. Als Chefredaktor des liberalen «Schweizer Monats» kann ich ein Lied davon singen, und Markus Somm wird darin problemlos einstimmen können.
Nur warum denn gibt es kaum valable Kandidaten für das Präsidium? Es liegt an den FDPlern selbst. Ordnen wir sie von alt bis jung.
Die ergrauten Eminenzen: Den zunehmend greisen FDP-Haudegen, welche die grossen Zeiten der Partei bis in die 1990er-Jahre noch selbst miterlebt haben und die sich noch heute eher erdolchen würden als eine staatliche Subvention zu schlucken, gefällt es inzwischen am besten unter ihresgleichen. Ihre schlohweiss gewordenen Häupter versammeln sich nun wieder an ihren traditionellen Anlässen und rufen sich gegenseitig in die Hörgeräte hinein. Personen unter 60 Jahren sind ihnen suspekt, denn die haben zu wenig Erfahrung.
Die aktiven Ämtlijäger: Dem aktuellen FDP-Personal stehen die eigenen Vorteile, Karrieren und Pfründe am nächsten. Auch kümmert es sich zu wenig darum, was die Stammwählerschaft denkt, und zu sehr darum, wie es dasteht bei den linken Journalisten. War die FDP nicht mal die Partei der Freiheit? Sie hat eine riesige Sehnsucht nach Sicherheit entwickelt und eine riesige Angst vor Kontrollverlust. Fehlerkultur heisst, dass auch mal mächtig was schief gehen darf. Wenn Richtung und Absicht grundsätzlich stimmen, verzeiht das die Wählerschaft. Zuletzt wurde die Partei, Frau Merkel lässt grüssen, mittels Meinungsumfragen geführt. Statt mit einer Kandidatin anzutreten, die fähig ist und liberal denkt, stellt man sich – dümmer geht's nimmer – hinter einen Kandidaten, von dem man annimmt, dass er populär sein könnte. Und wenn er dann gewählt wird, eine antiliberale Politik umsetzt.
Die verlorene Jugend: Die Jungfreisinnigen wurden von der Partei in den letzten Jahren sehr konsequent entmutigt – ein Blitzaufstieg ermöglicht wurde immerhin Andri Silberschmidt, der sich politisch anpassungsfähig zeigte. Sonst aber wurde der Nachwuchs soweit demotiviert, dass er sich verabschiedete. Ein Teil ging zu den Grünliberalen, ein anderer Teil zur SVP, und die unverdrossen Prinzipientreuen versammelten sich in der Libertären Partei. Der allergrösste Teil allerdings wurde wider Willen untätig, mit Parteimitgliedschaft oder ohne. Gäbe es eine liberale Partei, für die es sich zu kämpfen lohnte, liesse sich diese Gruppe sofort aktivieren. Die FDP interessiert sich allerdings null für sie.
Sie sehen es jetzt auch: die Situation ist ideal für einen eleganten Exit. Die FDP sollte sich einen Ruck geben und die Partei grounden wie einst die Swissair. Dafür sollte eine Kandidatin wie Susanne Vincenz-Stauffacher zur Präsidentin gekürt werden. Die Scheidungsanwältin aus St. Gallen könnte den unter Gössi eingeschlagenen Ökokurs noch forcieren. Ebenfalls müsste sie die Partei entgegen dem Willen der Basis noch weiter in Richtung Sozialdemokratie treiben. Das alles traue ich Frau Vincenz-Stauffacher zu. Ob sie es aber auch schaffen würde, den Nachwuchs weiter zu entmutigen, und den allgemeinen Filz in der Partei noch zu verstärken? Für ein richtig erfolgreiches Grounding müsste man vielleicht eben doch einen Matthias Aebischer oder eine Lisa Mazzone zu «Liberalen» erklären und an die FDP-Spitze setzen.
Eine woke, grünsoziale FDP, die nicht Leistung, Freiheit und Demokratie, sondern Quotenregelungen, Etatismus und Elitenherrschaft befürwortet, wird vor den Wahlen 2023 von den Medien hochgejubelt werden – und dann am Wahltag bei der Stammwählerschaft in die Bedeutungslosigkeit fallen. Zur Erinnerung: Bei den Wahlen 1975 landete die SVP bei 9,9 Prozent Wähleranteil. Schlägt die FDP die vorgeschlagene Strategie ein, kann sie 2023 ähnliches erreichen. Viel Misserfolg mit diesem Kurs!

Ronnie Grob ist Chefredaktor des Autoren- und Debattenmagazins «Schweizer Monat».

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