Schickt wenigstens einen Reformierten in den Vatikan!

Schickt wenigstens einen Reformierten in den Vatikan!

Mit ihrer Idee einer ständigen Botschaft im Vatikan wärmen die Bundesräte Parmelin und Cassis einen abgeschlossen geglaubten Kulturkampf zwischen Reformierten und Katholiken neu auf. Im Zeichen der Ökumene sollte der Bundesrat wenigstens einen reformierten Amtsträger in die Vatikanstadt schicken.

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von Martin Breitenstein am 30.6.2021, 09:00 Uhr
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Welcher Teufel mag wohl Bundespräsident Parmelin und Bundesrat Cassis geritten haben, als sie auf die Idee kamen, eine ständige Schweizer Botschaft im Vatikan einrichten zu wollen? Mit diesen Plänen lancieren sie ein Scharmützel in einem längst abgeschlossen geglaubten Kulturkampf. Die eben erst in ihr Amt eingesetzte neue Präsidentin der EKS (Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz) Rita Famos, findet das gar nicht famos. Sie sieht damit das Gleichgewicht zwischen reformierter und katholischer Kirche in der Schweiz gefährdet.
Umstrittene Nuntiatur
Streit gab es auch schon immer um die Nuntiatur, die Akkreditierung eines päpstlichen Gesandten in der Schweiz. 1798, in der Helvetik, wurde der Nuntius ausgewiesen. 1803 wurde die Nuntiatur wieder eingerichtet. Nach einigen Auseinandersetzungen war der Heilige Stuhl im jungen Bundesstaat nur noch durch Geschäftsträger vertreten, die vom eigentlichen diplomatischen Korps abgesondert waren. Im Kulturkampf kam es zum vollständigen Abbruch der diplomatischen Beziehungen.  Auf Betreiben von Bundesrat Giuseppe Motta beschloss der Bundesrat dann 1920 gegen den Widerstand aus reformierten Kreisen die Wiederaufnahme von diplomatischen Beziehungen zum Heiligen Stuhl.
Im Gegenrecht zur Nuntiatur operiert die Schweiz heute im Vatikanstaat mit einer sogenannten Seitenakkreditierung: Der Schweizer Botschafter in Slowenien ist gleichzeitig auch beim Heiligen Stuhl akkreditiert. In der Tat bleibt diffus, warum diese Einrichtung plötzlich nicht mehr genügen und ein eigens dafür abgestellter Botschafter im Staat Vatikanstadt residieren soll. Ob neben höheren Kosten, die mit einer solchen Lösung gewiss wären, auch die aussenpolitischen Worte der Schweiz beim Papst mehr Gewicht erhielten, darf bezweifelt werden.
Schismatischer Charakter
Möglicherweise sieht die nunmehr katholische Mehrheit des Bundesrates in einer solchen Botschaft beim Heiligen Stuhl eine Kompensation für die schweizerische Zweiteilung der katholischen Kirche in Pfarrei, Bistum, Bischofskonferenz einerseits und öffentlich-rechtliche Landeskirchen anderseits. Der damit verbundene Unruheherd zwischen Hierarchie und Demokratie führt immer wieder zu erheblichen Konflikten. So hält z. B. der katholische Kirchenrechtler Martin Grichting (vormals Generalvikar des Bistums Chur) dem staatskirchenrechtlichen System der Schweiz vor, es habe potentiell schismatischen Charakter.
Den grundsätzlich von unten und kantonal organisierten reformierten Landeskirchen fehlt hingegen die überdachende Hierarchie, die sichtbar einen Chef, einen Bischof zeigen würde. Der erste EKS-Präsident Gottfried Locher wälzte deswegen die Idee eines reformierten Bischofs. Er musste dann aber bald aus anderweitigen Gründen abdanken, weil er - wie auch immer - den reformiert-feministischen Tatbestand der «Grenzüberschreitung» erfüllte. Seine Nachfolgerin Rita Famos, muss sich als Prima inter pares im EKS-Rat vor allem mit dem Interessenausgleich unter den Kantonalkirchen begnügen. Deswegen fürchtet sie zu Recht, dass eine ständige Botschaft der Schweiz im Vatikan allein die Katholiken stärken würde, und die Reformierten bloss Zaungäste wären.
Reformierte Eminenz
Wenn der Bundesrat schon einen Botschafter oder eine Botschafterin in den Vatikan schicken will, heisst dies noch lange nicht, dass er oder sie katholisch sein muss. Im Gegenteil: Es wäre ein kluger Zug, wenn man eine oder einen Reformierten mit einer Begabung für die Ökumene schicken würde. Als Vorbild für eine solche reformierte Eminenz fällt mir der seinerzeitige legendäre Basler Römisch- und Kirchenrechtler Johannes Georg Fuchs ein, protestantisch-reformiert, mit Sinn für die Ökumene und der katholischen Universalität mit Bewunderung zugeneigt. Auf den Rom-Reisli mit seinen Studenten durfte eine Audienz beim Papst nie fehlen. Als protestantischer Beobachter setzte er sich im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils auch intensiv auseinander mit dem Katholizismus schweizerischer Prägung und der aufgewerteten Mitbestimmung der Laien.
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