Somms Memo

Queen Elizabeth II. 1926 – 2022. Ein schweizerischer Nachruf

image 9. September 2022, 10:00
Elisabeth II., Königin des Vereinigten Königreichs von Grossbritannien und Nordirland. Sie sass 70 Jahre lang auf dem Thron.
Elisabeth II., Königin des Vereinigten Königreichs von Grossbritannien und Nordirland. Sie sass 70 Jahre lang auf dem Thron.
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Die Fakten: Königin Elisabeth II. von Grossbritannien ist tot. Sie starb gestern Nachmittag auf ihrem Schloss Balmoral in Schottland.

Warum das wichtig ist: Eigentlich ist das British Empire erst jetzt untergegangen. Die Queen lebte 96 Jahre, in Tat und Wahrheit waren es mehrere Jahrhunderte.


Was soll ich als Schweizer zum Tod einer Königin auch sagen? Passt es?
Wenn ich hier über die «Queen» nachdenke, wie sie auf der ganzen Welt genannt wurde, weil sie die Königin schlechthin war, sind es vielleicht zwei Dinge, die mir zuerst in den Sinn kommen:
  1. Wir Schweizer und die Queen – oder warum ihr Tod selbst uns traurig macht, obwohl es doch nichts Unschweizerischeres gibt als eine Königin
  2. Und warum diese Queen alle für sich einnahm: Alte, Junge, Rechte, Linke, Christen, Juden, Muslime und alle andern. War sie nicht eine Königin der ganzen Welt?

Zum Ersten:
Als Schweizer sind wir vor allen Dingen Republikaner – und das schon lange, streng genommen seit 1231, als Uri die Reichsfreiheit erhielt, die Landsgemeinde die Macht übernahm, und unser damaliger Monarch, der römisch-deutsche Kaiser, auf immer
  • Sehr weit weg wohnte
  • Bis er 1499 uns faktisch gar nichts mehr zu sagen hatte
  • Und 1648 die Eidgenossenschaft definitiv, wenn auch widerwillig aufgab

Dennoch fühlen wir uns seit jeher eng mit England verbunden, einem mehr als tausend Jahre alten Königreich – ich sage mit Absicht England, weil es dem Emotionalen unserer Beziehung viel besser entspricht.
(Für die Puristen: Natürlich weiss ich, dass England nur Teil des Vereinigten Königreichs von Grossbritannien und Nordirland ist, aber es ist der wesentliche Teil. Wir heissen inzwischen auch Schweiz, was von Schwyz kommt, und nichts mit der offiziellen Bezeichnung Eidgenossenschaft zu tun hatte. Life is unfair, language too.)
England stand den Schweizern nahe seit der Reformation
  • Als viele englische Protestanten für eine Zeitlang hierher flohen, nachdem die Katholiken auf der Insel ein kurzes, blutiges Comeback erreicht hatten. Theologen, Rebellen, Politiker kamen ins Exil nach Zürich, Basel oder Genf, und die schweizerischen Reformierten bereicherten den englischen Protestantismus danach für Jahrhunderte
  • Nachdem Napoleon die Schweiz verwüstet hatte, stieg England zur faktischen Schutzmacht unseres Landes auf. Ohne Grossbritannien wäre der Bundesstaat von 1848 vielleicht gar nie entstanden, zumal die Grossmächte, besonders Österreich, das nie zugelassen hätten. Grossbritannien verscheuchte die reaktionären Monarchen, es rettete unsere Demokratie

