Ehe für alle: Wie gut geht es Regenbogenkindern wirklich?

Ehe für alle: Wie gut geht es Regenbogenkindern wirklich?

Kinder aus homosexuellen Beziehungen hätten es gleich gut wie Kinder mit Vater und Mutter – das sei eindeutig. So stellen es Politiker, Medien und zahlreiche Forscher vor der Abstimmung über die «Ehe für alle« dar. Doch ein Blick in die Wissenschaft lässt Zweifel am angeblichen Konsens aufkommen.

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von Alex Reichmuth am 21.9.2021, 07:00 Uhr
Das Stimmvolk muss entscheiden, ob Kinder geplant vaterlos aufwachsen sollen. Bild: Keystone
Das Stimmvolk muss entscheiden, ob Kinder geplant vaterlos aufwachsen sollen. Bild: Keystone
Es dauert nur noch wenige Tage, bis das Schweizer Stimmvolk über die «Ehe für alle» abstimmt. Und es wird mit harten Bandagen gekämpft. Besonders umstritten ist die Samenspende, die bei einer Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare neu auch lesbischen Partnerschaften offenstehen soll. Kommt die Vorlage durch, wird das geplante vaterlose Aufwachsen von Kindern erstmals im Gesetz verankert (siehe hier).
Die Gegner der gesetzlichen Anpassung bemängeln, es sei nicht hinzunehmen, Kindern ihren Papa vorzubehalten. Die Befürworter hingegen verweisen auf Wissenschaftler, gemäss denen sogenannte Regenbogenkinder keine Nachteile erleiden. So liess SRF Margrit Stamm zu Wort kommen. «Kinder aus gleichgeschlechtlichen Beziehungen entwickeln sich ungefähr gleich gut – oder laut gewissen Studien sogar besser – wie Kinder aus heterosexuellen Familien», sagte die emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaften der Universität Freiburg. «Und dies sowohl in emotionaler als auch in schulischer und beruflicher Hinsicht.»

Nur Absagen für eine kontroverse Diskussion

Zuvor war in der «Abstimmungs-Arena» von SRF bereits Moritz Daum zitiert worden, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich. «Die Forschung ist eindeutig: Kindern aus Regenbogenfamilien geht es genauso gut wie Kindern mit Vater und Mutter», behauptete er (siehe hier).

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Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm

Wenn es einen so eindeutigen Konsens gibt, sind Forscher wie Stamm und Daum sicher ohne Weiteres bereit, sich an einer Diskussionsrunde zu beteiligen, an der auch kritische wissenschaftliche Stimmen zu Wort kommen – würde man meinen. Doch die Erfahrungen des Nein-Komitees lassen das Gegenteil vermuten.
Die Vertreter des Nein-Komitees wollten einen Talk unter Fachleuten organisieren, mit dem Titel «Gleichgeschlechtliche Eltern = gefährdetes Kindswohl?» Doch trotz Zusicherung von Fairness und Ausgewogenheit liess sich kein Forscher finden, der sich für die Pro-Seite an der Fachdiskussion beteiligen wollte. «Wir haben gemailt, telefoniert, SMS geschrieben – alles ohne positives Echo», schreibt das Nein-Komitee auf seiner Website. Weder Margrit Stamm und Moritz Daum, noch die ebenfalls angefragten Christine Neresheimer von der Pädagogischen Hochschule Zürich, Yv Nay vom Zentrum für Gender Studies der Universität Basel und Michael Braunschweig vom Institut für Sozialethik der Universität Zürich machten eine Zusage.

35 Prozent geringerer Schulerfolg

Es wäre interessant gewesen, eine kontroverse wissenschaftliche Auseinandersetzung zum Thema Regenbogenkinder zu verfolgen. Denn es gibt durchaus Forscher, die den angeblichen Konsens, wonach es den Regenbogenkindern mindestens so gut wie den anderen Kindern geht, nicht stützen.
So fand eine Studie von 2012, die von einer Forschergruppe um Douglas W. Allen von der kanadischen Simon Fraser University verfasst wurde, signifikante Unterschiede zwischen Kindern aus homosexuellen Beziehungen und solchen aus heterosexuellen Beziehungen. «Unser Ergebnis ist, dass die Wahrscheinlichkeit für normale schulische Fortschritte bei Kindern, die bei gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen, um 35 Prozent geringer ist als bei solchen mit verheirateten heterosexuellen Eltern», lautete das Fazit (siehe hier).

