Presserat schützt "älteste Mama der Schweiz"

Presserat schützt "älteste Mama der Schweiz"

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von Martin A. Senn am 24.3.2021
Der "Prättigauer und Herrschäftler" hat laut Presserat die Privatsphäre einer Frau verletzt, die vor acht Jahren als "älteste Mutter der Schweiz" Schlagzeilen machte.
Der "Prättigauer und Herrschäftler" hat laut Presserat die Privatsphäre einer Frau verletzt, die vor acht Jahren als "älteste Mutter der Schweiz" Schlagzeilen machte.
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Darf man über die "älteste Mutter der Schweiz" berichten, wenn sie als heute 74-jährige mit ihren achtjährigen Zwillingen in ihr Heimatdorf zurückkehrt. Nein, sagt der Presserat und verurteilt eine Lokalzeitung im Prättigau wegen Verletzung der Privatsphäre.

Der Fall hatte weitherum Furore gemacht. Vor acht Jahren wurde eine 66-jährige Frau aus Grüsch (GR) zur ältesten Mutter der Schweiz. Der Dorfklatsch der 1300-Seelen-Gemeinde fand Eingang in zahlreiche schweizerische Medien. In Deutschland berichteten die «Süddeutsche Zeitung» oder der «Spiegel» darüber, und das Nachrichtenmagazin Focus spekulierte, in welchem Land die «66-jährige Pastorin» ihre künstliche Befruchtung wohl machen liess. Nach zwei, drei Klicks erscheint ein Teil der damaligen Medienwucht im Web noch heute.
Der Schweizer Presserat fand diese Medienberichte zulässig. Er erkannte ein öffentliches Interesse an einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Fragestellung: «Darf eine Frau in diesem Alter einen solchen Eingriff vornehmen? Wie steht das rechtlich, moralisch, was bedeutet das für das oder die zu erwartenden Kinder? Das war ein Thema von öffentlichem Interesse, das rechtfertigte, einen Teil des Privatlebens dieser Frau offenzulegen, auch ohne ihre Zustimmung».

"Stillen von Gwunder"

Das änderte sich letzten Sommer, als die nun 74-jährige, pensionierte Pfarrerin mit ihren beiden Buben ins Prättigau zurückkehrte. Unter dem Titel «Pfarrerin-Zwillinge gesund und munter» meldete die Lokalzeitung «Prättigauer und Herrschäftler» am 8. August die Nachricht und verwies kurz auf die Ereignisse von vor acht Jahren. Dazu veröffentlichte die Zeitung ein Bild mit einer nicht erkennbaren Frau mit einem Kinderwagen. Namen oder Örtlichkeiten nannte der Bericht keine.
Für den Presserat hat die Lokalzeitung mit ihrer Berichterstattung die Privatsphäre der Frau verletzt, wie aus der Publikation seiner neusten Entscheide hervorgeht. Die entsprechende, von einer Drittperson eingereichte Beschwerde hiess er weitgehend gut. Es fehle jedes öffentliche Interesse daran, den Fall nach acht Jahren wieder aufzugreifen, ohne dass sich daran etwas Nennenswertes verändert habe, begründet das Gremium. Die Meldung der Rückkehr der Familie ins Prättigau erzeuge allenfalls Neugierde, es gehe «um das meist kurzfristige, meist oberflächliche Stillen von ‘Gwunder’», so der Presserat.

Im Dorf geht Journalismus anders

Der Chefredaktor der Zeitung hatte vergeblich geltend gemacht, die Rückkehr der seinerzeit ältesten Mutter der Schweiz in ein ländliches Dorf sei dort sehr wohl von öffentlichem Interesse. Doch der Presserat ging nicht oder kaum auf die spezifischen Bedingungen und Wirkungsmechanismen des Lokaljournalismus in einer kleinteiligen ländlichen Gegend wie dem Vorderprättigau ein. Er wandte vielmehr die in Ballungszentren und Städten gültige Argumentation weitgehend unverändert auf ein Dorf auf dem Land an. Doch dort, wo der Zuzug einer neuen Familie oder einer Einzelperson meist schon die Runde gemacht hat, bevor sie ihre Umzugskartons ausgepackt hat, gelten für die lokalen Medien eben andere Bedingungen als in einer Grossstadt.
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