Rima über Aktion in Deutschland: «Stars sind sich nicht an Gegenwind gewöhnt»

Rima über Aktion in Deutschland: «Stars sind sich nicht an Gegenwind gewöhnt»

In Deutschland haben sich rund 50 Künstler satirisch über die Coronamassnahmen geäussert. Schon nach wenigen Stunden krebsten viele von ihnen zurück. Im Gespräch über die Aktion mit Marco Rima, der seinen Widerstand seit gut einem Jahr lebt und daran festhält.

image
von Stefan Millius am 26.4.2021, 10:32 Uhr
Marco Rima. (Bild: zVg)
Marco Rima. (Bild: zVg)
Es war eine konzertierte Aktion: Schauspieler und andere Bühnenkünstler verbreiteten Ende letzter Woche unter dem Hashtag #allesdichtmachen gemeinsam Clips, in denen sie die Coronapolitik in Deutschland satirisch und ironisch kommentierten. Das Ganze war professionell geplant und umgesetzt. Wenige Stunden später war die Webseite, auf der alle Videos gesammelt waren, stillgelegt, inzwischen ist sie wieder online, aber dazu wurde eine umfangreiche «Erklärung» publiziert.
Dort heisst es unter anderem:

«Es geht um die Art, wie Staat und Bürger interagieren, und um die Frage, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen. Es geht darum, dass Kritik am Lockdown ein legitimer Standpunkt ist, der sich mit Argumenten und Fakten untermauern lässt. Es geht um den Blick auf die Schäden, die die Corona-Massnahmen auf vielerlei Art anrichten.»

Was genau ist passiert? Der zu erwartende Shitstorm auf Twitter brach los. Selten begründet, stattdessen mit Verweis darauf, dass auch – aber längst nicht nur – AfD-Anhänger die Aktion gut fanden, was natürlich nicht sein darf. Sippenhaftung statt Debatte.
Was die Schauspieler inhaltlich aufwarfen, die schleichende Unterwanderung der Grundrechte in Deutschland, die Kollateralschäden durch die massiven Eingriffe ins gesellschaftliche Leben: Es war kein Thema auf Twitter. Nur, dass sich hier jemand gegen die Regierung stellte – früher eine Kernkompetenz von Künstlern. Dafür mussten sie sich nun in die rechte Ecke stellen lassen. Dass Kritik an der Coronapolitik nichts mit den politischen Polen zu tun hat, müsste inzwischen hinlänglich bekannt sein.

