Radioaktivität bei einem Flugzeug: Grassierende Strahlenphobie

Radioaktivität bei einem Flugzeug: Grassierende Strahlenphobie

Im Triebwerk eines Flugzeugs im Fliegermuseum Dübendorf wurde leicht radioaktives Thorium gefunden. Jetzt muss das Triebwerk für eine horrend hohe Summe entsorgt werden. Das ist absurd, denn es sind keine gesundheitlichen Risiken absehbar.

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von Walter Rüegg am 10.6.2021, 11:00 Uhr
C-3605 im Fliegermuseum Dübendorf. Bild: zVg
C-3605 im Fliegermuseum Dübendorf. Bild: zVg
Vor rund fünf Milliarden Jahren kollidierten in einem der Aussenarme unserer Milchstrasse zwei Neutronensterne. Ein wahrhaft kosmisches Ereignis, die Temperaturen erreichten viele Milliarden Grad. Dabei entstanden auch unsere schwersten Elemente wie Gold, Platin, Uran und Thorium, die alle anfänglich extrem radioaktiv waren. Heute strahlen praktisch nur noch Uran und Thorium, eine Folge ihrer langen Halbwertszeit von 4 beziehungsweise 14 Milliarden Jahre. Die Strahlung ist schwach, denn um so lange durchzuhalten, müssen sie mit der Energie sehr sparsam umgehen. Mengenmässig kommen Uran und Thorium viel häufiger vor als Gold oder Platin. So enthält ein einziger Kubikmeter Erde im Durchschnitt rund 20 Gramm Thorium und 5 Gramm Uran. Man findet diese (und andere strahlenden Elemente) deshalb überall: im Bioacker, in allen Nahrungsmitteln, im Trinkwasser, in unserem Körper, in der Luft – und auch im Beton. Im Fundament des Fliegermuseums von Dübendorf dürften sich über 10 Kilogramm Thorium befinden. Und nicht nur im Fundament.
In der Medienmitteilung des Bundesrates vom 5. Mai 2021 steht: «In den Triebwerken der historischen Militärflugzeuge des Typs C-3605 ist leicht radioaktives Material entdeckt worden.» Der Stein des Anstosses: Teile der Triebwerksabdeckung bestehen aus einer Magnesiumlegierung mit etwa zwei Prozent Thorium. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde dem Magnesium etwas Thorium beigemischt, dies erhöhte die Wärmefestigkeit. Das Triebwerk der C-3605 dürfte deshalb etwa ein Kilogramm Thorium enthalten. Wenig im Vergleich zum Thorium in der Bodenplatte, aber genügend viel, um das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf den Plan zu rufen. Anscheinend ist diese Strahlung gefährlich.

