So entsteht aus dem Nichts ein Stau

So entsteht aus dem Nichts ein Stau

In den kommenden Tagen werden wieder viele unweigerlich mit Stau konfrontiert werden. Doch wie kommt es überhaupt zum Stau, und was kann man dagegen tun?

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von Stefan Bill am 8.7.2021, 11:00 Uhr
Die Bremslichter leuchten, stockender Verkehr entwickelt sich zum Stau.
Die Bremslichter leuchten, stockender Verkehr entwickelt sich zum Stau.
Stau – jeder nervt sich darüber, doch eigentlich ist auch jeder ein bisschen schuld daran. Denn Stau entsteht nicht automatisch, nur weil viele Autos auf derselben Strecke unterwegs sind. Klar, dichter Verkehr ist eine Bedingung für Stau. Fünf Autos können noch keine Vier-Stunden-Staus am Gotthard verursachen. Doch die eigentlichen Gründe liegen fast immer beim Verhalten der Verkehrsteilnehmer. Denn der Stau entwickelt sich überproportional zum Verkehr. Auch Baustellen oder Unfälle können Staus verursachen, doch sie waren im letzten Jahr zusammen für gerade einmal 11 Prozent der Staustunden verantwortlich. Aber wie entsteht aus einer Überlastung ein Stau?

Zu dichtes Auffahren

Es ist eigentlich logisch, wird bei jeder Fahrstunde betont und bei den Wiederholungskursen eingebläut, trotzdem halten sich nur wenige Autofahrer daran: einen angemessenen Abstand zum vorderen Fahrzeug halten. Sei es, weil man ein Vordrängeln verhindern möchte, mit der Fahrweise des vorderen Fahrzeuglenkers nicht zufrieden ist oder eben gerade einen 500-PS-Boliden geleast hat und nun zeigen will, was der so drauf hat; fast niemand auf Schweizer Strassen hält genügend Abstand. Dabei wäre Abstand halten eine der nützlichsten Massnahmen gegen Stau
Denn wenn das vordere Fahrzeug – oft aus unersichtlichen Gründen – abbremst, muss der hintere Wagen bei knappem Abstand noch stärker bremsen, wenn er die Stossstange nicht dazu verwenden will, wofür sie einst gedacht war.
Verschiedene Studien zeigen, dass bereits ein leichtes Abbremsen zu einem Stau führen. Denn jeder nachfolgende Wagen muss noch stärker bremsen, was eine Kettenreaktion auslöst, die schliesslich zum Stillstand des Verkehrs führen kann. Da das Anfahren mehr Zeit benötigt als das Abbremsen, können bei grossem Verkehrsaufkommen so riesige Staus entstehen.

Unaufmerksamkeit

Dasselbe passiert, wenn Fahrzeuglenker im stockenden Verkehr unaufmerksam sind. Ob man nun am Handy noch kurz eine Nachricht schreibt, das Navi checkt oder ganz einfach verträumt aus dem Fenster schaut: Wer am Steuer unaufmerksam ist, muss öfters stark abbremsen. Anderer Grund, gleiches Ergebnis.

Spurwechsel

Ebenfalls sehr verbreitet und nicht weniger unbeliebt sind die ständigen Spurenwechsler. Bei stockendem Verkehr glauben sie, durch das Wechseln der Spur schneller ans Ziel zu kommen und verursachen damit das, wovor sie eigentlich fliehen wollten: Stau. Denn die nachfolgenden Fahrer müssen durch das Spurenwechseln abbremsen, und das wiederum führt zu einem Stau, scheinbar ohne ersichtlichen Grund. Also bleiben Sie bei stockendem Verkehr einfach auf Ihrer Spur. Experten sagen nämlich, dass sich durch das Lückenhüpfen keine Zeit gewinnen lässt.

Reissverschluss klemmt

Ein weiterer Grund ist das falsche Anwenden des Reissverschlussprinzips. Dieses ist seit anfangs dieses Jahres sogar Pflicht. Intelligente Fahrer, wenden es aber schon seit Jahren an. Sei es bei einer Einfahrt im stockenden Verkehr oder bei einer Spurenschliessung: Das Reissverschlussprinzip ist das beste, um Stau zu verhindern - vorausgesetzt, es wird korrekt angewendet. Fahren Sie auf der Spur, die geschlossen wird, sollten sie bis kurz vor die Verengung fahren und erst dann den Fahrstreifen wechseln. Wenn Sie auf dem Fahrstreifen fahren, der bestehen bleibt, sollten Sie so freundlich sein und zumindest ein Auto einfahren lassen. Machen Sie die Lücke vor sich zu und lassen niemanden einfahren, sind sie dadurch nicht schneller, sondern egoistisch. Denn hinter Ihnen wird sich dadurch ein noch grösserer Stau bilden.
Es wäre also relativ einfach, Stau zu verhindern. Man sollte möglichst vorausschauend und gleichmässig fahren. Denn würden sich alle Fahrzeuge gleich schnell bewegen, käme es nie zum Stau. Wissenschaftler vergleichen das Phänomen gerne mit der Ameisenstrasse. Die Ameisen orientieren sich immer an dem Tier vor ihnen in der Strasse, überholen nicht und halten die gleiche Geschwindigkeit. Und solange kein Hindernis im Weg ist, kommen sie nie zum Stillstand. Bei uns Menschen wird das wohl erst Realität sein, wenn die Autos autonom fahren und miteinander kommunizieren können. Das Bundesamt für Strassen versucht aber bereits, die Geschwindigkeiten zu harmonisieren und stattet das Strassennetz zunehmend mit automatisierten Tempoanlagen aus. Denn die maximale Kapazität erreicht eine Autobahn bei der Geschwindigkeit von 85 Kilometer pro Stunde. Deshalb wird das Tempo auf den jeweiligen Abschnitten, auf denen ein grosses Verkehrsaufkommen herrscht, entsprechend angepasst. Das Fassungsvermögen der Strasse wird dadurch erhöht und die Wahrscheinlichkeit von starkem Abbremsen reduziert.
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