Sind Abstimmungen rational entscheidbar?

Sind Abstimmungen rational entscheidbar?

Bei zahlreichen Abstimmungen ergeht es mir wie wohl vielen pflichtbewussten Bürgern, welche die Welt nicht schwarz-weiss sehen: Irgendwie kann ich beide Seiten verstehen. Was also tun, wenn man sich nicht entscheiden kann?

image
von Rafaela Schinner am 23.9.2021, 17:00 Uhr
Bild: Keystone
Bild: Keystone
Der erste Impuls besteht zumeist darin, sich einfach zu enthalten. So kann zumindest vermieden werden, ungewollt die falsche Seite zu unterstützen. Schon bald darauf meldet sich aber das schlechte Gewissen, das mich erfolgreich daran hindert, den bequemsten Weg zu wählen und mich meiner Verantwortung als Bürgerin zu entziehen.
Wieder auf Feld eins besteht eine denkbare Lösungsstrategie darin, möglichst alle sogenannten Fakten zu sammeln. Gemeinhin hilft dies jedoch nur bedingt: die Vernunft trägt alles zusammen, was an Informationen zu finden ist, aber schweigt sich gekonnt über deren Konsequenzen aus. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass uns Fakten allein nicht sagen, was wir tun sollen.
Gegebenheiten müssen im Entscheidungsprozess als Gründe für oder gegen eine Vorlage verstanden werden und die wiederum heisst es zu gewichten. An dieser Stelle kommen Prinzipien und Grundwerte ins Spiel. Das Verzwickte daran: Jene sind letztlich nicht weiter begründbar. An einem bestimmten Punkt müssen wir gestehen, dass uns etwas wichtig ist, weil es uns wichtig ist und weiter nichts. Für einen sich als rational bezeichnenden Menschen hat diese Erkenntnis etwas überaus Entmutigendes. Abstimmungen scheinen gar nicht so richtig vernünftig entscheidbar.
Das stimmt zu einem gewissen Grad und ist bei genauerer Betrachtung sogar von grundlegender Bedeutung für unsere Demokratie. Würden wir nämlich von objektiven Antworten, die lediglich aus der Faktenlage folgen, ausgehen, hätte dies drastische Konsequenzen: Wir müssten schliessen, dass bei den meisten Abstimmungen zumindest fast die Hälfte der Stimmbevölkerung uninformiert oder irrational handelt. Der Vernunft darob ihre Rolle in der Entscheidungsfindung abzusprechen, wäre jedoch vermessen. In vielen Fällen ist es keinesfalls offensichtlich, ob und inwiefern bestimmte Grundwerte mit einer konkreten Frage zusammenhängen. Der Rationalität obliegt die Aufgabe, herauszufinden, was die eigenen Prinzipien für die Abstimmung bedeuten.
Zum Beispiel könnte bei der Vorlage zur Ehe für alle ein Konflikt daraus entstehen, dass jemand einerseits der Gleichberechtigung grosse Bedeutung zumisst, gleichzeitig aber gegen die gesetzliche Erlaubnis der Samenspende ist. Wie und ob diese beiden Überzeugungen im vorliegenden Fall konkurrenzieren und was daraus folgt ist nicht klar und führt vielleicht dazu, dass einige Bürger eine Entscheidung treffen, die bei eingehender Betrachtung nicht ihren Präferenzen entspricht.
Es ist dementsprechend vom Standpunkt der Vernunft nicht gleichgültig, wie wir abstimmen. Entscheidungen sind idealerweise rational in dem Sinne, dass wir aus unseren jeweiligen Grundwerten und Überzeugungen heraus sinnvoll eine Wahl treffen. Und trotzdem ist es nicht von vornherein durch die Beschaffenheit der Realität festgelegt, was die richtige Antwort wäre. Der zuweilen belastende Prozess der Entscheidungsfindung bleibt für eine differenziert denkende Bürgerin somit eine Herausforderung. Und das ist gut so.

Mehr von diesem Autor

image

Hat die Bevölkerung ein Recht auf Wahrheit?

Rafaela Schinner19.10.2021comments

Ähnliche Themen

image

Werner Salzmann: Safety first

Nicole Ruggle19.10.2021comments