Schweizer Wissenschaftler erforscht den Jungbrunnen: Werden wir bald unsterblich, Herr Wyss-Coray?

Schweizer Wissenschaftler erforscht den Jungbrunnen: Werden wir bald unsterblich, Herr Wyss-Coray?

Der Traum, ewig jung zu bleiben, rückt näher. Tony Wyss-Coray, Schweizer Mikrobiologe in Kalifornien, konnte nachweisen, dass das Blut junger Artgenossen alte Mäuse jünger werden lässt. Nun testet er die Verjüngung durch Blut an Alzheimer-Patienten.

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von Alex Reichmuth am 10.6.2021, 04:00 Uhr
Ewige Jugend könnte irgendwann Wirklichkeit werden. Bild: Shutterstock
Ewige Jugend könnte irgendwann Wirklichkeit werden. Bild: Shutterstock
Der Jungbrunnen ist ein alter Menschheitstraum: Einfach ein geheimnisvolles Mittel schlucken oder in einer wundervollen Flüssigkeit baden – und schon sind alle Altersgebresten vorbei und vergessen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass dieser Traum tatsächlich Wirklichkeit werden könnte. Denn die Wissenschaft ist auf dem Weg zu einer Verjüngungskur bereits ein gehöriges Stück vorangekommen. Vor allem in Amerika sind Forscherinnen und Forscher daran, die Ursachen der biologischen Alterung zu ergründen.
An vorderster Front dabei ist der Schweizer Tony Wyss-Coray (56), der seit 2002 an der Stanford University bei San Francisco arbeitet. Der Mikrobiologie, der einst an der Uni Bern studierte, hat zusammen mit Kollegen die verjüngende Wirkung von jungem Blut auf alte Organismen nachgewiesen. Die Effekte sind erstaunlich: Alte Mäuse werden jünger, wenn in ihren Adern das Blut junger Artgenossen zirkuliert. Die Wirkung besteht sogar, wenn alten Mäusen das Blut junger Menschen verabreicht wird. Derzeit sind Wyss-Coray und sein Team daran, bei kranken alten Menschen zu erproben, ob junges Blut – oder zumindest Bestandteile davon – ihre Konstitution verbessern kann. Die Spur ist heiss.

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Tony Wyss-Coray, Schweizer Mikrobiologe in Kalifornien

Herr Wyss-Coray, wenn Sie einen Verjüngungstrunk angeboten bekämen, der Sie wieder jugendlich macht, würden Sie ihn nehmen?
Tony Wyss-Coray: Wenn der Trunk nur dazu führt, dass ich länger lebe, dann eher nicht. Aber ein Trunk, der mich gesund bleiben lässt und beispielsweise eine Demenz verhindert, käme in Frage.
Warum möchten Sie nicht länger leben?
Weil das unter Umständen heissen würde, dass alle Freunde und Verwandten wegsterben, und ich möglicherweise in einer Kultur weiterleben müsste, die mir unbekannt ist.
Aber einen solchen lebensverlängernden Trunk könnten ja auch Ihre Freunde und Verwandten einnehmen.
Okay, wenn alle länger leben, würde ich das in Erwägung ziehen. Vor nicht allzu langer Zeit war ja die Lebenserwartung auch nur halb so hoch wie heute.

«Wir konnten zeigen, dass die Gehirne von alten Mäusen wieder so funktionierten wie bei jüngeren Tieren.»


