Somms Memo

Rekordzuwanderung in Sicht. Wie lange soll das gutgehen?

image 8. Juli 2022, 10:00
Menschen in der Schweiz. Wann ist es genug?
Menschen in der Schweiz. Wann ist es genug?
Die Fakten: Die Zuwanderung in die Schweiz hat wieder zugenommen. 2022 dürften netto über 70 000 Menschen immigrieren.

Warum das wichtig ist: Seit 2002 die Personenfreizügigkeit eingeführt worden ist, sind jedes Jahr mindestens 40 000 Menschen eingewandert. Auf Dauer dürfte das nicht gutgehen.


Wenn das SECO, das Staatssekretariat für Wirtschaft, jeweils die neuesten Zahlen zur Zuwanderung vorlegt, dann kommen gewisse Aussagen so sicher wie das Amen in der Kirche, so auch gestern
  • Allfällige Ängste der Einheimischen sind zwar verständlich, doch sie erweisen sich als unbegründet. Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch, Direktorin des SECO: «Es zeigte sich, dass die Arbeitskräfte aus der EU die einheimischen Arbeitskräfte gut ergänzten
  • Die Zuwanderer nehmen uns also nicht die Arbeit weg, selbst in der Krise nicht. Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit im SECO: «Die Arbeitskräfteeinwanderung verhielt sich in diesem Zeitraum genau gegenläufig zur Arbeitslosenquote: Sie ging nämlich bei steigender Arbeitslosigkeit zurück und umgekehrt. Der Rückgang der Einwanderung in der Krise wirkte entlastend»
Tatsächlich kann Zürcher das gut aufzeigen. Stottert die Wirtschaft, wandern weniger Leute ein, boomt sie, boomt auch der Zuzug. Ebenso stimmt, dass die Arbeitslosenquoten der Schweiz seit 2002 nie in drastische Höhen geschnellt sind, und vor allen Dingen gilt jetzt:
  • Die Unternehmen suchen geradezu verzweifelt nach Arbeitskräften. Der Post-Corona-Boom füllt zwar die Auftragsbücher, doch manch eine Firma kann die Aufträge kaum mehr ausführen, weil es an Personal mangelt
  • Und dies trotz rekordverdächtiger Einwanderung aus der EU

Müssten also noch mehr Leute zuziehen? Wenn es nach den Unternehmen geht, sicher; wenn man sich bei den Einheimischen erkundigt, eher nicht.
Denn ebenso trifft halt zu:
Seit wir die Personenfreizügigkeit mit der EU in Kraft gesetzt haben (2002 mit den alten EU-Ländern, seither stiessen weitere neue Mitgliedstaaten dazu), wanderten jedes Jahr mindestens 40 000 Leute mehr ein, als dass wieder auswanderten. Es ergab sich mit anderen Worten stets eine sogenannte «Netto-Zuwanderung».
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Wobei ich hier von der gesamten Einwanderung spreche, also auch die Zuzüger von ausserhalb der EU berücksichtige. In der Regel stammen gegen zwei Drittel der Immigranten aus der EU sowie der EFTA (Island, Liechtenstein, Norwegen) und etwa ein Drittel aus den übrigen Ländern dieser Welt, mit Schwankungen natürlich, wie die aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2021 zeigen, die das SECO gestern vorgelegt hat:
  • 35 900 wanderten aus der EU/EFTA ein (netto)
  • 26 600 aus Drittstaaten

