Reise nach Madeira – das eine Hölle war, bevor es zum Paradies wurde

Reise nach Madeira – das eine Hölle war, bevor es zum Paradies wurde

Kaum jemand ist sich heute noch bewusst, warum es in Amerika Sklaven gab. Alles begann mit dem Zucker. Doch das Böse fing in Madeira an. Ein Bericht.

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von Markus Somm am 23.10.2021, 03:02 Uhr
Schroff, unbewohnt, nutzlos. Als die Portugiesen 1419 Madeira besetzten, taten sie es nur aus strategischen Gründen. Bald verdienten sie hier viel Geld.
Schroff, unbewohnt, nutzlos. Als die Portugiesen 1419 Madeira besetzten, taten sie es nur aus strategischen Gründen. Bald verdienten sie hier viel Geld.
Erster Eindruck nach der Landung in Madeira: Gott sei Dank hat die EU die Verlängerung dieser Piste finanziert! Nachdem der Flughafen jahrelang als der gefährlichste der Welt gegolten hatte, und nur Piloten mit einer Sonderausbildung ihn anfliegen durften, erbarmte sich Brüssel: die Piste, die sich jetzt dem Meer entlang auf Dutzenden von Betonpfählen in die Länge zieht, war früher so kurz, dass manch ein Passagier wohl einen letzten Rosenkranz betete, wenn er aus dem Fenster blickte. Dass die Piste so halsbrecherisch konzipiert war, lag nicht an südländischer Schlamperei, sondern an der Topografie. Auf dieser Insel, die aus erloschenen Vulkanen hervorgegangen ist, gibt es so gut wie keine grössere Ebene.
Heute ist die Landung in Funchal auf Madeira ein Sonntagsspaziergang. Wir steigen aus, ohne dass uns die Knie vor überstandener Angst noch schlottern würden und erleben überrascht, wie effizient die Portugiesen die Einreise unter Corona-Bedingungen gestalten. Junge Studentinnen und Studenten überprüfen innert Sekunden unser Impfzertifikat, töggeln auf einem Ipad die persönlichen Daten ein, lächeln und erkundigen sich nach unseren Reiseplänen – ohne dass sie das etwa mussten: Willkommen auf der Blumeninsel im Atlantik, 1000 km südlich von Lissabon, fast auf der Höhe von Marrakesch. Die Impfquote, da sei zugegeben, beläuft sich auf 92 Prozent. Ein Rekord in Europa, sofern er stimmt.

