Schwierige Bedingungen: Für jüdisches Leben ist auch die Schweiz keine Insel der Glückseligkeit

Schwierige Bedingungen: Für jüdisches Leben ist auch die Schweiz keine Insel der Glückseligkeit

Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), blickt besorgt in die Zukunft. Die Situation habe sich zwar gebessert, aber es brauche noch mehr Engagement vonseiten der Schweiz.

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von Sebastian Briellmann am 24.5.2021, 07:42 Uhr
Können Jüdinnen und Juden in der Schweiz noch ohne Angst leben? Der Krieg gegen Israel zeigt, dass auch bei uns Antisemitismus zur Tagesordnung gehört. Foto: Shutterstock
Können Jüdinnen und Juden in der Schweiz noch ohne Angst leben? Der Krieg gegen Israel zeigt, dass auch bei uns Antisemitismus zur Tagesordnung gehört. Foto: Shutterstock
Der Krieg gegen Israel beherrscht in Europa weiterhin die Schlagzeilen, trotz Waffenruhe. Fast jeden Tag kommt es an Pro-Palästina-Kundgebungen zu offen zur Schau getragenen Antisemitismus und Judenhass. Auch in der Schweiz. Mit dem eigentlichen Konflikt hat das oft nicht mehr viel zu tun, sondern mit einer Mélange aus «Unwissen», wie Erik Petry, Professor für Jüdische Studien an der Universität Basel, das Problem beschreibt: «Dabei wird alles durcheinandergebracht: das jüdische Leben hier, die Politik von Israel, der Nahostkonflikt».
Wie soll man mit dem vergifteten Klima umgehen, soll man als Jude überhaupt noch mit Kippa auf die Strasse? Petry macht sich Sorgen: In der Schweiz möge es besser sein als in Deutschland oder in Frankreich, «weil die physische Gewalt nicht ausgeprägt ist», wie Petry sagt – aber er sei sich nicht sicher, ob das so bleiben werde: «Die aktuelle Situation ist beängstigend.» (Lesen Sie hier: Ein Europa ohne Juden? Das Unmögliche scheint wieder möglich)

Gebrannte Kinder

Auch der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) blickt besorgt in die Zukunft. Generalsekretär Jonathan Kreutner sagt im Gespräch mit dem «Nebelspalter»: «Der Staat kann mehr machen für die Sicherheit gefährdeter Minderheiten.» Und die Juden in der Schweiz sind eine solche Minderheit. (Lesen Sie hier: Krieg gegen Israel. Und wieder schlägt die Stunde der Judenfeinde. Auch in der Schweiz)
Immerhin, sagt Kreutner, spüre er beim Bund mehr Bereitschaft: Es wurde eine Verordnung in Kraft gesetzt, wonach der Staat gefährdete Minderheiten bei Infrastrukturkosten im Bereich Sicherheit unterstützen kann. «Das ist schon mal gut. Es braucht aber weiterführende Lösungen.»
Es stellt sich jedoch die Frage, ob es wirklich so erfreulich ist, wenn ein angenehmes Leben für eine Minderheit in diesem Land nur mit viel Geld und massiven Sicherheitsvorkehrungen möglich ist. Kreutner sagt: «Vielleicht sind wir da gebrannte Kinder. Wir sind froh, wenn sich wenigstens gewisse Dinge zum Positiven wenden.» Der Generalsekretär spricht hier die besorgniserregende Lage im umliegenden Ausland an, die «erschreckenden antisemitischen Entgleisungen» in Deutschland, die jüdische Massen-Emigration in Frankreich.

Keine Insel der Glückseligkeit

Kreutner möchte sich seinen Optimismus aber bei aller Sorge nicht nehmen lassen: «Ich bin Jude und ich bin Schweizer. Ich lebe gern in der Schweiz. Ich fühle mich wohl.» Aber eben, er ist halt auch eines dieser gebrannten Kinder – und schon froh, wenn die Demonstrationen in Basel, Genf und Zürich halbwegs gesittet über die Bühne gehen, es zu keinen «Scheiss Juden!»-Rufen und zu keiner roher Gewalt vor Synagogen kommt. «Und dass es nicht so schlimm ist wie noch 2014, als zu Gewalt aufgerufen wurde.»
Klar ist weiterhin: Der Judenhass nimmt zu. Zu Beginn dieses Jahres, als noch nichts auf einen Krieg im Nahen Osten hindeutete, gab es antisemitische Zoom-Bombings, gab es zahlreiche Schändungen an Synagogen. Kreutner sagt: «Ja, dieses Jahr hat wirklich wenig schmeichelhaft begonnen. Auch die Situation im Internet: besorgniserregend. Da ist es in den letzten Jahren nun nochmals explodiert.»
Die Schweiz, sagt Kreutner, ist auch «keine Insel der Glückseligkeit», aber er stellt dennoch fest: «Der Bund ist bemühter als früher, eine echt neutrale Sicht einzunehmen. Ist er schon eingemittet? Wohl nicht. Aber es ist wirklich viel besser geworden. Auch bei den Politikern, die nicht mehr auf Kundgebungen mitlaufen, wo Israel-Flaggen brennen.»

«Propaganda muss ein Ende haben»

Kreutner glaubt, dass in Europa für Juden tatsächlich schwierige Bedingungen herrschten, die Umstände in der Schweiz aber besser seien. Forderungen gibt es trotzdem: Die Schulen müssten mehr in die Prävention investieren. Der Staat müsse bei Antisemitismus hinschauen, das Strafgesetzbuch viel schärfer angewendet werden. Und neu: Der Bundesrat solle die Hamas endlich als Terrororganisation einstufen. «Diese Propaganda muss jetzt ein Ende haben. Es kann nicht sein, dass Hamas-Vertreter sich hier frei bewegen können. Der Bund soll hier seine Haltung überprüfen.» Unterstützung erhält Kreutner hier zumindest schon einmal von 16 Parlamentariern, alle aus dem bürgerlichen Lager.
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