Strahlung im Normalbereich

Der gesundheitliche Einfluss der Strahlung wird in Sievert (Sv) gemessen. Eine in kurzer Zeit erhaltene Einmaldosis von 5 Sv ist unbehandelt meistens tödlich, bei etwa 0,1 Sv (100 Millisievert, mSv) gibt es Hinweise auf ein erstes Ansteigen der Krebsrate (um etwa ein Prozent) im Alter. Bei zeitlich verteilter Bestrahlung ist der Einfluss viel geringer, um wieviel ist stark umstritten. Schliesslich ist eine Einmaldosis von fünf Liter Wein auch tödlich, doch fünf Liter verteilt auf ein Jahr sind harmlos. Am Eingang des Fliegermuseums habe ich eine natürliche Strahlung von 0,15 Mikrosievert pro Stunde (µSv/h), also 0,15 Millionstel Sievert pro Stunde gemessen, ein durchaus normaler Wert. Die C-3605 hängt an der Decke, die Strahlung direkt darunter liegt bei rund 0,25 µSv/h. Nichts Aufregendes. Neben meinem Lieblingslokal (im Stadtzentrum von B.) messe ich etwa gleich viel, mitten in Asti im Piemont doppelt so viel, und in den Alpen kann es noch viel mehr sein. Die Strahlung variiert von Ort zu Ort, je nach Konzentration der radioaktiven Substanzen wie Uran, Thorium und anderen im Boden vorhandenen Stoffen. Doch selbst beim hundertfachen Strahlenwert (im beliebten Kurort Ramsar im Iran) zeigen sich eher positive als negative Wirkungen. Und dies trotz Dosen, welche im Laufe der Zeit die tödliche Einmaldosis überschreiten. Überhaupt fällt auf, dass in den meisten Kurorten die Strahlung erhöht ist.
Das Problem des C-3605-Triebwerkes ist nicht die Strahlung, sondern die Strahlenschutzverordnung. Das Thorium im Triebwerk verletzt sie massiv, je nach Kriterium (Strahlung an der Oberfläche des Triebwerkes oder Konzentration des Thoriums) um das Hundert- bis Tausendfache. Also doch gefährlich? Aber in der oben erwähnten Medienmitteilung wird wiederholt darauf hingewiesen, dass keine Gefährdung für die Gesundheit besteht. Seltsam, wie kann eine hundert- bis tausendfache Verletzung der Grenzwerte harmlos sein? Und doch ist sie es, auch für einen Mechaniker der stundenlang am Triebwerk herumschraubt. Eine Wanderwoche in den Alpen (Granit enthält relativ viel Uran und Thorium) bestrahlt ihn mehr. Selbst wenn man ein Kilogramm dieser Legierung fein vermahlt und aufs Butterbrot streicht - oder dem Schnupftabak beimischt - riskiert man, chemisch vergiftet werden (Thorium ist ein toxisches Schwermetall). Die Strahlung aber kann man getrost vergessen.

Absurd tiefe Grenzwerte

Wir leben im Zeitalter einer Strahlenphobie. Unsere Grenzwerte liegen absurd tief, meilenweit entfernt von ersten nachweisbaren Effekten auf unsere Gesundheit. So darf ein Mensch heute nicht mehr als 1 mSv/Jahr «erleiden». Doch im Durchschnitt bestrahlt uns die Natur in der Schweiz mit über 4 mSv/J (gemäss BAG). Weniger als 1 mSv/J kommt nie vor, dafür Spitzen von weit über 20 mSv/J. Ein Grenzwert, der von der natürlichen Strahlung und deren Variationen immer überschritten wird, macht wenig Sinn. Noch viel fragwürdiger ist der Regulierungswert von 10 µSv pro Jahr. Ab diesem Wert muss beim BAG eine Bewilligung eingeholt werden. Doch die natürliche Strahlung ist vom Grenz- und Regulierungswert ausgenommen. Und so dürfen wir auch ohne Segen des BAG das Skifahren in den Alpen geniessen, selbst wenn wir dabei wesentlich mehr als 10 µSv erhalten.
Wie kommt der Strahlenschutz zu derart tiefen Grenzwerten? Sicher nicht auf Grund neuer Erkenntnisse. Wir wissen zwar heute viel mehr über die Wirkungen der Strahlung, aber die Risikofaktoren sind praktisch die gleichen wie vor 50 Jahren. Und vor 50 Jahren war die Strahlung des Triebwerkes kein Problem. Dann aber entdeckte die Politik das Vorsorgeprinzip. Es lautet, etwas überspitzt formuliert: Solange man nicht beweisen kann, dass etwas ungefährlich ist, muss man es verbieten. Gut gemeint, nur ist es unmöglich zu beweisen, dass eine winzige Dosis von 1 mSv oder ein Fingerhut Wein, verteilt auf ein Jahr, unschädlich ist (in beiden Fällen 0,02 Prozent der tödlichen Einmaldosis).
Doch das Vorsorgeprinzip ist nur ein Mittäter, der tiefere Grund für unsere extremen Grenzwerte liegt in der LNT-Hypothese (Linear, No Threshold). Diese Hypothese besagt, dass die negativen Wirkungen der Strahlung linear mit der Dosis zunehmen, das heisst doppelte Dosis gleich doppelte Wirkung. Zudem gibt es keine untere Grenze (no threshold), das heisst selbst die winzigste Dosis erzeugt ein (winziges) Risiko. Man kann es auch so formulieren: Es gibt keine unschädliche Dosis. Diese Aussage mutiert schnell zur Meinung, dass auch ein einziges Strahlenteilchen einen tödlichen Krebs auslöst.

