Rentenalter 65 für Frauen: Weshalb die Linke doppelt irrt

Rentenalter 65 für Frauen: Weshalb die Linke doppelt irrt

Linke Organisationen und die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SP) wollen das tiefere Rentenalter für Frauen beibehalten. Sie liegen zweifach daneben.

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von Michael Perricone am 10.6.2021, 18:00 Uhr
Der Frauenstreik 2019 forderte Lohngleichheit, obwohl unklar ist, wie gross die Ungleichheit überhaupt ist. (Bild:  tookitook / Shutterstock.com)
Der Frauenstreik 2019 forderte Lohngleichheit, obwohl unklar ist, wie gross die Ungleichheit überhaupt ist. (Bild: tookitook / Shutterstock.com)
SP, Grüne und Gewerkschaften argumentieren mit der Lohndiskriminierung zwischen Männern und Frauen gegen ein gleiches Rentenalter für beide Geschlechter. Die Linke hält damit an einer Position fest, welche eigentlich ihren zentralen Werten (Gleichheit) zuwiderläuft und so gegen Aussen nur schwer vermittelbar ist. Zumal sich das tiefere Rentenalter für Frauen aus historischer Sicht mitnichten aus dem Streben nach Gleichheit der Frauen in der Gesellschaft ableitet, sondern aus dem puren Gegenteil.
Die Schweizer Linke, welche die Gleichberechtigung auf ihren Bannern so fett schreibt wie keine andere Schweizer Regierungspartei, hält an einer Ungleichheit und Bevorteilung fest, welche heute nicht einmal Frauen uneingeschränkt zustimmen. Eine Online-Umfrage des Tages-Anzeigers (und der Leewas GmbH) unter 14’670 TeilnehmerInnen ergab im Mai 2019, dass 55 Prozent der Frauen Ja oder eher Ja sagen zu einer Erhöhung ihres eigenen Rentenalters auf 65 Jahre.

SP war für ein höheres Frauenrentenalter

Die Vorlage zur AHV- und PK-Reform (Bersets «Altersvorsorge 2020»), die die Schweizerinnen und Schweizer am 24. September 2017 abgelehnt hatten (52.7%) und die eine Erhöhung des Frauenalters auf 65 Jahre beinhaltete, wurde von Männern wie Frauen gleichermassen abgelehnt (52% respektive 53%). Einen Geschlechtergraben gebe es nicht, schreiben die Autoren der Voto-Studie dazu.
Abgelehnt worden ist die Vorlage vor allem wegen eines Zustupfes an die RentnerInnen von monatlich 70 Franken – ausgerechnet also jenem Teil des Kompromisses, welcher zu einem sicheren Volks-Ja hätte führen sollen. 28 Prozent der Nein-Stimmenden gaben dies als Grund an, nur 17% stimmten Nein, weil sie generell gegen die Erhöhung des Rentenalters für Frauen seien. «Ich stehe auch als Frau hinter dieser Vorlage», sagte die SP-Nationalrätin und Gewerkschafterin Barbara Gysi im Abstimmungskampf (Woz, 31. August 2017).
Die Linke ist also gar nicht «kategorisch» gegen eine Erhöhung des Frauenalters (die SP befürwortete offiziell die Berset-Reform), dennoch war die Erhöhung das Hauptargument jener linken Kreise, welche gegen die Altersvorsorge 2020 das Referendum ergriffen: Die Reform werde auf dem Rücken der Frauen gemacht, meinten die referendumsführenden Gewerkschaftssektionen des SGB und der VPOD in der Romandie, wo, zusammen mit linken Kleinparteien, auch die meisten Referendumsunterschriften gesammelt worden sind. Die Frauen würden «unter dem Vorwand der Gleichstellung verpflichtet, länger zu arbeiten». In der Realität aber sei die Gleichstellung noch immer nicht umgesetzt. Die Frauenrenten seien 37% tiefer als jene der Männer.
Ein seltsames Argument, bemisst sich doch die AHV-Leistung an der Anzahl Beitragsjahre und des bezogenen Lohnes und beinhaltet auf der Einzahlungsseite kein geschlechterspezifisches Berechnungskriterium. Selbst der damalige SGB-Chef Paul Rechsteiner musste seine welschen GenossInnen diesbezüglich belehren und darauf hinweisen, dass die durchschnittlich tiefere Frauenrente vor allem daraus entstehe, dass Frauen viel mehr Teilzeit arbeiteten.
Die Linke und die SP argumentieren gegen eine Gleichstellung des Rentenalters eben fast ausschliesslich genau mit der Gleichstellung. So sagte SP-Frau Barbara Gysi im selben Interview, in dem sie die Altersvorsorge 2020 als Ganzes verteidigte, dass die Rentenaltererhöhung hinsichtlich ungleicher Löhne für Mann und Frau ungerecht sei und die ganze Vorlage bloss ein Kompromiss, den man habe schlucken müssen: «Dass die Frauenlöhne nach wie vor tiefer sind», beklagt sich Gysi und nimmt Bezug auf die parlamentarischen Verhandlungen, «liess man nicht gelten. Das wurde in der Diskussion teils negiert, auch von bürgerlichen Frauen.»