Angst vor dem eigenen Mut

Eine Vielzahl der 50 Beteiligten hat inzwischen einen Rückzieher gemacht und distanziert sich von der Aktion. «Ich habe einen Fehler gemacht, ich war naiv genug zu glauben, mit meinen Kollegen*innen ein gewinnbringendes Gespräch in Gang zu bringen. Das Gegenteil ist passiert», schreibt beispielsweise die Schauspielerin Ulrike Folkerts.
Sie sagt also nicht, dass das, was sie gemacht hat, falsch gewesen sei, sondern dass die Reaktionen anders ausgefallen sind als erhofft. So wie die meisten. Es ist, als würde man ein Theaterstück sofort absetzen, nur weil es nach der Premiere auch einige schlechte Kritiken gab.
Auch Youtube fand das Ganze offenbar brandgefährlich, die Originalclips wurden aus den Suchresultaten gelöscht. Man findet aber Kopien davon immer noch, beispielsweise diese Gesamtübersicht:
Einer, der das alles bestens kennt und dem auch vorgeworfen wird, Applaus von der «falschen» Seite zu erhalten, ist der Schweizer Kabarettist Marco Rima. Er hat die Aktion mit Spannung verfolgt und den möglichen Ausgang geahnt, wie er im Interview sagt.
Marco Rima, was haben Sie als Erstes gedacht, als Sie von der Aktion #allesdichtmachen gehört haben?
Ich hatte bereits vorab mitgekriegt, was geplant ist, weil ich Jan-Josef Liefers persönlich gut kenne. Gerade seinen Beitrag fand ich grossartig, ich habe ihm kurz darauf gratuliert. Aber mir war dort schon klar, was kommen wird, und einige Stunden später traf es ein: Die Aktion wurde von den einen hochgejubelt und von den anderen verrissen.
In der Schweiz ist eine – zumindest kurzzeitige – gemeinsame Aktion von Künstlern bisher ausgeblieben. Sie und Andreas Thiel sind ziemlich allein als Massnahmenkritiker. Warum ging das in Deutschland?
Deutschland ist zunächst einmal ganz banal viel grösser. Und es hat ein anderes System. In unserer direkten Demokratie ist es doch noch ein bisschen schwieriger, das Volk im Würgegriff zu halten. Die deutsche DNA unterscheidet sich von unserer, dort glaubt man stärker an die Obrigkeit. Zudem sind in Deutschland die Massnahmen gegen Corona noch viel heftiger. Aber unterm Strich passiert das Gleiche: Die Menschen werten die Gesundheit so hoch, dass ihnen die Freiheit völlig egal ist. Sie beklatschen die Opposition in Weissrussland oder Myanmar und ärgern sich gleichzeitig, wenn in Rapperswil-Jona Menschen für die Demokratie demonstrieren.
Die Frage bleibt: Warum haben sich gerade jetzt, nach mehr als einem Jahr, in Deutschland so viele Künstler auf einen Schlag gewehrt?
Hinter den Kulissen hat man ja schon länger daran geplant, sich im Geheimen getroffen, darüber gesprochen. Aber es ist nicht einfach, aktiv zu werden. Jede kritische Äusserung wurde bisher immer gleich im Keim erstickt, jeder war ein «Nazi», der die Massnahmen hinterfragte. Wenn der Intendant der ARD die Beteiligten an der Aktion umgehend als persona non grata brandmarkt, sagt das ja alles. Und einige haben sich ja bereits wieder distanziert aus Angst vor den Folgen. Aber es muss doch möglich sein, eine Haltung zu haben, ohne gleich in eine unappetitliche Ecke gestellt zu werden.
Die Distanzierungen einiger Beteiligter im Nachhinein wirken seltsam. Sie hätten ja ahnen müssen, dass es auch viel Kritik an der Aktion gibt. Aber nun ziehen sie sich zurück oder erklären sich wortreich. Ist das für nachvollziehbar?
So ging es mir zunächst ja auch. Es geht dir schon auf den Wecker, wenn du in der Öffentlichkeit als Lügner oder als Mensch ohne Mitgefühl dargestellt wirst. Da möchte man zunächst sehr vieles richtigstellen. Ich habe mich inzwischen entschieden, mich nicht mehr zu erklären. Aber wer sich zum ersten Mal so positioniert, muss zuerst mal klarkommen mit den Reaktionen. Wir sprechen hier ja von beliebten Stars aus dem Fernsehen, die sich nicht an öffentlichen Gegenwind gewöhnt sind.
Es geht hier nicht nur um Kritik auf Twitter, sondern um das Risiko, die eigene Karriere zu zerstören. Wie konkret ist aus Ihrer Sicht diese Gefahr?
Die Aktion wird für den einen oder anderen Konsequenzen haben, keine Frage. Ich habe das selbst ja erfahren, Produktionen wurden mit seltsamen Begründungen abgesagt, Sponsoren sind abgesprungen. Ich habe viele Kollegen, die sich verschuldet haben in den letzten Monaten, weil es nichts zu tun gab. Die können es sich nicht leisten, auch noch den kleinen Rest zu verspielen und sind deshalb vorsichtig. Gleichzeitig haben viele, auch ich, nie etwas von der angekündigten staatlichen Hilfe gesehen.
Hat #allesdichtmachen denn aus Ihrer Sicht irgendetwas gebracht?
Zumindest hat es wieder aufgezeigt, wie unmöglich es ist, sich nur schon kritisch zu äussern. Gerade in Deutschland. Dort gibt es Ausgangssperren die ganze Nacht, Gesundheitsminister Spahn will «Impfweltmeister» werden und so weiter. Kurz: Die deutsche Mentalität will immer überall ganz oben sein und am härtesten auf alles reagieren. Es gibt dort nur Extreme. Wenn sich dem jemand in den Weg stellt, ist das wohl keine gute Idee. Aber es waren Leute darunter, die sehr beliebt sind, ich hoffe schon, dass der Denkprozess bei einigen durch die Aktion angeregt wurde.
Auch aus der Schweiz kamen kritische Stimmen, der Schauspieler Stefan Gubser befand, man dürfe bei einem so ernsten Thema wie Corona nicht satirisch sein.
Ich sage immer: Meine Kollegen sind alle alt genug und dürfen eine Meinung haben und sie sagen. Ich werde nie über andere herziehen. Aber ich staune schon, wie viele Künstler hier die Regierung beklatschen. Wer die offizielle Politik unterstützt, hat es viel einfacher und muss nicht unten durch. Aber ich bin mir sicher, dass die Geschichte eines Tages das Ganze anders bewerten wird. Auch wenn ich das vielleicht nicht mehr erlebe. Ich leiste Widerstand nicht für mich, sondern für meine Kinder. Ich hatte sehr gute 60 Jahre, aber ich will, dass auch sie den Menschen in Zukunft ohne Angst begegnen dürfen – einfach mit einer Umarmung.
  • Schweiz
  • Deutschland
  • Corona
Mehr von diesem Autor
image

«Freiheit nicht durch Impf-Verweigerer verzögern lassen»

image
Stefan Millius, 22.7.2021
comments56