Sexuelle Gewalt: Der öffentliche Raum ist für Frauen eine Gefahr

Sexuelle Gewalt: Der öffentliche Raum ist für Frauen eine Gefahr

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von Sebastian Briellmann am 24.3.2021
Sexuelle Übergriffe haben in der Corona-Pandemie zugenommen. Symbolbild: Shutterstock
Sexuelle Übergriffe haben in der Corona-Pandemie zugenommen. Symbolbild: Shutterstock
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Die Kriminalstatistik des Bundes zeigt, dass die Delikte während der Corona-Pandemie zugenommen haben. Betroffen sind vor allem Frauen.

Frauen fühlen sich oft unsicher, wenn sie draussen unterwegs sind, vor allem spätabends und nachts – auch in der Schweiz. Hunderte haben in den letzten Tagen in den Sozialen Medien ihre negativen Erfahrungen geschildert. Die Täter: Fast ausschliesslich Männer. Ein Satz manifestiert das grosse Unbehagen: «Text me when you get home». Schreib mir, wenn du zu Hause bist. Es ist der Hilferuf einer ganzen Generation.
Anlass war ein schrecklicher Fall aus Grossbritannien von anfangs März: Eine junge Frau, Sarah E. (33), besuchte ihre Freundin und machte sich gegen 21 Uhr auf den Weg nach Hause. Sie telefonierte noch kurz mit ihrem Partner. Daheim kam sie nie an. Sie wurde ermordet.
Es ist nicht nur ein Gefühl der Unsicherheit oder der Furcht, das die Frauen begleitet. Seit Beginn der Corona-Pandemie häufen sich Berichte in den Medien, die Übergriffe und Straftaten an Frauen benennen: Die Not-Telefone laufen heiss. Die Frauenhäuser sind voll. Die Opferstelle beider Basel ist derzeit etwa derart ausgelastet mit der «Beratung und Begleitung von gewaltbetroffenen Frauen», dass keine Zeit für ein Gespräch bleibe, wie es auf Anfrage heisst.

Sexuelle Belästigung: 15 Prozent mehr Fälle

Nun ist auch statistisch belegbar, dass die Gewaltbereitschaft in der Schweiz steigt. Insbesondere die sexuelle Gewalt. Das zeigt die diese Woche veröffentlichte Kriminalstatistik des Bundes.
Sexuelle Nötigung hat um neun Prozent zugenommen (683 Fälle), Vergewaltigung um fünf Prozent (713 Fälle). Besonders drastisch ist der Anstieg bei sexueller Belästigung: Letztes Jahr wurden 1435 Fälle angezeigt (plus 15 Prozent).
Besonders auffällig: Viele Übergriffe – wie von den Frauen geschildert – finden im öffentlichen Raum statt. Das bestätigt auch Dirk Baier, der als Professor am Institut für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule ZHAW arbeitet. Die Zunahme der Vergewaltigungen sei auffällig: «Die erste These ist: Die häusliche Gewalt hat wegen Corona zugenommen. Aber das ist falsch, die Statistik zeigt hier eine Abnahme. Es ist definitiv der öffentliche Raum, in dem es zu mehr Übergriffen kommt.» Betroffen sind vor allem die grossen Städte – im ländlichen Raum werden viel weniger Personen angezeigt.

Männer unter Generalverdacht

Was tun? In den Medien werden nun Leitfäden veröffentlicht, wie Männer ihr Verhalten anpassen sollten, damit sich Frauen sicherer fühlen. Sie sollen die Strassenseite wechseln und mehr lächeln. Es wirkt so, als stünden alle Männer unter Generalverdacht.


So einfach ist es kaum. Baier nennt spezifische Gruppen: «Wenn wir berücksichtigen, dass die Vergewaltigungen in den letzten Jahren wieder stark angestiegen sind, kann man daraus interpretieren: Wir haben ein Problem mit Machos. Junge Männer, die ausser ihrem Körper nicht viel haben und deren Zukunftserwartung nicht rosig ist.»
Es ist für Baier auch klar, dass man nicht tabuisieren dürfe, dass Ausländer überproportional vertreten seien. Sie sind rund doppelt so oft Täter, als ihr Anteil an der Bevölkerung beträgt. Mehr als 50 Prozent der Delikte werden laut Kriminalstatistik Bundes von Ausländern begangen.
Oft kommt nun der Einwand, dass Straftaten nichts mit Nationalität, sondern mit dem Geschlecht zu tun habe. Baier sagt, man müsse berücksichtigen, «dass ihre Zukunftsperspektive oft schlechter ist – was Kriminalität fördert». Zudem würden Ausländer eher angezeigt. Er sagt jedoch klar, dass diese Analyse nicht reiche: «Die gelebten Werte von Ausländern sind oft rückständig. Antiquierte Frauenbilder. Gewalt als Erziehungsmittel. Das muss man auch betonen.»

Subjektives Unsicherheitsgefühl

Das mündet oft in Übergriffigkeit. Und was man weiss, ist wohl nur die Spitze des Eisbergs – die Forschung geht davon aus, dass nur zehn bis 20 Prozent der Delikte angezeigt werden. Baier sagt, verhalten optimistisch, dass der jetzige Anstieg in der Statistik auch darin gründen könnte, weil Opfer, überwiegend Frauen, sich immer mehr trauten, eine Anzeige zu machen – «denn das ist ja bis heute nicht einfach für sie».
Baier stützt sich auf Bewegungen wie MeToo und den Frauenstreik. Sicher dürfe man sich aber nicht sein. Denn: «Der andere, negative Trend könnte tatsächlich sein: Junge Menschen sind öfters draussen, an öffentlichen Plätzen.» Und das ist derzeit ein Problem.
In der Schweiz, in der jeder jemanden kennt und man sich häufig begegnet, passe man in der Regel auf sich auf, sagt Baier, «den Vorwurf der mangelnden Zivilcourage halte ich für falsch».
Nun hat jedoch die soziale Kontrolle abgenommen, da die Menschen kaum mehr auf den Strassen sind. Baier sagt: «Die Angst der Frauen ist berechtigt. Ihr subjektives Unsicherheitsgefühl im öffentlichen Raum wird durch Corona verstärkt. Darum braucht es Symbole wie mehr Polizeipräsenz, um dieses verlorengegangen Vertrauen zurückzugewinnen.»
Immerhin: No-go-Areas wie in England oder Frankreich gibt es noch keine. Aber die Unsicherheit bleibt.
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