Last but not least erfanden die Engländer unser Land als touristisches Ziel der Sehnsucht und Weltflucht. Sie bestiegen unsere Berge als erste, sie besiedelten die Grand Hôtels am Genfer See und in den Alpen, sie machten den groben, früher in erster Linie blutrünstigen Eidgenossen zu einem herzlichen Gastgeber der europäischen Oberschicht.
Dass berühmte Engländer immer wieder hierher in die Ferien kamen und die Schweiz deswegen liebten, half dem Land zuweilen mehr, wenn es ums Überleben ging, als die Neutralität oder die Armee.
  • Winston Churchill weilte regelmässig am Genfer See – wo er gerne Aquarelle malte
  • Königin Victoria verbrachte 1868 einen guten Monat hier (heimlich), nachdem ihr geliebter Mann Prince Albert gestorben war. Sie wollte mit ihrer Trauer allein sein
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Natürlich kam auch Elizabeth II, die Queen.
1980 absolvierte sie den einzigen Staatsbesuch in unserem Land. Wenn ich heute die Bilder und Filme betrachte, die eine klassisch-elegante, recht jung wirkende Frau zeigen, die bescheiden und bestimmt zugleich die Ehrenerweisungen einer Formation schweizerischer Soldaten auf dem Bundesplatz in Bern entgegennimmt, die tapfer zuhört, wie unsere Rekruten die britische Hymne spielen, wunderschön, wenn auch etwas zu schleppend, und dann unseren damaligen Bundespräsidenten Georges-André Chevallaz ins Auge fasse, einen stämmigen, untersetzten, gut gelaunten Waadtländer, dann glaube ich zu wissen, warum wir uns dieser Queen so verbunden fühlten:
  • Das britische Understatement, das sie vorlebte, sagt uns zu, weil es uns an unsere eigene Bescheidenheit erinnert, die oft auch etwas Ungelenkes, wenn nicht Tollpatschiges hat
  • Wobei im Gegensatz zu uns, die Queen diese Bescheidenheit virtuos meistert, – immer ist klar, sie könnte auch anders – während es in unserem Fall einfach nicht anders geht

Chevallaz – und wir alle – bliebe wohl auch in Paris ein stämmiger Bergbewohner (auch wenn er am Genfer See aufgewachsen ist), wogegen die Queen in Frankreich (ein Land, das sie sehr oft besuchte) geschmeidiger und charmanter auftrat als seinerzeit Madame de Pompadour.
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So komme ich zum Zweiten:
Die Queen, ein Chamäleon der Weltläufigkeit. Ob sie in Afrika auftrat oder in Australien, in New Delhi oder Berlin: Überall wirkte sie passend, ohne sich anzupassen.
Wenn wir schweizerischen Republikaner die britische Monarchie schätzen und diese Königin wie blind verstanden, dann liegt es auch unserer eigenen Geschichte, die ähnlich wie die britische, stets evolutionär und nie revolutionär vonstatten gegangen ist.
Unser beider Länder Erfolg – und seien wir ehrlich, welche anderen zwei Länder auf diesem Planeten besitzen eine insgesamt so glückliche Geschichte wie die Schweiz und England? – unser beider Länder Erfolg hat damit zu tun, mit diesem chamäleonhaftigen Charakter, den auch die Queen verkörperte:
  • Wir verbinden die Tradition mit der Reform
  • Wir ändern immer etwas, ohne alles Bisherige einzureissen

Es ist das Geheimnis des Lebens. Es ist das Geheimnis der wahren Revolution, sie findet im Schneckentempo statt.
Einer meiner besten Lehrer in Harvard, Ronald Heifetz, ein Psychiater und Management-Experte, pflegte es so auszudrücken:
Wir Menschen teilen etwa 99 Prozent unserer DNA mit den Schimpansen, die damit unsere nächsten Verwandten sind. Oder mit anderen Worten:
  • 99 Prozent haben sich in den vergangenen rund acht Millionen Jahren kaum verändert, seit wir uns getrennt haben. Das ist die Tradition
  • Und bloss 1 Prozent machen den ganzen Unterschied aus zwischen Mensch und Schimpanse. Das ist die Reform

Die Queen stand für die englische Monarchie, die älter als 1000 Jahre ist, im Kern unverändert, und doch nicht wieder zu erkennen. Die Eidgenossenschaft ist inzwischen (abgesehen von San Marino) die älteste, noch bestehende Republik Europas, wenn nicht der Welt.
Auch wir modernisierten uns laufend, indem wir in mancher Hinsicht stockkonservativ blieben.
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1953 wurde Elizabeth II in London zur Königin gekrönt. Sie blieb 70 Jahre lang auf dem Thron. Niemand regierte länger.
Oft sind es diese unfreiwilligen, unscheinbaren Revolutionäre, die Weltgeschichte schreiben:
Als Elizabeth 1952 den Thron bestieg, schrieb eine englische Kommentatorin in einer Zeitung:
«Wenn, wie viele ernsthaft beten, die Thronbesteigung von Elizabeth II. dazu beitragen kann, die letzten Reste von Vorurteilen gegen Frauen zu beseitigen, die nach den höchsten Positionen streben, dann steht den Frauen tatsächlich eine neue Ära bevor.»
Die Autorin hiess Margaret Thatcher.
27 Jahre später wurde sie zur ersten weiblichen Premierministerin Grossbritanniens gewählt.

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende Markus Somm

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