20’000 Strahlenteilchen pro Sekunde

In der Tat glaubt ein erstaunlich grosser Teil der Bevölkerung, dass auch die kleinste Dosis tödlich ist (gemäss einer Umfrage von ETH/SRF im Jahr 2013). Schwer zu verstehen, dass wir noch am Leben sind. Denn unser Körper wird sekündlich von etwa 20'000 Strahlenteilchen getroffen (das kann an Kurorten oder im Flugzeug bis gegen 1 Million steigen - pro Sekunde wohlverstanden). Diese Teilchen verursachen in unserem Körper Millionen von DNA-Schäden, Sekunde für Sekunde. Mittlerweile verstehen die Molekularbiologen, warum unsere Zellen dies völlig ignorieren können.
Bei der Wirkung von grossen Dosen ist sich die Wissenschaft völlig einig, die Wirkungen sind klar sichtbar. Bei kleinen Dosen werden die (kleinen) Effekte von den grossen, natürlichen Variationen der Gesundheit völlig überdeckt, es ist unmöglich, genauere Aussagen zu machen. Man muss Annahmen treffen und zu unbeweisbaren Hypothesen greifen. LNT ist die einfachste.
Die Wissenschaftler und die wissenschaftlichen Gremien sind sich über die Anwendbarkeit von LNT nicht einig. Die Epidemiologen glauben eher an LNT, die Radiobiologen sind eher dagegen. Hingegen haben sich die nationalen und internationalen Strahlenschutzbehörden und -verbände klar für die LNT-Hypothese entschieden, dies auf Grund des Vorsorgeprinzip und der einfachen Anwendbarkeit. Da gemäss LNT die kleinste Dosis schädlich ist, kommt dies einem Blankoscheck für beliebig tiefe Grenz- und Regulierungswerte gleich, und damit auch für eine beliebig ausufernde Bürokratie.
Und so kommt es, dass die gesetzlich zulässige Dosis für die Bevölkerung heute weit unterhalb der natürlichen Strahlung liegt. Die interessante Begründung der nationalen Strahlenschützer: Dies seien international festgelegte Normen. Ja, aber diese wurden weitgehend von der Vereinigung aller Strahlenschützer festgelegt (ICRP, International Commission on Radiological Protection). Man nimmt auf sich selber Bezug. Dass man auch zuviel des Guten tun kann, zeigt die Evakuierung von Menschen bei Nuklearunfällen aufgrund extrem tiefer Grenzwerte. Tatsache ist, dass in den Evakuationsgebieten von Fukushima oder von Tschernobyl die lebenslänglich akkumulierte Dosis praktisch überall kleiner ist als in vielen Gebieten der Alpen – ja oft sogar kleiner als im schweizerischen Mittelland (der Boden der Schweiz enthält etwas mehr radioaktive Substanzen natürlicher Art als im Weltmittel).

250’000 Franken für die Entsorgung

Zurück zum Fliegermuseum. Vom C-3605-Flieger geht tatsächlich ein kleines Risiko aus. Er könnte von der Decke fallen und jemanden erschlagen. Das Strahlenrisiko hingegen kann man mit bestem Wissen und Gewissen gleich Null setzen. Und hier müsste Artikel 8 des Strahlenschutzgesetzes eingreifen: «Sämtliche Massnahmen im Strahlenschutz müssen nach dem zugrunde liegenden Risiko abgestuft sein.» Völlig klar: In Falle des C-3605-Fliegers sind überhaupt keine Massnahmen zu treffen und das Museum ist in Ruhe zu lassen. Der Aufwand für die fachgerechte Entsorgung des Triebwerkes ist jenseits von Gut und Böse, man muss mit Kosten von rund 250'000 Franken rechnen (zu Lasten des Steuerzahlers). Dazu kommen für das Museum noch beträchtliche Aufwendungen für den Ausbau und Transport. Eine bessere Verwendung der 250'000 Franken wäre die Verteilung von 25'000 Mahlzeiten an Bedürftige.
Walter Rüegg ist ehemaliger Chef-Physiker der Schweizer Armee

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