Prinzessin Unvermittelbar

Prinzessin Unvermittelbar

«Achtung Schatz, das isch e Lämpechatz!» Vom schönen Märchen, das wir Frauen einander gerne erzählen: Es liegt nicht an dir! Ach, du bist einfach zu stark und die Männer zu schwach!

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von Dominique Feusi am 30.8.2021, 09:06 Uhr
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Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit, da wurde eine Prinzessin geboren, die Haut so weiss wie Schnee, die Augen so blau wie der Zürichsee und auf den Lippen den Satz: «Ich habe Kopfweh!»
Denn kurz nach ihrer Geburt war ihr Vater, der König, sehr intensiv mit seiner Sekretärin ausgeritten, gründete ein neues Königreich und vergass das Kind mit seiner ersten Königin sogleich. Die verlassene Königin schwor daraufhin dem anderen Geschlecht auf immer ab, zog mit der Prinzessin in einen Elfenbeinturm und dort lebten sie ohne jegliche männliche Bezugsperson.
Das Königspaar ward geschieden und es zogen für Mutter und Tochter viele männerlose Lenze ins Land. Doch dann kam die Pubertät und die Prinzessin gedachte, sich zu verlieben. Das Seltsame war nur, dass alle heterosexuellen Prinzen die Prinzessin mieden. Und zwar wie der Teufel das Weihwasser. Keiner, der sie aus dem Elfenbeinturm befreite. Und obwohl sie sich bemühte, einen zu kriegen, suchten die Prinzen sofort das Weite. Woran konnte es nur liegen?
Es liegt nicht an dir!
Kennen Sie das Phänomen? Fast jede Frau hat so eine Prinzessin Unvermittelbar in ihrem Bekanntenkreis. Unsere ist die R., sie ist gescheit, schön und will unbedingt eine Beziehung, doch die Männer rennen in Heerscharen vor ihr davon. Sie ist quasi ein lebendiger Blocker für Testosteron. Oder wie einige meiner Kollegen meinen: «Sorry, aber die ist Empfängnisverhütung auf zwei Beinen.»
Und was tun wir Frauen? Wir erzählen ihr das schöne Märchen mit dem Titel: Es liegt nicht an dir! Du bist zu schön, zu gescheit, zu stark, zu autark, die Männer haben einfach alle Angst vor dir!
Ich habe dieses Märchen auch erzählt. Ich war jung und naiv und ich glaubte daran. Aber dann, irgendwann nach dem hundertsten unnötigen Drama, nach stundenlangen Telefonaten, nach Tränen, nach neu geschmiedeten und wieder verworfenen Plänen, ja, irgendwann wurde auch mir noch klar: Die R. ist ein bisschen mühsam. Okay, sie ist wahnsinnig mühsam. Und wahrscheinlich geht beim Mann da eine Art Warnblinkanlage an: Rette sich, wer kann!
Oder wie mein Vater selig zu sagen pflegte: «Achtung Schatz, das isch e Lämpechatz!»
Es ist kompliziert
Denn der R. geht es natürlich nie gut. Selbst wenn es von aussen so aussieht. Das ist bereits eine Beleidigung, oje, da bekommt sie gleich Kopfweh, denn die R. hat Probleme, die sonst niemand hat! Sie muss zum Beispiel Steuern bezahlen. Und das sind nun wirklich Qualen, die sonst keiner kennt.
Der Job? Wechselhaft. Denn sie wird entweder von anderen Mitarbeitern gemobbt oder hat einen Chef, der Frauen nicht mag, oder eine Chefin, die eifersüchtig auf sie ist. Es gibt nur eine einzige Konstante, die man in ihren Klagen nie vermisst: Schuld sind immer die anderen.
Ein nicht ganz frommer Wunsch
Aber dann, vor einem halben Jahr, passiert etwas, es ist ganz wunderbar: Die R. hat einen festen Freund! Er ist ganz zauberhaft zu ihr, ein lustiger Typ voller Tatendrang, und wenn die R. spricht, sagt sie nun «wir». «Wir können nicht kommen, weil er grad meine Steuern macht.»
Und meine beste Freundin, die E., eine Meisterin darin, komplizierte Sachverhalte in einem ganz profanen Satz auf den Punkt zu bringen, eine wahre Koryphäe dieser Kunst, lacht: «Hoffen wir, dass er sie glücklich bumst!»
Ob man das noch sagen darf? Tja, sie hat es längst gesagt und ich habe es aufgeschrieben, und wir sind bei diesem nicht ganz frommen Wunsch geblieben. Denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Man könnte natürlich auch sagen, dass die Liebe Berge versetzt. Aber ich denke, dass der nicht ganz fromme Wunsch auch den zwei Beteiligten gefällt. Wie war das in der Aspirin-Werbung?
Etwas weniger Schmerz auf dieser Welt.

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