Problemsprache Deutsch, Teil 2: Es braucht verbindliche Regeln – für Kinder, für Eltern, für den Staat

Problemsprache Deutsch, Teil 2: Es braucht verbindliche Regeln – für Kinder, für Eltern, für den Staat

Die Frühförderungsprogramme sorgen für eine Linderung beim Kampf gegen ungenügende Sprachkenntnisse, aber nur für eine sanfte. Verbesserungsvorschläge gibt es. Aber können diese umgesetzt werden?

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von Sebastian Briellmann am 8.7.2021, 09:43 Uhr
75 Prozent der Kinder mit Deutsch als Zweitsprache haben Förderbedarf. Foto: Shutterstock
75 Prozent der Kinder mit Deutsch als Zweitsprache haben Förderbedarf. Foto: Shutterstock
In den Schweizer Kantonen ist die Aufgabe längst verinnerlicht, obwohl man wohl weniger von einer Aufgabe, sondern eher von einer Herausforderung sprechen muss. Einer ziemlich grossen. Viele Kinder können kein oder nur wenig Deutsch, wenn sie in den Kindergarten kommen. Deshalb werden Kinder bereits im Alter von drei Jahren zum Deutschlernen aufgeboten – in Basel-Stadt ist die Teilnahme sogar ein Muss, in den Städten Bern und Zürich handelt es sich um ein freiwilliges Programm.
Nach Angaben von Kantonen und Städten hat mindestens ein Viertel der Kinder akuten Nachholbedarf – in Basel-Stadt sind es sogar 41 Prozent. Das klingt besorgniserregend, was Beamte auch bestätigen. (Lesen Sie hier Teil 1: Viele Dreijährige benötigen staatliche Frühförderung)

«Eltern, die mit ihrer Ursprungskultur verbunden bleiben wollen, kann man unsere Werte nicht oktroyieren. Mechanisch wäre das richtig. Aber wir wollen kein planwirtschaftliches Machtsystem in der Schweiz.»

Alexander Grob, Professor für Psychologie an der Universität Basel

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie können sich die Deutschkenntnisse von Kindern entscheidend verbessern? Und wer muss dafür was tun?
Alexander Grob wüsste, wie es ganz einfach viel besser ginge, sicherlich erfolgreicher als heute. Aber eben, da ist der Konjunktiv – und Probleme haben sich noch selten mit dieser Zeitform bekämpfen lassen. Lösen könnte man Vieles mit purem Zwang, von Geburt an.
Aber Grob sagt: «Eltern, die mit ihrer Ursprungskultur verbunden bleiben wollen, kann man unsere Werte nicht oktroyieren. Mechanisch wäre das richtig. Aber wir wollen kein planwirtschaftliches Machtsystem in der Schweiz. In der Verfassung steht, dass jeder das Recht auf Privatsphäre und Familie hat.»

Ist der Spracherwerb ausreichend?

Grob, Psychologieprofessor an der Universität Basel, ist massgebend an den Förderprogrammen beteiligt. Mit seinen Fragebögen wird in den meisten Kantonen evaluiert, wer Defizite aufweist. Er weiss, was den Kindern fehlt, er lotet den Gestaltungsspielraum aus, und wird immer wieder mit Grenzen konfrontiert, wo das Machbare das Notwendige konterkariert.
Seine langjährigen Untersuchen zeigen: Wer gefördert wird, kommt zumindest nicht komplett ohne Deutschkenntnisse in den Kindergarten. Die Lücke zu den Kindern mit Deutsch als Hauptsprache wird kleiner. Aber Grob sagt auch: «Was wir noch nicht gut zeigen können: Haben die Kinder einen ausreichenden Spracherwerb in der Bildungssprache?»
Das legt nahe: Kantone und Städte unternehmen viel – und ja, die Angebote sorgen für eine Linderung der Problematik, aber nur für eine sanfte. Auf Anfrage kommt aus den Bildungsdirektionen immer dieselbe Antwort: Man sieht Fortschritte, aber es reicht noch nicht aus – und irgendwo endet die Verantwortung und begänne der Zwang.

 

«Am meisten erstaunt hat mich, dass 75 Prozent der Kinder mit Deutsch als Zweitsprache einen Förderbedarf hatten. Die Hälfte verstand und sprach praktisch kein Wort Deutsch.»