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Paul Sullins, Catholic University of America

2015 wertete Paul Sullins von der Catholic University of America repräsentative Daten der Nationalen Gesundheitsbefragung in den USA aus. Er kam zum Schluss, dass Kinder in gleichgeschlechtlichen Familien 2,4 mal häufiger ernsthafte psychische Probleme als Kinder in gegengeschlechtlichen Familien haben. Diese Probleme umfassen Depressionen, Ängste, Schwierigkeiten in den Beziehungen zu Gleichaltrigen und Konzentrationsschwierigkeiten. Und die Probleme lassen sich nur zu einem kleinen Teil auf soziale Stigmatisierung zurückführen (siehe hier).

Methodisch ungenügende Studien

Dieses Jahr suchte Sullins erneut nach Unterschieden bezüglich der psychischen, psychosozialen und schulischen Entwicklung von Kindern in den Daten der Nationalen Gesundheitsbefragung. Er differenzierte dabei nach Kindern von verheirateten heterosexuellen Paaren, von gleichgeschlechtlichen Paaren ohne Trauschein und von gleichgeschlechtlichen Paaren mit Trauschein. (In den USA können Homosexuelle seit 2015 in allen Bundesstaaten heiraten, vorher war das nur in einem Teil des Bundesstaaten der Fall.)
In allen Bereichen schnitten Kinder mit Vater und Mutter deutlich besser ab als Kinder mit gleichgeschlechtlichen Eltern. Auffallend war dabei, dass die Unterschiede besonders im Vergleich zu Kinder mit verheirateten gleichgeschlechtlichen Eltern gross ausfielen (siehe hier). Demnach würde sich die Hoffnung, dass die Einführung der «Ehe für alle» solchen Kindern mehr Stabilität verleiht, nicht erfüllen.

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Walter Schumm, Kansas State University

Häufig hört man den Vorwurf, wonach Studien, die das Kindswohl bei Regenbogenfamilien gefährdet sehen, methodisch ungenügend seien. Doch oft scheint das Gegenteil der Fall zu sein. So dokumentierte Walter Schumm von der Kansas State University in den USA 2016 in einer Studie, dass viele der angeblich positiven Belege für die gleichgeschlechtliche Elternschaft ideologisch verzerrt sind. Er wies nach, dass die Stichproben oft voreingenommen erhoben wurden, geeignete Kontrollen fehlten und Störvariablen unberücksichtigt blieben (siehe hier). Schumm vermutete, dass die Fehler daher rührten, dass der gesellschaftliche Druck auf die Forscher gross ist, positive Resultate im Sinne der Regenbogen-Lobby zu produzieren.

«Keine Zeit», «zu spät»

Gerade darum wären kontroverse Auseinandersetzungen unter Wissenschaftlern vor der Abstimmung über die «Ehe für alle» wichtig. Der «Nebelspalter» wollte von den erwähnten fünf Forschern, die das Nein-Komitee kontaktiert hatte, wissen, warum sie abgesagt haben. Christine Neresheimer macht familiäre Gründe geltend, konkret den Geburtstag ihres Sohnes. Michael Braunschweig schreibt, die Anfrage des Nein-Komitees sei zu spät eingetroffen. Auch Margrit Stamm und Moritz Daum machen in einer gemeinsamen Antwort geltend, die «kurzfristige Anfrage» des Nein-Komitees aus terminlichen Gründen abgelehnt zu haben. (Die Anfrage erfolgte zwei Tage vor dem Aufnahmetermin.) Es gebe für sie auch «keine Rechtfertigungspflicht, die Absage an das Komitee begründen zu müssen». Yv Nay reagierte nicht auf die Nachfrage des «Nebelspalters».
Der Talk des Nein-Komitees fand schliesslich nur mit Paul Sullins und Walter Schumm statt – also mit zwei Kritikern der «Ehe für alle» (siehe hier). Ein Schelm, wer denkt, dass die Forscher der Gegenseite die direkte wissenschaftliche Auseinandersetzung scheuen, weil sie ihr nicht gewachsen sein könnten.

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