Nur ein politisches Pfand

Die Lohngleichheit also ist schuld. Sie sei 40 Jahre nach Einführung des Gleichstellungsartikels in der Bundesverfassung noch immer nicht erreicht. Die Angleichung des Rentenalters ist das wichtigste Pfand in den Händen der Linken, um Lohngleichheit einzufordern. Wo an einem Ort Ungleichheit herrscht – so muss diese Argumentation auf den Punkt gebracht werden –, darf es an einem anderen keine Gleichheit geben. Neu ist noch das Argument der unbezahlten Care-Arbeit hinzugekommen, welche Frauen leisten würden. Hundert Milliarden Franken seien das schon, meint Manuela Honegger, Mitinitiantin des Referendums gegen die Altersvorsorge 2020.
Dabei hätte gerade die aufgeschlossene SP, der der Erhalt des Generationenwerkes AHV so wichtig ist, bereits im Abstimmungskampf merken können, dass der Wind gedreht hatte. Die Erhöhung des Frauenalters wurde zwar von linker Seite immer wieder ins Feld geführt – allein: Im Abstimmungskampf war der 70-Franken-Kompromiss als Diskussionspunkt zentraler als die Rentenaltererhöhung. So bemerkte der Tages-Anzeiger bereits Ende August 2017, fast einen Monat vor Abstimmungstermin: «Über die Erhöhung des Frauenrentenalters, das 1,4 Milliarden Franken an die AHV beisteuert, geht man hinweg wie über den Wechsel einer Jahreszeit: Ist halt so. Geht gar nicht anders.» Die Kontroverse um das Frauenrentenalter habe ihre ideologische Schärfe verloren.

Frauen profitieren von der AHV

1948 startete die AHV mit einem paritätischen Rentenalter von 65 Jahren für beide Geschlechter. Verheiratete Frauen wurden von Beginn weg mittels Ehepaarrente gegenüber unverheirateten Frauen und Männern bevorzugt. Grundsätzlich aber war die AHV als Sozialwerk mit starkem Ausgleich (Umverteilungseffekt) von oben nach unten konzipiert. Während die AHV-Abzüge prozentual auf den ganzen Lohn bezahlt werden müssen und also für Geringverdiener tiefer, für Vielverdiener hingegen gegen oben unbegrenzt höher sind, ist die ausbezahlte Rente gedeckelt: Egal, wie viel jemand während seiner Lebensarbeitszeit aufgrund seines Arbeitslohnes in die AHV einbezahlt, die Maximalrente ist auf das Doppelte der Minimalrente beschränkt (heute maximal 28’500 Franken pro Jahr). Da Frauen gemäss SP noch heute im Schnitt weniger verdienen, profitieren sie demnach auch mehr von der AHV als Männer. Konkret: 2018 bezahlten Frauen 34% der AHV-Beiträge ein, bezogen aber (auch aufgrund der höheren Lebenserwartung) 55% der Leistungen.

«Ihre (der Frau) Körperkräfte lassen im allgemeinen früher nach, weshalb sie oft schon vorzeitig zur Aufgabe oder zur Einschränkung der Erwerbstätigkeit gewungen ist.»