Koloniale Vergangenheit

Meine Frau und ich verbrachten eine Woche mit Wandern in Madeira – und wie immer, wenn man zum ersten Mal an einem neuen Ort ist, fällt einem sehr viel mehr auf als beim zweiten Mal, wenn sich auch manches hinterher als falsch herausstellen sollte. Was mich am meisten erstaunte: Die Insel kommt einem nach wie vor kolonial vor, man fühlt sich an Südamerika erinnert, nicht bloss, weil die Topografie für europäisches Empfinden ungewohnt spannungsreich ist – tiefe Schluchten, Dschungelähnlicher Wald, endlose Wasserfälle – sondern weil alles, was der Mensch hingestellt hat, sehr jung erscheint. Wenn man sich in Madeira bewegt, trifft man kaum auf ältere Häuser, vieles ist hübsch herausgeputzt, anderes wirkt ruiniert, wenn nicht schäbig, obschon man sieht, dass es erst ein paar Jahre alt sein kann. Eine Kolonie. Neuland – und das war Madeira ja auch. Im Grunde genommen handelt es sich um die erste europäische Kolonie. Und alles: das Triumphale und das Brutale, das den europäischen Kolonialismus auszeichnen sollte, fand hier in Madeira zum ersten Mal statt. Madeira, die liebliche Blumeninsel, war ein Experimentierfeld des Grauens und der Innovationslust zugleich. Hier versklavten die Portugiesen zum ersten Mal Afrikaner im grossen Stil.
1419 von portugiesischen Seefahrern zufällig entdeckt, als ein Sturm ihr Schiff vom Kurs abgebracht hatte – und sie wirklich nur mehr beten konnten –, war die Insel damals unbewohnt. Kein Mensch lebte hier – obwohl Madeira schon antiken Seeleuten bekannt gewesen war. Doch, wie gesagt, die Topografie erwies sich als abweisend. Warum sollte man hierbleiben? Weit draussen im Niemandsland des Atlantiks? Kein Mensch bei Verstand kam auf diese Idee.
Die Portugiesen wussten warum. Schon seit längerem auf der Suche nach dem Seeweg nach Indien, erkannten sie sogleich den militärisch–strategischen, nautischen Wert der Insel. Es war eine Zwischenstation auf einer Strecke ins Paradies. Deshalb nahm man in Kauf, dass man eine Insel kolonisieren musste, die sich eigentlich für menschliches Leben nicht eignete. Um die Insel im Besitz der portugiesischen Krone halten zu können, war es nötig, dass Leute hierherzogen – und es fällt schwer, sich vorzustellen, wie die Portugiesen das fertigbrachten. Immerhin befinden wir uns im 15. Jahrhundert. Wer in aller Welt mochte in den Atlantik hinausziehen – zumal unklar schien, wovon man sich hier ernähren sollte? Kaum eine Fläche bot sich für den Anbau an. Und erst nach langem Ausprobieren stiessen die Portugiesen auf das Zuckerrohr, das hier bestens wuchs. Damit kamen auch die Sklaven nach Madeira.
Entgegen der Vorstellung, wie sie sich heute verbreitet hat, war die Sklaverei keine Erfindung der Europäer – im Gegenteil: Westeuropa war im späten Mittelalter zur einzigen Region der Welt geworden, wo es so gut wie keine Sklaven mehr gab. Vielmehr ist die Sklaverei, eine grauenhafte Institution, fast so alt wie die Menschheit selbst – und sie hielt sich nie an Grenzen oder Rassen. Sie war universal. Jeder Mensch konnte versklavt werden. Was den meisten Zeitgenossen ebenso wenig vertraut sein mag, ist die Tatsache, dass die riesigen Sklavenplantagen, wie wir sie heute mit Amerika in Verbindung bringen, nicht in Amerika entstanden sind, sondern im Mittelmeer, auf Inseln, die wir heute wie Madeira nur noch als Ferieninseln kennen: auf Kreta, auf Rhodos, auf Malta, auf Sizilien oder Zypern.

Süsse Verführung

Alles begann mit dem Zucker. Als die Kreuzfahrer im 11. Jahrhundert die Muslime mit Krieg überzogen, um das Heilige Land für die Christenheit zurückzuerobern, lernten sie endlich das Zuckerrohr kennen, eine Pflanze aus Südostasien, die die Araber schon vor Jahrhunderten via Indien in den Nahen Osten eingeführt hatten. Wenn es ein Produkt gab, das auf Anhieb die Menschen für sich einnahm, dann Zucker; die Kreuzritter nannten ihn zunächst das «süsse Salz», weil sie nicht fassen konnten, dass ein Pulver so anders schmeckte, aber so ähnlich aussah wie Salz. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man in Europa im Wesentlichen nur Honig gekannt, um Speisen zu süssen, so dass es kaum erstaunt, wie beliebt der Zucker hier wurde, sobald die Kreuzritter erste Proben davon nach Hause brachten.
Allerdings war Zucker teuer. Das lag daran, dass die Gewinnung von Zucker aus dem Zuckerrohr sich als sehr arbeitsintensiv erwies. Um einen halben Hektar Zuckerrohr zu kultivieren, rechnete man mit einem Arbeiter, der zudem eine mühsame, ermüdende Tätigkeit auf sich nahm. Hinzu kam, dass das Zuckerrohr das ganze Jahr hindurch bewässert werden musste und der Anbau daher sehr viel Wasser verbrauchte. Kostspielige Anlagen war dazu nötig. Schliesslich war Zuckerrohr schwer und sperrig, so dass es sich kaum lohnte, die Ernte zu transportieren. Vielmehr musste noch vor Ort der Zuckersaft aus dem Rohr gepresst werden und eingekocht werden. Deshalb baute man die Zuckerfabriken praktisch auf dem Feld, was wiederum nicht ganz billig war. Immerhin stiess der Zucker auf eine solch grosse Nachfrage, dass man dafür auch sehr hohe Preise durchsetzen konnte.

