Saures Aufstossen

Saures Aufstossen

Von Rhabarber und sexy Silberfüchsen. Oder wie ein teurer Gefallen «en suure huere Siech» aus mir macht.

image
von Dominique Feusi am 6.5.2021, 19:09 Uhr
image
Im Nachbarhaus im obersten Stock wohnt ein älteres italienisches Ehepaar, das Haus hat keinen Lift, der Schatz trägt ihnen seit Jahren Pakete oder schwere Dinge hoch. Man hilft sich eben. Er findet das nicht erwähnenswert, weil «das doch selbstverständlich ist».
Zum Dank bringt uns die Frau regelmässig Dinge, die wir nicht mögen. Zum Beispiel alle Jahre wieder kiloweise Rhabarber aus dem Garten. Dann sage ich ihr jedes Jahr, dass keiner von uns Rhabarber mag, und dann sagt sie jedes Jahr, dass sie viel zu viel Rhabarber haben und wir doch sicher Freunde hätten, die Freunde des Rhabarbers wären. Worauf ich jedes Jahr feststelle: nein. Kein Schwein reagiert auf meine «Wetsch Rhabarber?»-WhatsApp.

Sollte ich mich an die Strasse stellen und Passanten verführerisch «Rhabarber?» zuflüstern?


In meiner Verzweiflung habe ich schon versucht, den Pöstler und die Frau, die Prospekte bringt, ins Rhabarber-Glück zu zwingen. Vergebens. Sollte ich mich an die Strasse stellen und Passanten verführerisch «Rhabarber?» zuflüstern? Okay, genauer betrachtet ist das eine sehr schlechte Idee.
Auf den Geschmack gekommen
Natürlich versuche ich auch selbst immer wieder, mich dem Rhabarber anzunähern. Geschmäcker verändern sich. Das ist ja das Interessante im Leben, alles fliesst, man wächst aus Altem raus, aber eben auch in Neues rein. Graue Haare und graue Bärte zum Beispiel. Fand ich früher halt einfach alt. Jetzt bin ich selber alt und zum Glück ist mir noch kein grauer Bart gewachsen, aber, zack, plötzlich finde ich Silberfüchse sexy.
Doch der Rhabarber will partout nicht sexy werden. Vielleicht ist die Abneigung genetisch bedingt. Wenn ich reinbeisse, muss ich stets an meinen Grossvater denken, wie er beim Kauen angewidert sein ohnehin schon schmales Gesicht verzog und von Biss zu Biss besorgniserregend Munchs «Der Schrei» zu gleichen begann.

«Dä suur huere Siech!»


Und wie dann irgendwann so sicher wie das Amen in der Kirche seine Schmährede kam: «Dä suur huere Siech!» Worauf ebenfalls so sicher wie das Amen in der Kirche die Ermahnung meiner Grossmutter folgte: «Vati! Red nöd so gruusig!» Worauf mein Grossvater fragte: «Ja wie sölli denn rede, wänni de suur huere Siech frässe muess?»
Doch nun kommt mein eigentliches saures Aufstossen der Woche: Älteren Nachbarn zu helfen und rasch was raufzutragen, scheint leider doch nicht selbstverständlich.
Die Mutter vom Schatz, wir sind nicht verheiratet, vielleicht habe ich deshalb seit 24 Jahren keine Schwiegermutterprobleme, bei uns läuft alles bene, sie ist 80zig, lebt allein, hat aber immer was los, jedenfalls trug der junge Familienvater, der über ihr lebt, mit einem Freund Möbel hoch. Da sei ihr die kleine Kommode, die in der Waschküche stand, in den Sinn gekommen und dass sie die gerne wieder in der Wohnung hätte. Man kennt sich, hat ab und an zusammen auf der Terrasse grilliert. Also habe sie rasch die jungen Männer um Hilfe gebeten, statt uns anzurufen. Die zwei haben die kleine Kommode hoch getragen. So weit, so kulant.
Zock jeden ab, der eine Bitte hat
Doch das desillusionierende Ende kommt noch. Als sie jedem 20 Franken geben will, sagt der eine resolut: «Also 100 brauchen wir schon! Mindestens!» Für zwei Stockwerke. Es ist ein normales Treppenhaus, nichts ist eng, wir sprechen nicht von einem Transport über die Feuerleiter. Auch ist die Kommode nicht aus Eisen, wir haben sie zu zweit runtergetragen und eine Partei, also ich, hat Arme wie ein Schachtelhalm.

Läuft das jetzt so?


100 Stutz? Ernsthaft? Man knöpft der alleinstehenden, älteren Nachbarin 100 Franken für einen vermeintlichen Gefallen ab?
Ich werde «en suure huere Siech!», wenn ich darüber nachdenke. Beide jungen Männer sind Väter, was gibt man da den Kindern für Werte mit? Zock jeden ab, der eine Bitte hat? Läuft das jetzt so? Ich bin noch immer konsterniert.
Ganz ehrlich, ich würde mich schämen. Wahrscheinlich sind meine Vorstellungen vom Zusammenleben antiquiert. Doch auf diesen Geschmack komme ich nicht. Nein, da wachse ich nie rein.

Mehr von diesem Autor

image

Von kriminellen Raben

Ähnliche Themen

image

Nico: Genie der Boshaftigkeit

Markus SommHeute, 14:00comments