Preisschock bei Silizium und Silikonen

Preisschock bei Silizium und Silikonen

Silikone und andere siliziumbasierte Erzeugnisse werden immer knapper. Schweizer Kunden müssen sich mit stark steigenden Preisen abfinden. Der Grund sind Produktionsengpässe in China wegen Strommangels. Auch Solarpanels, die aus Polysilizium gefertigt sind, könnten teurer werden.

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von Alex Reichmuth am 2.11.2021, 05:00 Uhr
Wegen dem Siliziummangel könnten auch Solarpanels teurer werden. Bild: Keystone
Wegen dem Siliziummangel könnten auch Solarpanels teurer werden. Bild: Keystone
Was die Schweizer Niederlassung des Unternehmens Sopro Bauchemie im Oktober ihren Geschäftskunden schrieb, tönt spektakulär. Es geht um Preisanpassungen für Silikone. Das sind Klebstoffe und Dichtstoffe, die auf dem Halbmetall Silizium basieren.
Der weltweite Markt der Silikondichtstoffe und deren Vorprodukte sei «dramatischen Veränderungen» unterlegen, heisst es im Brief. Der Silizium-Markt sei von «bisher nicht vorstellbaren Preissteigerungen» betroffen. Darum müsse Sopro Bauchemie die Verkaufspreise von Silikondichtstoffen und silikonbasierten Kartuschenware ab 1. November um 30 Prozent erhöhen. Zudem sei nicht ausgeschlossen, dass Silikondichtstoffe zeitweise nicht oder nur verzögert lieferbar seien.

«Massive Konsequenzen für die Versorgung»

Auch das Unternehmen Henkel Adhesive Technologies, das mit Klebstoffen handelt, kündigte ihren Schweizer Kunden vor einigen Tagen Preiserhöhungen bei Silikonen an. Viele Rohstoffe hätten sich in letzter Zeit verteuert, heisst es im entsprechenden Schreiben. «Besonders dramatisch ist die Situation im Bereich der Silikone.» China habe die Produktion von Silizium-Metall seit Mitte September drastisch reduziert. «Diese Entscheidung hat massive Konsequenzen für die Versorgung.» Eine Verbesserung der Situation sei aktuell nicht absehbar.

Silizium ist nach Sauerstoff sogar das zweithäufigste Element der Erdhülle. Etwa 15 Prozent der Erde bestehen aus Silizium.


In der Tat ist Silizium in den letzten Monaten auf dem Weltmarkt massiv teurer geworden. Allein von August bis Oktober haben sich die Preise fast vervierfacht. So teuer wie jetzt war das Halbmetall noch nie.

Wichtiger Bestandteil von Halbleitern und Computerchips

Silizium ist Bestandteil unzähliger Alltagsprodukte. Neben den erwähnten Silikonen wird es vor allem für die Herstellung von Halbleitern und Computerchips verwendet. Im Autobau wird Silizium ebenfalls gebraucht. Es fliesst zum Teil auch in Armbanduhren und Gusseisen.
Das Halbmetall ist eigentlich alles andere als knapp. Silizium ist nach Sauerstoff sogar das zweithäufigste Element der Erdhülle. Etwa 15 Prozent der Erde bestehen aus Silizium.
Um das Element aber verwenden zu können, muss es durch einen Umwandlungsprozess aus Quarzsand herausgelöst werden. Dazu sind Schmelzöfen nötig, die auf bis zu 2000 Grad erhitzt werden. In diesen wird Siliziumoxid in reines Silizium verwandelt.

China produziert 64 Prozent des Siliziums

Das mit Abstand grösste Förderland von Silizium ist China – mit einem Anteil von 64 Prozent. Vor allem die Provinz Yunnan ist ein grosser Produzent. Weitere grosse Silizium-Hersteller sind Russland (10 Prozent) und die USA (6 Prozent).

Der Grund für die Produktionsbeschränkungen bei Silizium ist vor allem die Stromknappheit, mit der China derzeit zu kämpfen hat.


Gemäss dem deutschen Magazin «Focus» hat die Regierung von Yunnan im September erlassen, dass die Hersteller bis Ende diesen Jahres nur noch 10 Prozent der sonstigen Menge an Silizium herstellen dürfen. Auch sonst stehen viele chinesische Siliziumschmelzen still.
Der Grund für die Produktionsbeschränkungen ist vor allem die Stromknappheit, mit der China derzeit zu kämpfen hat. Denn die meisten Silizium-Schmelzöfen werden mit Strom betrieben. Weil Kohle knapp und teurer geworden ist, können viele Kohlekraftwerke nicht auf Volllast produzieren. Zudem hat es in China in letzter Zeit kaum geregnet, so dass auch von vielen Wasserkraftwerken wenig Strom kommt.

Auswirkungen auch auf den Elektronikmarkt

Der Silizium-Engpass und die entsprechenden Preissteigerungen beeinträchtigen in der Schweiz nicht nur den Silikon-Markt. Auch die Elektronik ist betroffen. «Wegen der Chip-Knappheit sind in unserem Sortiment bereits jetzt manche Produkte und Marken rar», schreibt der Online-Anbieter Digitec Galaxus auf Anfrage. «Die Verknappung des weltweiten Silizium-Angebots dürfte den Engpass weiter verschärfen.»

Der Preis von Polysilizium, einem der Hauptbestandteile von Solarpanels, ist seit Mitte 2020 fast um den Faktor sechs gestiegen.


Bei Swissmem, dem Verband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, hat man dagegen noch keine Informationen, dass die Silizium-Knappheit die Beschaffung von Elektronikteilen zusätzlich erschwert.
Auswirken dürfte sich der Engpass bei Silizium aber auf die Preise von Solarpanels. Denn Polysilizium, eine bestimmte Verbindung von Silizium, ist der Hauptbestandteil von Solarzellen. Und der Preis von Polysilizium ist seit Mitte 2020 fast um Faktor sechs gestiegen. Zu dieser Preishausse dürfte auch die steigende Nachfrage nach Fotovoltaik beigetragen haben.

Solarpanels um bis zu 13 Prozent teurer

David Stickelberger, Geschäftsleiter des Branchenverbands Swissolar, bestätigt steigende Preise für Solarpanels. Sogenannte Mainstream-Module seien seit dem letzten Januar um 13 Prozent teurer geworden, solche der Klasse «High Efficiency», die in der Schweiz am meisten eingesetzt würden, um 9 Prozent.
Die genauen Gründe für die Preissteigerungen seien ihm zwar nicht bekannt, schreibt Stickelberger: «Ich vermute aber, dass es neben Materialengpässen – nicht nur Silizium, sondern auch Alurahmen und Glas – vor allem mit der Transportlogistik zu tun hat: Nicht verfügbare Container und Schiffe, gesperrte Häfen, etc.»
Stickelberger ist aber zuversichtlich, was die Verfügbarkeit von Silizium betrifft. Er verweist auf einen ähnlichen Engpass im Jahr 2006. «Sobald den Produzenten klar war, dass eine dauerhafte Nachfragesteigerung vorliegt, investierten sie in neue Produktionskapazitäten. Das dürfte auch jetzt wieder der Fall sein, verbunden mit einer Überwindung des chinesischen Quasimonopols.»

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