Selbst nach einem Freispruch kann Mann geschädigt bleiben

Selbst nach einem Freispruch kann Mann geschädigt bleiben

Ein Mann wurde am Mittwoch vom Bezirksgericht Winterthur freigesprochen. Angeklagt wurde er von der Staatsanwaltschaft wegen sexueller Handlungen mit Kindern. Wirkliche Beweise gab es nicht.

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von Stefan Bill am 6.8.2021, 04:00 Uhr
Das Bezirksgericht in Winterthur. (Foto: Stefan Bill)
Das Bezirksgericht in Winterthur. (Foto: Stefan Bill)
Männer sind Täter, Frauen die Opfer.
So lässt sich meist nicht nur die mediale Berichterstattung zusammenfassen, sondern auch politische und private Diskurse zeigen nicht selten in diese Richtung: Die Frauen gilt es zu schützen, das Patriarchat zu stürzen. In jüngster Zeit haben wir einige Artikeln der Gewalt gegenüber Männern gewidmet. Wir zeigten auf, wo das System versagt, wenn es darum geht, von Gewalt – physisch und psychisch– betroffene Männer zu schützen.
Am Mittwoch zeigte nun ein Fall am Winterthurer Bezirksgericht, dass es auch anders geht. Ein junger Vater wurde vom Vorwurf der sexuellen Handlung mit Kindern freigesprochen. Genauer gesagt: mit seinem Kind. Der Vorwurf: Er soll seiner damals dreijährigen Tochter den Finger und einen Nuggi anal eingeführt haben. Die Tochter soll dabei geweint und ihn gebeten haben, aufzuhören.
Im Laufe des Verfahrens kamen noch weitere Vorwürfe auf den Tisch. Es war unter anderem vom Glied des 36-jährigen Vaters, das er «ausgepackt» haben soll, die Rede.
Die Anklage kam zustande, da die Mutter der beiden Kinder, die zum Zeitpunkt der angeblichen Tat bereits getrennt vom Vater lebte, Anzeige bei der Polizei eingereicht hatte.
Sie habe immer wieder Rötungen im Genitalbereich der beiden Töchter festgestellt, wenn diese vom Besuch beim Vater zurückgekommen seien. Zudem hätten Sie des Öfteren nach der gemeinsamen Zeit mit dem Vater von «Schnäbis» gesprochen, und die ältere Tochter habe ihr gezeigt, was der Vater mit ihrer jüngeren Schwester getan haben soll.

Staatsanwaltschaft nicht vor Ort

Das alles klingt schrecklich, prägen solche Erfahrungen doch die gesamte Entwicklung und auch das Erwachsenenleben der Kinder. Es wäre ein Vergehen der grässlichsten Art. Die Staatsanwaltschaft reichte demnach Strafanzeige ein, forderte 10 Monate Haft und ein Tätigkeitsverbot für den Vater; also das Verbot, in Zukunft mit Kindern arbeiten zu dürfen. Ebendiese Staatsanwaltschaft machte sich aber nicht einmal die Mühe, vor Gericht aufzukreuzen. Stattdessen waren zwei Vertreterinnen der Privatklägerin, also der Tochter, vom Amt für Jugend und Berufsberatung anwesend.
Die zwei Vertreterinnen stellten also die Gegenpartei zum Vater dar, der zum Zeitpunkt der Verhandlung seit fast zwei Jahren bereits keinen Kontakt mehr zu seinen Kindern gehabt hatte. Er beteuerte vor Gericht wiederholt seine Unschuld und schien mitgenommen ob den Vorwürfen gegen ihn.
Da Befunde von Ärzten keine Spuren von Missbrauch bei den Kindern feststellen konnten, war das einzige Beweismittel für die Anklage die Aussage der älteren Tochter. Das Problem dabei: Die Tochter war bei der Einvernahme der Polizei erst sechs Jahre alt. Das allein darf natürlich kein Grund sein, um die Anschuldigungen nicht ernst zu nehmen – nur widersprachen sich die Aussagen des Kindes teils selbst.
Bei der Befragung seien von der Polizei zudem Suggestivfragen gestellt worden, um gewollte oder zumindest die erwarteten Antworten zu erhalten, so der Anwalt des Angeklagten.
Dieser konnte denn auch in seinem einstündigen Plädoyer – er bereite sich gerne gut vor, wenn es um viel ginge – glaubhaft erläutern, dass die Mutter ihre Kinder über einen längeren Zeitraum manipuliert hatte. Sie sei als Kind selbst Opfer von sexueller Gewalt innerhalb der Familie geworden, trage die daraus entstandenen Probleme noch immer mit sich. Zudem pflege sie einen ungesunden Umgang mit Alkohol. Die Anzeige, so vermutete der Anwalt, sei wohl aus Rache entstanden, denn ihr war ein wüster Streit vorausgegangen, weil der Vater zu einer verabredeten Zeit nicht auf die gemeinsamen Kinder aufpassen konnte.
Mehrere Textnachrichten der Mutter an die Mutter des Angeklagten belegen, dass sie dieser gedroht hat, sie werde ihre Enkelkinder nie mehr wiedersehen. Denn der Angeklagte lebt mit seiner Mutter zusammen, die der Grund war, warum er nicht auf die Kinder aufpassen konnte. Auch harte Beschimpfungen gegen die Grossmutter fanden sich im Chatverlauf.

