Schweizer Geschichte – ein Orchideenfach?

Schweizer Geschichte – ein Orchideenfach?

Was stört die Spitzensportlerin Alja del Ponte an der Schweiz? Rassismus, Diskriminierung, Genderprobleme? Nichts von alledem: Sie findet, dass Schweizer in der Schule zu wenig über die Schweiz erfahren. Unsere Historiker sehen das anders und haben das Fach Schweizer Geschichte abgeschafft.

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von Gottlieb F. Höpli am 16.5.2021, 16:18 Uhr
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Interviews mit Spitzensportlern sind in der Regel keine intellektuell besonders ergiebige Lektüre. Doch es gibt Ausnahmen. Als der «Tages-Anzeiger» die Tessiner Sprinterin Alja del Ponte vor kurzem fragte, was sie an ihrem Land störe, erhielt er eine unerwartete Antwort: In der Schweiz komme die Schweizer Geschichte zu kurz. «Wir wissen nach der Schule mehr über andere Länder als über das eigene.»
Für diesen Wunsch hat die weitaus grösste Ausbildungsstätte für Historiker in der Schweiz, das historische Seminar der Universität Zürich, kein Verständnis. Hier wurde das Hauptfach Schweizer Geschichte schon 2005 gestrichen, und der Schweizer Geschichte als Nebenfach wurde letztes Jahr ebenfalls der Garaus gemacht. Von den 17 Professoren beschäftigt sich denn auch keiner mehr hauptamtlich mit der Schweizer Geschichte. Begründung: «Bologna» lasse eine so extreme Spezialisierung der Ausbildung nicht mehr zu, und überdies sei ja auch das Interesse der Studierenden gering. Schweizergeschichte – nicht mehr als ein Orchideenfach wie Japanologie, Onomastik oder Kryptologie?
Natürlich könnte man in Zürich die Behauptung, niemand interessiere sich mehr für Schweizergeschichte, auch zum Anlass für kritische Selbstreflexion nehmen. Weil es vielleicht am eigenen Angebot liegt. Weil es ausserhalb des Elfenbeinturms vielleicht auch andere Ansichten dazu gibt. Doch die werden jeweils ziemlich pauschal einer rückwärtsgewandten Ideologie à la «geistige Landesverteidigung» zugeschlagen, und damit ist die Angelegenheit zum vorneherein erledigt. Schliesslich wolle man nicht «unter staatlich-politischem Druck einen Schlachtenkalender abarbeiten», meinte etwa der emeritierte Zürcher Professor Jakob Tanner, der die staatstragenden Institutionen der Schweiz im 20. Jahrhundert bedeutend kritischer beäugt als die Institution, an der er selber lehrte.
Marignano, Stanser Verkommnis, oder aktuell: Napoleon und die Schweiz? Alte Hüte! Was heute die Historiker interessiert, und was morgen in den Gymnasien und Lehrerseminarien des Landes gelehrt wird, ist Geschlechtergeschichte, Kolonialismus und Kapitalismuskritik. Wenn überhaupt Schweiz, dann so: «Osteuropäische Revolutionärinnen in der Schweiz, Milieus, Wechselwirkungen, Nachwirkungen» (Vorlesungsverzeichnung 2020/21).
Beim Bildungsangebot der grössten Schweizer Historikerschmiede käme Alja del Ponte mit ihrem Wunsch also nicht auf ihre Rechnung. Könnte es sein, dass nicht nur unsere Weltklasse-Sprinterin, sondern mit ihr eine Generation junger Schweizerinnen und Schweizer wieder mehr an der Schweiz und an Schweizergeschichte interessiert ist? Könnte der Grund vielleicht darin liegen, dass sie stärker an die Zukunft unseres Landes glaubt als die zurzeit herrschende universitäre Historikerzunft? Und daher, logisch, auch mehr an der Vergangenheit der Schweiz interessiert ist als letztere?

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