Smalltalk statt Rechnungswesen: Die Berufsbildung wird gehörig umgekrempelt. Die grosse KV-Reform erhitzt die Gemüter – Teil 1

Smalltalk statt Rechnungswesen: Die Berufsbildung wird gehörig umgekrempelt. Die grosse KV-Reform erhitzt die Gemüter – Teil 1

Schulfächer, wie wir sie kennen, haben ausgedient. Sie gelten nicht mehr als zeitgemäss. Ersetzt werden sie durch Handlungskompetenzen. Muss das wirklich sein?

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von Sebastian Briellmann am 2.6.2021, 07:06 Uhr
Wie wird in Zukunft unterrichtet? Die KV-Reform wird vieles Gewohnte auf den Kopf stellen. Foto: Shutterstock
Wie wird in Zukunft unterrichtet? Die KV-Reform wird vieles Gewohnte auf den Kopf stellen. Foto: Shutterstock
Noch immer ist das KV die beliebteste Ausbildung in der Schweiz, 13’000 Lehrlinge starten jedes Jahr – das ist jede sechste Lehrstelle. Dieser wohl wichtigste Zweig der Berufslehre soll nun gehörig umgekrempelt werden. Aus drei Profilen – Basisbildung (B), Grundausbildung (E) und Berufsmatura (M) – werden zwei, die Profile B und E sollen zusammengelegt und durch ein «flexibleres» Modell ersetzt werden.
Das ist aber noch lange nicht alles: Grundlagenfächer wie Finanz- und Rechnungswesen? Nicht mehr zeitgemäss. Die klassischen Schulfächer haben ausgedient. Ersetzt werden sie durch Handlungskompetenzen – wie zum Beispiel «Smalltalk». Zudem soll nur noch eine Fremdsprache obligatorisch sein. Das könnte das Ende des Französischunterrichts bedeuten, da Englisch in der Regel von den Schülern bevorzugt wird. Und dies in einem Land, das stolz darauf ist, dass die Schüler mehrere Fremdsprachen lernen. Die Reform «Kaufleute 2022» soll bereits ab Sommer nächsten Jahres umgesetzt werden.

Selbstständigkeit steht über allem

Das kommt nicht nur gut an. In der «NZZ am Sonntag» und bei «Watson» klagten Lehrkräfte über die anstehende Reform. In den vier Nordwestschweizer Kantonen – Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt und Solothurn – sowie im Kanton Zürich regt sich auch politischer Widerstand. Grundlagenwissen gehe verloren. Der neue Bildungsplan sei einer für Erwachsene – die neu gewünschte Selbständigkeit überfordere Teenager. Tatsächlich stellt sich die Frage, ob es wirklich sein muss, auf Kosten der traditionellen Grundlagenfächer künftig mit Handlungskompetenzen zu unterrichten.
Wie etwa Smalltalk unterrichtet werden soll, erscheint durchaus unklar. Das Kompetenzziel lautet so: Die Schüler «prüfen die Angemessenheit der Inhalte und die Qualität der Smalltalks.» Dass in jedem Unternehmen andere Umgangsformen nötig sind, ein einheitlicher Lernprozess im Unterricht so nicht möglich ist: Dazu steht zum Beispiel nichts im Bildungsplan.
Die Reformer orientieren sich dabei am amerikanischen System der Output-Optimierung. Kompetenzen ersetzen das Wissen – weil die Zeit nicht mehr reicht heute für allen Stoff. Den Rest kann man googeln?
Offen zugeben mag das niemand, aber es ist offensichtlich: Hinter der Idee dieses Mechanismus als auch bei der KV-Reform steht der Grundsatz, dass die Schüler sich vieles (wenn nicht alles) selbstständig beibringen – das nennt sich Selbstorganisiertes Lernen (SOL). Dass Lehrer lehren ist in diesem System eine Sünde; man könnte die Schüler damit ja überfordern und in ihrer Kreativität einschränken.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil: Lehrstellenkiller KV-Reform? Bildungspolitiker haben an der geplanten Umsetzung gar keine Freude.


So extrem wird es vielleicht nicht kommen bei der KV-Reform, aber die Analogie ist unverkennbar. Was ist eine Kompetenz? Und wie soll diese gemessen – respektive: bewertet – werden? Und, diese Frage sei noch erlaubt, was heisst das dann überhaupt: handlungskompetent?
Roland Hohl, Geschäftsleiter der Schweizerischen Konferenz der kaufmännischen Ausbildungs- und Prüfungsbranchen (SKKAB), die die Reform in den letzten drei Jahren ausgearbeitet hat, sieht keine grossen Probleme auf die Schulen zukommen. Und auf die Schüler sowieso nicht. Er sagt: «Die klassischen Schulfächer, wie wir sie noch kennen, werden nicht sterben. Aber sie bilden nicht mehr die Hauptstruktur des kaufmännischen Grundbildung. Die Entwicklung von Handlungskompetenzen erfordert fundiertes Grundlagenwissen.»

Entschieden wird noch im Juni

Trotz Kritik sei man beim SKKAB gelassen. Die Reform sei eine konsequente Weiterentwicklung der bestehenden Grundbildung mit Fokus auf «Handlungskompetenzorientierung und Lernortkooperation». Des Weiteren halte man sich an die klaren Vorgaben von Bund und Kantonen. Die Berufsfeldanalyse und der Berufsentwicklungsprozess seien sehr breit abgestützt gewesen.
Hohl sagt auch: «Dass Kritik kommt, ist auch ganz normal und erwünscht. Im Rahmen der Anhörung des Bundes gab es zahlreiche Stellungnahmen, welche gut bearbeitet werden können. Hauptsächlich gilt die Besorgnis dem Zeitpunkt der Umsetzung und der Gewichtung der Sprachen. Das wird nun alles bei der Entscheidungsfindung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) in Abstimmung mit den Verbundpartnern berücksichtigt.»
Diese Anhörungen hatten es in sich: Dutzende Einsprachen gingen beim SBFI ein. Die Kritik bezog sich vor allem auf zwei konkrete Punkte: Der Französischunterricht darf nicht geschwächt werden – und die Umsetzungszeit sei viel zu knapp. Mindestens ein Jahr nach hinten, ins Jahr 2023, müsse man die Reform verschieben.
Das letzte Wort hat das SBFI. Man hört, dass es in diesen zwei Kernfragen durchaus entgegenkommend eingreifen dürfte. Offiziell will das niemand bestätigen. Toni Messner, Ressortleiter Berufsbildung beim SBFI, sagt auf Anfrage: «Das SBFI wertet derzeit die Erkenntnisse der Anhörungen aus. Es ist aber in jedem Fall mit einem zeitnahen Entscheid zu rechnen, jedenfalls noch im Monat Juni.»
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