Sexismus-Anlaufstelle ohne Zulauf von Opfern

Sexismus-Anlaufstelle ohne Zulauf von Opfern

Die im Trubel des Falles Buttet geschaffene Anlaufstelle für Opfer von Sexismus und Belästigung im Bundeshaus gibt es nicht mehr. Es gab wohl schlicht keine Fälle.

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von Claudia Wirz am 13.4.2021, 21:41 Uhr
Ist das Bundeshaus wirklich ein "Hort der Grabscher"?
Ist das Bundeshaus wirklich ein "Hort der Grabscher"?
Gross war das Aufhebens im Parlament, als 2017 der Fall Buttet für Schlagzeilen sorgte. Die Weinstein-Affäre um sexuelle Belästigungen und Nötigungen in den USA war gerade in vollem Gang, als der ehemalige CVP-Nationalrat Yannick Buttet seinerseits mit einer unrühmlichen Stalking-Affäre von sich reden machte – für die er 2018 verurteilt werden sollte. Der Vorfall lieferte den Anlass für eine rasante Eigendynamik. Bald stand unter der Bundeshauskuppel eine ganze Reihe von Vorwürfen im Raum, stets ging es um sexuelle Belästigung durch Personen im Bundeshaus. Es folgten einige zum Teil unappetitliche Retourkutschen und es soll auch zu tränenreichen Szenen gekommen sein. Der «Tages-Anzeiger» titelte: «Das Bundeshaus – ein Hort der Grabscher?»
In solch emotional hochgekochten Situationen tendieren Politiker zum Hyperventilieren, unabhängig vom Thema. Und wenn das Parlament hyperventiliert, schafft es überbordende Regeln oder überflüssige Institutionen. So war es auch in diesem Fall. Plötzlich war es höchst dringend, eine Sexismus-Anlaufstelle für Parlamentarierinnen (und Parlamentarier) zu schaffen. Kathrin Bertschy von der GLP und Maya Graf von den Grünen legten sich als Ko-Präsidentinnen der Frauendachorganisation «Alliance f» dafür ganz besonders in Zeug. Es dauerte nicht lang und schon war sie da – die neue Anlaufstelle. Hierhin sollten sich all die Opfer von sexueller Belästigung im Bundeshaus wenden können und sich professionell helfen lassen. Diskret und anonym. Überdies mussten sich die Mitglieder des Parlaments über den Unterschied zwischen Flirten und Grabschen belehren lassen.
Das Mandat für die Anlaufstelle wurde an die externe Fachstelle für Mobbing und sexuelle Belästigung vergeben, die Beratungen in drei Landessprachen anbieten sollte. Allein, die Anlaufstelle hatte keinen Zulauf, weder auf deutsch, noch auf französisch oder italienisch. Im ersten Jahr verzeichnete die Anlaufstelle keinen einzigen Fall. Welch ein Kontrast zu der hitzigen Debatte, die im Vorfeld stattgefunden hatte! Gleichwohl wurde das Mandat 2018 um ein Jahr verlängert. Ein Jahr sei noch zu kurz, sagte FDP-Nationalrätin Isabelle Moret. Solche Phänomene müsse man über einen längeren Zeitraum beobachten. SP-Nationalrätin Laurence Fehlmann Rielle versuchte sodann 2019, mit Fragen zur Öffentlichkeitsarbeit der Anlaufstelle neues Leben einzuhauchen. Vergebens.
Denn seither ist es still geworden um die Anlaufstelle. So still, dass das Mandat per Ende letzten Jahres in aller Stille beendet worden ist. Betroffene können sich nun direkt an die Parlamentsdienste wenden. Gemäss Auskunft der Parlamentsdienste hat die externe Mobbing-Fachstelle das Mandat gekündigt. Die Fachstelle fokussiert sich auf die Privatwirtschaft und sieht ihre primäre Aufgabe wohl nicht in der Betreuung von Mitgliedern des Bundesparlaments. Wie viele Fälle es aus dem Bundeshaus genau gegeben hat, wissen die Parlamentsdienste nicht, aber «es waren nur wenige», schreibt die Informationsbeauftragte. Ob das auf die oft behauptete präventive Wirkung dieser Institution zurückzuführen ist, ist höchst zweifelhaft. In ein paar Jahren wissen wir mehr.
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