«Was passiert, wenn man lügt?»

Und es kommt noch dicker: Die Sechsjährige fragte bei der Einvernahme der Polizei, die auf Band aufgezeichnet wurde, was denn passiere, wenn man «aus Versehen lüge». Weiter wollte sie wissen, ob ihre Mutter das Band zu Gesicht bekommen würde. Sie war sichtbar nervös, konnte nicht still sitzen, versteckte sich gar unter dem Tisch. Später gab sie obendrein zu Protokoll, die Mutter hätte ihr ein Fahrrad und eine Reise in den Europapark versprochen, wenn sie aussage.
Selbst die Richterin sagte in ihrem Schlussplädoyer, die Aussagen der Ex-Frau seien nicht wirklich viel wert. Die Tochter habe zudem in der ersten Einvernahme durch die Polizei nichts gesagt, was nun in der Anklage steht. Sie habe sogar der Mutter widersprochen. Auch die Aussagen der zweiten Einvernahme würden sich teils widersprechen. Somit kam sie zum Schluss: «Das einzige Beweismittel, die Aussage der Tochter, ist kein objektives Beweismittel.» Sie sprach den jungen Vater daher von der Anklage der sexuellen Handlungen mit Kindern frei. Die Gerichts- und Anwaltskosten von insgesamt 35’000 Franken gingen auf die Gerichtskasse. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Die Anklageschrift liess ihn wie ein Monster aussehen, die Verhandlung dann eher als Opfer.
Die Richterin liess sogar durchblicken, dass sie den Ausführungen des Anwalts, die Mutter hätte ihre Töchter massivst manipuliert und für ihre Zwecke, den Vater zu diffamieren und ihm seine Kinder wegzunehmen, missbraucht, Glauben schenkt.
In diesem Fall hatte der junge Mann also Glück. Dennoch ist durch die Anzeige der Staatsanwaltschaft seine Beziehung zu seinen Kindern nachhaltig geschädigt. Eine Tochter hat mittlerweile eingewilligt, einen Briefverkehr mit dem Vater aufzubauen, die andere will ihn nicht sehen. Ein gesundes Verhältnis wird er mit ihnen wohl nicht mehr aufbauen können. Auch sein Ansehen in seinem privaten Umfeld dürfte in den letzten zwei Jahren, seit die Anklage läuft, Schaden genommen haben. Das alles nur, weil seine Ex-Frau, womöglich aus Rachegelüsten, einen laut Gericht falschen und haltlosen – aber eben auch dramatischen und folgeschweren Vorwurf machte.

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