Schweigen oder gehen

Schweigen oder gehen

Ein stellvertretender Kantonsarzt muss seinen Platz räumen, weil er die Coronamassnahmen kritisiert hatte. Einen Maulkorb lehnte er ab. Frei vom Amt, will der Arzt nun erst recht in die Offensive, wie er ankündigt.

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von Stefan Millius am 22.3.2021, 19:37 Uhr
Der Hausarzt Rainer Fischbacher, rechts das Ausserrhoder Regierungsgebäude in Herisau.
Der Hausarzt Rainer Fischbacher, rechts das Ausserrhoder Regierungsgebäude in Herisau.
Rainer Fischbacher, Hausarzt in Herisau, war jahrelang Kantonsarzt von Appenzell Ausserrhoden. Nach einer internen Umstrukturierung landete er in der stellvertretenden Funktion. Die ist er seit Februar auch los. Der Grund: Fischbacher hatte sich in der Schweizerischen Ärztezeitung mehrfach in satirischer Form kritisch über die Coronapolitik des Bundesrats geäussert.

Gemässigte Kritik

Wobei Fischbacher durchaus gemässigt war in seinen Inhalten. Er hinterfragte nur bestimmte Massnahmen, vor allem den Lockdown. Der Hausarzt ist der Ansicht, dass dieser das Virus nicht etwa zurückdrängen kann, sondern die verordnete Distanz im Gegenteil die Virenmutation fördert. Gleichzeitig spricht er sich aber beispielsweise für Impfungen aus.
Monatelang hatte niemand im Kanton Notiz von Fischbachers Aktivitäten genommen. Erst, als eine regionale Onlinezeitung einen seiner Beiträge übernahm, wurde man in Ausserrhoden darauf aufmerksam. Dann ging es aber umso schneller. Noch am selben Tag zitierte Regierungsrat und Gesundheitsdirektor Yves Noel Balmer (SP) den Arzt ins Büro, danach gingen die beiden getrennte Wege.

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Der Ausserrhoder Regierungsrat Yves Noel Balmer.

Nicht als Kantonsarzt aufgetreten

Es war offiziell einer der berühmten Fälle von «im gegenseitigen Einvernehmen». Balmer hielt im Nachgang gegenüber den Medien fest, man könne sich nicht als stellvertretender Kantonsarzt gegen Massnahmen des Bundesrats stellen, zumindest nicht in öffentlicher Form. Rainer Fischbacher hatte allerdings alle seine Beiträge in seiner Funktion als privater Hausarzt gezeichnet und nie auf seine kantonale Rolle verwiesen.
Inzwischen scheint der Herisauer über den Verlust hinweggekommen zu sein und spricht offen darüber, was wirklich geschehen ist. Die Trennung sei keineswegs beschlossene Sache gewesen vor dem Gespräch, sagt Fischbacher. Er hätte sein Amt retten können. «Ich hatte die Wahl, solche Äusserungen künftig zu unterlassen oder zurückzutreten.» Regierungsrat Balmer bot ihm also einen Maulkorb an: Schweigen und bleiben – oder gehen. Die entsprechende schriftliche Erklärung lag unterschriftsreif bereit. Und blieb dort liegen.

«Nun erst recht»

Denn ein aufgezwungenes Schweigen war für den Arzt keine Option. Das habe er noch im bewussten Gespräch klargestellt, was seinem Gegenüber keine Wahl liess, wollte er nicht das Gesicht verlieren. Die Trennung, die damit offiziell kein Rausschmiss ist, sondern ein freiwilliger Rückzug, war perfekt.
Inzwischen hat sich Fischbacher für eine Vorwärtsstrategie entschieden. Nachdem er keine öffentliche Funktion mehr bekleide, könne er nun frei agieren, wie er sagt. Tun will er das regelmässig mit Beiträgen in einem regionalen Medium.

«Nicht mehr im Amt und somit nur noch Hausarzt, darf ich nun nach Lust und Laune schreiben über etwas, in dem ich doch recht viel Erfahrung habe und auch oft darüber nachdenke.»

Rainer Fischbacher
Das dürfte dem betreffenden Regierungsrat und seinen Kollegen kaum gefallen. Der Fall Fischbacher und der Umgang der Ausserrhoder Regierung mit der Meinungsfreiheit bleiben in der Öffentlichkeit durch seine mediale Präsenz nun weiterhin ein Thema und geraten nicht in Vergessenheit.
Kommt dazu: Der Hausarzt ist in der Region, in der er seit vielen Jahren praktiziert, sehr beliebt. GesundheitsdirektorYves Noel Balmer, erst seit 2019 im Amt und damals ohne Gegenkandidaten gewählt, dürfte sich mit seiner Entscheidung nicht besonders viele neue Freunde im Kanton gemacht haben. Umso mehr, als Rainer Fischbacher nicht als verantwortungsloser «Aluhut» agierte, sondern nur aus medizinischer Sicht fachlich auf mögliche Fehler hingewiesen hatte.

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