Ihnen gelang es zusammen mit Kollegen, die Organe alter Mäuse zu verjüngen, indem sie in den Adern der Tiere das Blut junger Mäusen zirkulieren liessen. Was konnte sie genau nachweisen?
Wir konnten zum Beispiel zeigen, dass die Gehirne der alten Mäuse wieder so funktionierten wie bei jüngeren Tieren. Unter anderem schnitten die Mäuse in Gedächtnistests besser ab.
Wie steht es mit anderen Organen?
Auch Organe wie Leber oder Bauchspeicheldrüse konnten so verjüngt werden. Zudem bildeten die alten Mäuse neues Muskelgewebe. Wir haben inzwischen nachgewiesen, dass die biologische Altersuhr von Zellen tatsächlich zurückgestellt wird, wenn im Kreislauf von alten Mäusen junges Blut zirkuliert.
Also sind die Mäuse tatsächlich wieder jung geworden?
Sie sind zumindest jünger geworden.
Erstaunlicherweise funktioniert die Verjüngung auch dann, wenn alten Mäusen das Blut junger Menschen verabreicht wird.
In der Tat. Wir mussten dazu allerdings zuerst die Immunabwehr der Mäuse gegen fremde Organismen ausschalten. Der Verjüngungseffekt war aber eher noch ausgeprägter als bei Mäuseblut.
Wissen Sie, welche Bestandteile des Bluts die Verjüngung auslöst?
Wir gehen davon aus, dass es mehrere Faktoren sind, die hier zusammenspielen. Proteine, Fettsäuren und verschiedene Zuckerarten könnten einen Einfluss haben. Wir konzentrieren uns in unserer Forschung auf die Wirkung von Proteinen, weil diese vergleichsweise einfach zu messen und zu manipulieren sind.
Sie sind mittlerweile daran, Alzheimer- und Parkinson-Patienten mit Blut zu behandeln, das von jungen Menschen stammt. Gibt es schon Resultate?
Wir haben Alzheimer- und Parkinson-Patienten Blutplasmaprodukte initiiert, die bestimmte Proteine enthalten. Diese Produkte haben wir zuvor an Mäusen getestet. Der Versuch wurde bis jetzt allerdings erst bei Parkinson-Patienten placebo-kontrolliert durchgeführt. Wir konnten nachweisen, dass die Behandlung sicher ist und zumindest so ermutigend, dass man weitermachen sollte.

«Wir können optimistisch sein, dass sich aus solchen Versuchen irgendwann Medikamente gegen Demenz und Parkinson entwickeln lassen.»


Also weiss man noch nicht sicher, ob die Behandlung wirkt?
Nein, aber wir sind zuversichtlich, dass die Verjüngung von Organen durch Blut grundsätzlich funktioniert. Andere Forscher konnten schon zeigen, dass der regelmässige Ersatz von altem Blutplasma durch junges Plasma eine Wirkung bei Alzheimer-Patienten zeigt. Wir können optimistisch sein, dass sich aus solchen Versuchen irgendwann Medikamente gegen Demenz und Parkinson entwickeln lassen. Diese würden die essentiellen Komponenten aus dem Blut enthalten, wie Proteine oder Antikörper.
Ist ein Verfahren absehbar, bei dem alten Menschen junges Blut verabreicht wird, und diese dadurch grundsätzlich jünger werden?
Solche Erwartungen muss ich eher dämpfen. Der Schritt von Mäusen zu Menschen ist sehr gross.
Trotzdem: Kommt irgendwann der Tag, an dem das Alter und sogar der Tod besiegt sind?
Schwer zu sagen. Jedenfalls liegt das noch in weiter Ferne. Das würde allerdings bedeuten, die Evolution zu stoppen. Denn diese beruht darauf, dass Lebewesen ersetzt werden. Nur so können sie sich verändern.
Der bekannte Altersforscher Aubrey de Grey behauptet, die ersten Menschen, die tausend Jahre alt werden, seien schon unter uns. Glauben Sie daran?
Nein. Ich kenne die Motivation von de Grey für eine solche Behauptung zwar nicht. Aber das scheint mir unseriös.

«Es gibt derzeit kein klinisch getestetes Medikament, das einen Effekt auf den Alterungsprozess des Menschen hat.»


Es gibt, namentlich im Silicon Valley, wo Sie arbeiten, viele Investoren, die die Entwicklung von Anti-Aging-Mitteln vorantreiben. Macht das Sinn?
Durchaus. Die Vorstellung, einen Jungbrunnen zu entwickeln, fasziniert natürlich viele Leute. Viele wittern auch einfach geschäftliche Chancen.
Es sind schon viele Medikamente oder Blutpräparate auf dem Markt, die verjüngend wirken sollen. Ist das seriös?
Nein. Es gibt derzeit kein klinisch getestetes Medikament, das einen Effekt auf den Alterungsprozess des Menschen hat. Viele Leute glauben aber offenbar, dass solche Produkt umso wirksamer sind, je mehr sie kosten.
Der Jungbrunnen ist ein alter Menschheitstraum. Haben Sie kein Verständnis, dass da manches ausprobiert und angeboten wird, auch wenn das vielleicht nicht seriös ist?
Verständnis habe ich schon. Aber ich finde es dennoch nicht richtig. Es ist eben eine grosse Herausforderung, den Leuten zu sagen, was wahr ist, und was nicht.

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