Alexander Grob, Professor für Psychologie an der Universität Basel

Es liegt, wenig überraschend, also vor allem an den Eltern, dass ihre Kinder mit der deutschen Sprache in Kontakt kommen. Das gelingt diesen offensichtlich nicht gut. In seiner Studie kommt Alexander Grob zum Schluss: «Am meisten erstaunt hat mich, dass 75 Prozent der Kinder mit Deutsch als Zweitsprache einen Förderbedarf hatten. Die Hälfte verstand und sprach praktisch kein Wort Deutsch.»
Grobs Studie zeigt auch: Je stärker sich Eltern mit Migrationshintergrund mit der Schweiz identifizieren, desto steiler ist die Lernkurve der Kinder. Wenn diese sogenannte Akkulturation nicht stattfindet, hat das einen «negativen Effekt» auf das Lernen der Sprache. Interessanterweise auch dann, wenn zuhause Deutsch gesprochen wird.

Stärke Selektion bei der Zuwanderung?

Das klingt zumindest nach einem Hinweis, dass die Zuwanderer besser selektiert und nur Migranten mit guten Perspektiven und hohem Integrationswillen in die Schweiz kommen sollten. Grob hält davon aber nichts: «Nein, Selektion bei der Zuwanderung würde ich nicht unterstützen. Damit laufen wir Gefahr, in den Herkunftsländern einen Brain-Drain zu fördern und verschiedene Klassen von Aus- respektive Zuwanderern definieren.» Das sei nicht im Sinne einer Gleichstellung von Kindern.
Grob kann sich hingegen vorstellen, dass das Aufnahmeland verbindliche Erwartungen an die Aneignung von «Sprachkompetenz in der Gesellschaftssprache» kommuniziert. Man könnte Zeiträume definieren, in welchem Zeitraum wieviel Wörter gelernt werden müssen: Zu Beginn könnten es zum Beispiel 750 Wörter sein – die man anschliessend je nach Bildungsabschluss auf 5000 bis 10’000 steigert.

«Es bringt nichts, wenn in einer Kita 70 Prozent beispielsweise Albanisch sprechen. Sonst gehen die Kinder den geringsten Widerstand und sprechen miteinander Albanisch. Mindestens die Hälfte der Kinder müssen deutschsprachig sein.»

Alexander Grob, Professor für Psychologie an der Universität Basel

Nach den bisherigen Erfahrung stellt sich jedoch die Frage, ob die politischen Verantwortlichen die Chuzpe haben, härtere Vorgaben an die Zuwanderer zu stellen. Eher umsetzbar scheinen Alexander Grobs weitere Erkenntnisse, die zu besseren Deutschkenntnissen der Kinder führen dürften. Er sagt: «Es bringt nichts, wenn in einer Kita 70 Prozent beispielsweise Albanisch sprechen. Sonst gehen die Kinder den geringsten Widerstand und sprechen miteinander Albanisch. In einem Schmelztiegel wie dem Kleinbasel bringt das nichts.»
Hier komme das System an seine Grenzen. Grobs Resultate zeigen, dass mindestens die Hälfte der Kinder in den Einrichtungen deutschsprachig sein muss.

Wird der Beruf richtig ausgestaltet?

Und der Psychologe nimmt auch den Staat in die Pflicht. Während die Bildungsdirektionen ihre Massnahmen rühmen, ihre Erfolgsmeldungen mitteilen, sieht Grob auch grosses Verbesserungspotenzial. Er sagt: «Es gibt eine klare Korrelation: Je besser die Kita hinsichtlich Qualitätsstandards ist, desto besser sind die Deutschkenntnisse. Der Faktor Mensch ist zentral.»
Das sei wichtig, weil die Fluktuation der Pädagoginnen – es sind überwiegend Frauen – wie generell im Lehrerberuf hoch sei, zu hoch. «Hier muss man genauer hinschauen: Ist der Beruf des Kita- und Spielgruppenleiters richtig ausgestaltet und gesellschaftlich genügend anerkannt? Wahrscheinlich weder noch...»
Ob Kinder, ob Staat und vor allem ob Eltern – klar scheint: Ohne verbindliche Regeln, ohne eine gewisse Strenge auch, ist die Frühförderung nur punktuell erfolgreich im Kampf gegen die ungenügenden Sprachkenntnisse.
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