Schweizer Kolonialismus? Nationalrat will afrikanische Umweltpolitik beeinflussen

Schweizer Kolonialismus? Nationalrat will afrikanische Umweltpolitik beeinflussen

Der Nationalrat hat eine GLP-Motion angenommen, die Jägern die Grosswildjagd verderben will. Aber ist das wirklich sinnvoller Tierschutz?

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von Serkan Abrecht am 1.6.2021, 14:16 Uhr
Keine Jagdtrophäen mehr für die Schweiz: Ein Afrikanischer Elefant in Südafrika. (Bild.Shutterstock)
Keine Jagdtrophäen mehr für die Schweiz: Ein Afrikanischer Elefant in Südafrika. (Bild.Shutterstock)
Die Waadtländerin Isabelle Chevalley (GLP) rückt den Jägern auf den Pelz. Nicht den Einheimischen, die werden vorerst in Ruhe gelassen. Nein, denjenigen, die sich es leisten auf dem afrikanischen oder asiatischen Kontinent zu jagen, soll das Schiessen vermiest werden.
In einer Motion forderte die Nationalrätin, dass die Einfuhr von Jagdtrophäen verboten wird, die in den Anhängen I bis III des Artenschutzübereinkommens (Cites) aufgeführt sind. Das wäre zum Beispiel der Afrikanische Elefant, bestimmte Antilopenarten oder der Tukan. Eine ähnliche Motion von Grünen-Nationalrätin Aline Trede wurde 2017 abgelehnt. Chevalleys Motion hingegen ist dank Unterstützung auch von SVP und FDP im Parlament angenommen worden. Nun muss der Ständerat entscheiden.
Eigentlich hört sich die Vorlage sinnvoll an. Der Normalbürger hat kein Verständnis für diejenigen, die sich nach Afrika aufmachen, um einen Löwen oder Elefanten zu schiessen. Doch im Ausland, dort, wo die Tiere bejagt werden, hat man kein Verständnis für ein Trophäenverbot. Denn: Dass ausländische Jäger Wildtiere schiessen, hat nicht nur einen finanziellen, sondern auch einen umweltschonenden Aspekt.
Stewart Dorrington ist ehemaliger Berater des südafrikanischen Umweltministeriums und Safari-Leiter. Zudem war er Mitglied des High Level Panel der Regierung, das über Fragen zur Jagd, Zucht, Haltung und des Handels mit Nashorn, Löwe, Elefant und Leopard berät. Für ihn ist die GLP-Motion nichts anderes als «rassistisch». «Trophäen-Importverbote untergraben das Recht der indigenen Völker, ihre Umwelt auf nachhaltige Weise zu nutzen», sagt Dorrington. «Die Länder, die diese Verbote aussprechen, haben die Arealstaaten nicht konsultiert.» Er findet es der Gipfel der Arroganz, einem anderen Land privilegierte westliche Ideologien aufzuzwingen, besonders wenn es die ärmsten Menschen in dem anderen Land betrifft.

Jagd zum Schutz der Tiere

Schon jetzt wehren sich die Regierungen von Botswana, Namibia, Simbabwe und Südafrika gegen Jagd- und Trophäen-Exportverbote. «Unter den Afrikanern wächst der Unmut über die Art und Weise, wie diese Entscheidungen ohne Konsultation getroffen werden», sagt Dorrington.

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Ehemaliges Mitglied des High Level Panel Stewart Dorrington. (Bild:Custodians of Professional Hunting and Conservation )

In der Schweiz macht sich Stephan Stamm für die Grosswildjagd stark. Er organisiert selbst Jagden in Afrika. «Die Jagd ist hier in der Schweiz ein akzeptiertes und etabliertes Mittel zur Regulierung des Wildtierbestandes. Dem gegenüber wird die Grosswildjagd gestellt, weil es scheinbar – so argumentieren viele Politiker – nur um Trophäen und das Angeben gehe.» Stamm organisiert Jagden in Tansania, Simbabwe und Südafrika und findet die Schweiz habe eine verklärte Sicht auf die Grosswildjagd. Diese zu organisieren sei teuer, ja, weshalb es sich nicht jeder leisten könne. Aber das Geld, dass durch die Grosswildjagd in die Kassen fliesst, sei entscheidend – für den Schutz der Wildtiere. «Gejagt wird in Reservaten. Da, wo die Tiere geschützt leben können. Und mit dem Geld, das durch die Jagd erwirtschaftet wird, werden eben diese Reservate geschützt. Vor Wilderern oder auch durch die Verstädterung, die die Tiere verdrängt», sagt Stamm. Zudem würden sich alle afrikanischen Regierungen an das Washingtoner-Abkommen zum Tierschutz bekennen. Auch sei die Jagd sehr streng reguliert. Stamm nennt als Beispiel den Löwen. «Es dürfen nur männliche Tiere geschossen werden, die mindestens sechs Jahre alt sind und von ihrem Rudel verstossen wurden, weil ein jüngeres Männchen übernommen hat. Diese Löwen sind von da an Einzelgänger und können sich auch nicht mehr fortpflanzen.»

Nicht gewählt, um Afrikaner zu verteidigen

Deshalb gehe es nicht an, dass Länder wie die Schweiz anderen vorschreiben würden, wie diese mit ihrem Wildtierbestand umzugehen hätten. «Simbabwe will der Schweiz beispielsweise auch nicht vorschreiben, wie sie mit dem Wolf oder dem Steinbock umzugehen habe.» Dies ist auch die Position des Bundesrats, der die Motion zur Ablehnung empfiehlt.
Chevalley hingegen will die Grosswildjäger vergrämen. Seit der Gründung vor 20 Jahren ist sie im Vorstand der Tierschutz-NGO Association Terre et Faune aktiv. «Wir stehen daher in regelmässigen Kontakt mit unseren Feldpartnern in Kenia, Tansania und Indien. Sie haben alle die gleichen Ansichten zu diesem Thema: Der Handel mit Elfenbein und Jagdtrophäen muss verboten werden.» Ob sie auch mit den Regierungen oder Parlamentariern dieser Länder Kontakt aufgenommen hat, sagt Chevalley nicht.

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Nationalrätin Isabelle Chevalley (GLP).

Den Vorwurf des Rassismus oder Kolonialismus will Chevalley nicht gelten lassen: «Sicherlich liegt es an den Behörden, ihre Wildtiere zu regulieren, und es liegt an uns, unsere Importe zu regulieren. Ich erinnere daran, dass wir die Einfuhr von Robbenprodukten in die Schweiz verboten haben. Kanada hat uns danach auch nicht gesagt, dass wir Neokolonialisten sind.» Doch was ist mit den privaten Grundstückbesitzern, die durch die Jagdeinnahmen ihre Reservate aufrechterhalten können? «Ich bin nicht in das Schweizer Parlament gewählt worden, um private Landbesitzer in Afrika zu verteidigen, die vom Töten bedrohter Tiere leben wollen», sagt Chevalley. Ob dies auch die Ständeräte so sehen, wird sich zeigen.

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