Botschaft des Bundesrates zur 4. AHV-Revision 1956


1956 initierte der Bundesart mit Unterstützung des Parlamentes die Senkung des Frauenalters von 65 auf 63 Jahre. Weshalb sollten alle Frauen fortan bevorzugt in Rente gehen dürfen? Die Gründe waren ebenso paternalistisch aufgeladen wie sie aus heutiger Sicht schlicht unhaltbar sind. So schreibt der Bundesrat in seiner Botschaft zur 4. AHV-Revision vom 25. Juni 1956 (Zitat): «Ihre (der Frau) Körperkräfte lassen im allgemeinen früher nach, weshalb sie oft schon vorzeitig zur Aufgabe oder zur Einschränkung der Erwerbstätigkeit gewungen ist.» Und: «Physiologisch betrachtet ist die Frau vielfach trotz hörerer Lebenswerwartung dem Mann gegenüber im Nachteil.» Es bestehe deshalb, «ein soziales Bedürfnis nach der Vorverlegung des Rentenalters der Frau, das sich insbesondere bei Frauen zeigt, die körperlich arbeiten müssen (…)».
Frauenverbände forderten 1956 sogar eine Senkung auf 60 Jahre, was Mehrkosten von damals 80 Millionen Franken jährlich nach sich gezogen hätte. Der Bundesrat schlug schliesslich eine Senkung für Frauen auf 63 Jahre vor, was bis 1964 (Senkung auf 62 Jahre) galt. Begründet wurde die Senkung 1956 auch mit der tatsächlichen Schlechterstellung alleinstehender Frauen gegenüber verheirateter Frauen und Männern. Weil aber verheiratete Frauen, hätten sie nicht auch von der Senkung profitiert, dann wiederum eine Benachteiligung hätten geltend machen können, blieb es beim neuen tieferen Rentenalter für alle Frauen.

Überbleibsel der Ungleichheit

Das tiefere Rentenalter für Frauen geht also nicht von der Gleichheit von Mann und Frau aus, sondern von der Ungleichheit beider Geschlechter. Von der Ungleichheit bezüglich Stellung in der Familie (Ernährer versus Hausfrau) und im Beruf (Chef versus Assistentin). Selbst bei einem der fundamentalen Gleichheitsthemen wie der Ausbildung (Chancengleichheit) war die Ungleichheit damals noch selbstverständlich: 1956 war der hauswirtschaftliche Unterricht (Handarbeit) für Mädchen noch immer in der Hälfte der Kantone obligatorisch (für Knaben nicht) und noch 1980 betrug die Maturitätsquote junger Frauen in der Schweiz 9%, heute liegt sie bei 26% (Männer: 12% / 17%).
Dass die Frauen heute früher in Rente gehen können, entspringt also dem Rollen-, Familien- und Frauenbild der 50er Jahren. Das wird in der Diskussion fast vollständig unterschlagen und sollte gerade der Linken zu Denken geben: Das tiefere Frauenrentenalter ist Ausdruck eines antiquierten und überholten Rollenbildes. Und dennoch verteidigen die Gleichstellungspartei SP und andere linke Organisationen noch heute diesen politischen Entscheid von damals, der notabene ausschliesslich von Männern beschlossen worden ist.

Patriarchales Weltbild

Aus feministischer Sicht müssten die Frauen von sich aus die Abschaffung des tieferen Frauenrentenalters fordern, denn es fusst argumentativ in einem patriarchalen Weltbild, in dem Frauen schlicht schwächer sind.
Dennoch halten viele Linke – Frauen und Männer – am tieferen Frauenrentenalter fest. Als Pfand eben, um die Lohngleichheit einzufordern. Noch immer argumentieren viele VertreterInnen der SP und der Linken, der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau betrage in der Schweiz 20 Prozent. Die Gewerkschaft Unia setzte 2019 in ihrer Kampagne für den Equal Pay Day auf diese Zahl. Deren Präsidentin, Vania Alleva, rief zum Frauenstreik im Juni 2019 ebenso mit dieser Zahl auf. Auch die SP Schweiz, die einflussreichste Gruppierung für Gleichstellungsanliegen im Parlament, bezieht sich in ihren Kampagnen und in ihrer Bundespolitik immer wieder auf diese Zahl. Sie wird zum Beispiel in der Vernehmlassungsantwort der Partei zum Gleichstellungsgesetz 2015 als Hauptargument aufgeführt (das Gesetz trat im Juli 2020 in Kraft und führte das Lohnmonitoring für Firmen mit über 100 Angestellten ein).