Der Ursprung der Plantage

Es war ein gutes Geschäft, aber es war ein Geschäft, das beträchtliche Investitionen voraussetzte, viel Land erforderte und noch mehr Wasser: Das konnte sich nicht jeder kleine Bauer leisten. Es war ein Geschäft wie gemacht für Grossgrundbesitzer. Schon die Araber hatten deshalb weitläufige Plantagen angelegt, um Zucker zu gewinnen. Dafür benötigten sie viel Personal, und wie immer in solchen Fällen, wenn es nicht an Kapital, aber an Arbeitskräften fehlte, setzten sie auch auf Sklaven, sofern sie nicht genügend freie Arbeiter rekrutieren konnten. Dieses Plantagensystem sollte weltweit Schule machen. Am Ende breitete es sich bis nach Amerika aus.
Denn kaum hatten sich die Europäer im Orient festgesetzt, begannen auch sie, Zuckerrohrplantagen zu betreiben, und als sie wieder vertrieben wurden, nahmen sie das Know-how mit. Besonders die Venezianer und die Genuesen, die das Zuckergeschäft binnen Kurzem zu monopolisieren wussten, legten nun Plantagen auf zahlreichen Mittelmeerinseln an, – alles Orte, wo sie kaum Arbeiter fanden.
Das ist nicht überraschend. Solange es kaum einen freien Arbeitsmarkt gab, oder nur einen sehr beschränkten, fiel es einen Unternehmer oft schwer, Arbeitskräfte zu finden. Wenn, wie im Süden Europas, noch archaische Ordnungen dafür sorgten, dass kein Bauer eine falsche Bewegung machen konnte, sofern es seinem adligen Oberherrn nicht gefiel, dann stellte es sich als ganz unmöglich heraus, dass ein Unternehmer ausreichend Personal für seine Plantage aufspüren konnte – selbst, wenn er sich redlich darum bemüht hätte.
Doch in der Regel tat er das nicht. War es nicht viel einfacher, auf Sklaven zurückzugreifen? Die meisten holten die Venezianer und Genuesen in Russland und am Schwarzen Meer oder von noch weiter her: Slawen, Griechen, Tataren, ja Mongolen, gerne auch muslimische Kriegsgefangene. Als ob sich die beiden Seefahrerstädte nicht schon auf allen denkbaren Gebieten gemessen hätten, lieferten sie sich nun auch einen Wettbewerb um Sklaven. Es war eine zwiespältige Revolution. Zu diesem Zeitpunkt, im Mittelalter, war die Sklaverei im Westen nördlich der Alpen faktisch ausgestorben, während sie im Mittelmeerraum zwar noch existierte, aber Sklaven kaum in der Landwirtschaft vorkamen. Erst die Zuckerplantagen brachten die Sklaverei auf die Felder der Mittelmeerinseln zurück.

Madeira als Labor für Amerika

Schliesslich drängten die Genuesen immer weiter in den Westen, mit der Absicht, das Monopol der Venezianer im östlichen Mittelmeer zu durchbrechen; sie beteiligten sich an Plantagen in Granada und versuchten, an der Algarve Zuckerrohr anzubauen, bald verbanden sie sich mit den Portugiesen und sie inspirierten die Spanier. In beiden fanden sie gelehrige Schüler. Die Portugiesen besetzten Madeira – und zogen Zuckerplantagen hoch, finanziert von den Genuesen, die Spanier übernahmen die Kanarischen Inseln, – wo sie das gleiche machten, wieder unterstützt von den Genuesen, endlich landeten die Portugiesen in Brasilien – und die einzige wirtschaftspolitische Massnahme, die ihnen einfiel, war die Einführung des Zuckerrohrs – und der Sklaverei. Dass der berühmte Berg von Rio de Janeiro Zuckerhut heisst, kommt nicht von ungefähr. Brasilien wurde zum Zuckerland schlechthin.
Im Laufe dieses Transfers in die Neue Welt änderte sich dieser Plantagen-Komplex nur in einem Punkt, aber einem wesentlichen: Schon in Madeira hatten die Portugiesen vorwiegend afrikanische Sklaven auf ihren Plantagen zum Einsatz gebracht, vermutlich weil es billiger war, sie im nahen Afrika zu kaufen, als vom Schwarzen Meer hierher zu bringen. Die «Innovation» setzte sich durch. Es begann der lange, fürchterliche Leidensweg der Afrikaner nach Amerika.
Madeira, die Ferieninsel, war einst ein Labor der Sklaverei. Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Auch Nachkommen der einstigen afrikanischen Sklaven sieht man hier nicht – und doch fühlt sich die Insel noch heute wie eine Kolonie an. Eine schöne – ohne Zweifel – mit einer dunklen Geschichte. Ich kann Madeira jederzeit nur empfehlen.

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