Im laufenden Jahr 2022 dürften sich diese Zahlen noch deutlich steigern.
Zwar nennen die Behörden keine Zahlen, vielleicht, weil sie sich nicht recht trauen, zumal schon nur seit Januar bis Mai 30 Prozent mehr Leute eingewandert sind als vor einem Jahr, so dass man mit einer Netto-Zuwanderung von über 70 000 Menschen rechnen kann.
Eine hohe Zahl, die noch höher wirkt, wenn man daran denkt, dass nächstes Jahr Wahlen sind. Bestimmte Parteien dürften diese Rekordwerte mit Interesse zur Kenntnis genommen haben.
Doch es geht hier nicht um Wahlkampf.
Wer meint, dieses Ausmass der Zuwanderung werde von den Einheimischen auf Dauer akzeptiert, solange sie nur nicht zu höheren Arbeitslosenzahlen führt und die Wirtschaft danach verlangt, lügt sich in die Tasche.
Seit 2002 kam jedes Jahr eine mittlere Stadt dazu.
Einmal so gross wie Bellinzona, einmal wie St. Gallen, und wenn wir die 60 000 Flüchtlinge aus der Ukraine dazu zählen, dann kann es sein, dass die Schweiz im nächsten um eine Stadt wie Bern gewachsen ist. Das ist die Bundesstadt, wo die Beamten leben, die offenbar meinen, ihre eigene Stadt liesse sich beliebig vervielfachen.
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Und jedes Jahr ein neues Bern? Berner Altstadt im Jahr 2021.
Wenn wir uns vorstellen, was eine solch beachtliche Zahl von zusätzlichen Einwohnern an neuen Wohnungen, Schulen, Spitälern, Bahnen und Strassen nach sich zieht, dann wird erst klar, wie schwer das auf längere Sicht den Menschen in diesem Land zu vermitteln sein dürfte
Wann hat die Schweiz in ihrer Geschichte jedes Jahr eine neue Grossstadt gebaut?
Die Frage stellen, heisst sie beantworten.
Was ist zu tun?
  1. Wenn uns Arbeitskräfte fehlen, obwohl immer mehr kommen, dann stimmt etwas bei den Unternehmen nicht. Könnte es sein, dass manche älteren Arbeitnehmer, die nicht mehr ganz dem Profil des Digital Native entsprechen, zu rasch in die Frühpensionierung gedrängt werden? Es herrscht ein Kult der ewigen Jugend
  2. Wenn ein grosser Teil unseres akademischen Nachwuchses bloss Teilzeit arbeiten will, dann muss man sich nicht wundern, dass wir stattdessen ehrgeizige und arbeitswillige Ärzte aus Polen und Bulgarien anstellen. Hinzu kommt: Wir bilden zu viele Akademiker aus, die viel reden, aber wenig tun – und zu wenige Berufsleute, die etwas können
  3. Der Staat macht der privaten Wirtschaft unnötig Konkurrenz: die Löhne im öffentlichen Sektor liegen höher, was nicht sein darf, vor allem lockt der Staat mit Wohlfühl-Arbeitsbedingungen, kürzere, regelmässigere Arbeitszeiten, mehr Ferien, weniger Stress: das lockt Köche in Altersheime, Chauffeure in integrative Stiftungen, Elektriker in Spitäler, Journalisten in die Bundesverwaltung
  4. Grosse Unternehmen sollten über die Bücher. Oft wird besinnungslos im Ausland rekrutiert, was damit zusammenhängt, dass sie allzu sehr auf ihre HR-Abteilungen vertrauen, wo inzwischen Mitarbeiter aus dem Ausland vorherrschen, die noch mehr Ausländer anstellen, weil sie dort ihre Netzwerke besitzen

Sollten die private Wirtschaft und der Staat sich ausserstande erweisen, selber die Nachfrage nach immer mehr Zuwanderern zu drosseln, dann dürfte irgendwann das Volk die Bremse ziehen, dann aber entschlossen und stur, auf eine Art und Weise, die uns allen schadet.
Wir brauchen kluge, ehrgeizige, tüchtige Einwanderer – aber alles ist eine Frage des Masses.
Ganz gemäss einem alten Sprichwort, das so alt wirkt, wie es modern ist:
«Nähre dich von Brot und Butter, bis Gott dir den Schinken dazu gibt!»

Ich wünsche Ihnen ein perfektes Wochenende Markus Somm

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