Lohnunterschied wird überzeichnet

Bei näherer Betrachtung aber verfängt nicht einmal dieses Pfand-Argument. Der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau beträgt zwar rund 20 Prozent, aber nicht für gleiche Arbeit. Diese Zahl hat nur dann Bestand, wenn man Arbeitsstundenzahl, Branchen und Ausbildungsgrad der Arbeitstätigen völlig ausblendet – also Äpfel mit Birnen vergleicht.
Mit diesem in grossen Teilen erklärbaren Lohnunterschied von 20 Prozent, welcher sich notabene in den letzten Jahren verringert hat, kann also weder von einem ökonomischen noch einem politischen Standpunkt aus seriös argumentiert werden.
Der unerklärbare Lohnunterschied – also der Anteil, bei dem von einer Lohndiskriminierung ausgegangen werden könnte – beträgt in der Schweiz nach den Erhebungen des Bundesamtes für Statistik nur 7.4 Prozent und nicht 20. Das ist jener Lohn(ungleichheits)anteil, welcher durch objektive Faktoren wie Beschäftigungs- und Ausbildungsgrad oder Branche nicht einfach erklärt werden kann.
Nur, selbst diese Zahl ist in der Realität wohl noch tiefer. Das BfS berücksichtigt in seinen Erhebungen zwar die «potenzielle Berufserfahrung», den Zeitraum, der zwischen Ausbildung und Alter liegt. Karriereunterbrüche (Schwangerschaft mit Auszeit) oder reduzierte Pensen (ein oft geschlechtsneutraler Hemmschuh für Karrieren und damit Lohnsteigerung) werden jedoch nicht einbezogen.

Erfahrung nicht abgebildet

Die tatsächliche Erwerbserfahrung – die Anzahl Jahre also, in denen jemand tatsächlich in einem Beruf gearbeitet hat und eben nicht nur «potenziell» – ist bei der mutmasslichen Lohndiskriminierung von 7,4 Prozent nicht abgebildet.
Auch nicht abgebildet ist, in welchem Fachgebiet die höchste Ausbildung abgeschlossen worden ist, ein Faktor, welcher in der wissenschaftlichen Literatur zum Thema ein hohes Erklärungspotential hat. Auch Jobwechsel oder die physische Leistungsfähigkeit werden im Berechnungsmodell des BfS nicht verarbeitet.
Ebenso fehlen in den Lohnerhebungen des BfS Führungserfahrung, Weiterbildungen oder Sprachkenntnisse, wie eine Studie der Universität St. Gallen, im Auftrag des Eidgenössisches Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann entstanden, 2015 akribisch feststellt. Zwar besagt die Studie, dass Variablen wie Berufs- und Führungserfahrung, Weiterbildungen, Sprachkenntnisse und Beschäftigungsgrad möglicherweise nur einen geringen Einfluss hätten und dass der Erhebungsaufwand beträchtlich sei. Sie zeigt aber vor allem auf, dass «existierende Daten keine oder nur unzureichende Informationen zur Erwerbserfahrung» einer Person liefern. Oder dass es «fast unmöglich sei», persönliche Präferenzen wie zum Beispiel den Wunsch, im Job mehr Verantwortung zu tragen (Karriere/Lohnsteigerung), objektiv zu messen. «Lässt man in der Analyse solche lohnrelevanten Merkmale aus, ist der unerklärte Anteil der Lohnungleichhheit höher als die tatsächliche Lohndiskriminierung und letztere wird überschätzt», schreiben die AutorInnen. «Den unerklärten Anteil der Lohndifferenzen rein als Lohndiskriminierung zu interpretieren ist auf Basis einer statistischen Analyse nicht möglich.»
Auch werden Gründe aufgeführt, die in der statistischen Betrachtung zum Unterschätzen der Lohndiskriminierung führen können, was zeigt, dass eine Lohndiskriminierungsprozentsatz von 7,4 Prozent zwar nach genauer Messung klingt, diese aber allenfalls eine Annäherung an die realen Zustände sein kann.

Unklar ob Diskriminierung vorliegt

Kurzum, dass es nach wie vor in einigen Branchen einen unerklärbaren und somit möglicherweise diskrimminierenden Lohnunterschied gibt, ist schwierig zu messen und entsprechend schwierig nachzuweisen. Wenn es den unerklärbaren Lohnunterschied zwischen Frau und Mann gibt, bewegt er sich höchstens im einstelligen Bereich und nicht bei jenen 20 Prozent, welche immer wieder als Pfand gegen die Angleichung des Frauenrentenalters ins Feld geführt werden. Und ob beim unerklärbaren Lohnunterschied geschlechterspezifische Diskriminierung vorliegt (also eine beabsichtigte Benachteiligung), besagen die Zahlen nicht.
Die SP und die gesamte Linke müssen sich fragen, ob sie die ins Auge stechende und immer weniger verstandene Rentenalter-Ungleichheit weiterhin mit Verweis auf eine andere Ungleichheit verteidigen wollen, deren nachvollziehbare Ausweisung nicht einmal statistisch sauber gelingt.
Das Pfand Rentenalter, um das die Linke noch immer tanzt, nützt sich ab. Es macht die Regierungspartei SP mit ihrem Gleichheitsabsolutismus unglaubwürdig und bedeutet für die jüngere Generation eine Hypothek.

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